Ein Zürcher Teenager nennt sich «Biest» und wird zum Attentäter im Namen des IS. Den Ermittlern sagt er: «Ich hätte das Paradies gefunden»Wegen einer verstörenden Bluttat steht ein schweizerisch-tunesischer Doppelbürger vor dem Jugendgericht in Dielsdorf. Dort schweigt er.01.07.2026, 11.01 Uhr7 LeseminutenKurz bevor er in Zürich mit einem Messer bewaffnet loszieht, startet der Teenager einen Livestream.Illustration Anja Lemcke / NZZRichter, Anwälte, Dolmetscher und Angehörige sind bereits im Gerichtssaal, als mehrere Polizisten einen schlaksigen Teenager hinein begleiten. Er trägt einen grauen Trainer. Mit seinem hängenden Kopf und den knabenhaft schüchternen Gesichtszügen wirkt er wie ein geprügelter Hund. Gut zwei Jahre ist es nun her, dass der damals 15-Jährige in einem Video einen Anschlag auf Zürcher Juden angekündigt hat – und dann, am Abend des 2. März 2024 zur Tat geschritten ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Mittwochmorgen setzt sich Mahmoud, der in Wirklichkeit anders heisst, in der Mitte des Saals am Jugendgericht in Dielsdorf hin. Die Hände hat der schweizerisch-tunesische Doppelbürger im Schoss gefaltet, als der vorsitzende Richter damit beginnt, ihn zu seinen Taten zu befragen: «Seit den Vorfällen sind mehr als zwei Jahre vergangen. Sie stehen heute an einem anderen Punkt, aber wir müssen nun zurückblicken in diese Zeit.Haben Sie das verstanden?» – «Ja», antwortet der Teenager.Dann hält der Richter Mahmoud die Vorwürfe gegen ihn vor: Dass er verbotene Gewaltvideos der Terrororganisation Islamischer Staat konsumiert und verbreitet haben soll, einen Anschlag auf Juden geplant und schliesslich mit einem Steakmesser 17 Mal auf einen 50-jährigen Mann eingestochen haben soll. Zu jedem Punkt sagt der Jugendliche nur stoisch: «Keine Aussage».Ob er generell nichts sagen wolle, will der Richter wissen: «Ja», antwortet Mahmoud. «Und weshalb?», fragt der Richter. «Keine Aussage.»Trotzdem fragt der Richter weiter. Und aus seinen Fragen werden sich später weitere Details darüber erschliessen lassen, wie aus dem 15-jährigen Mahmoud ein islamistischer Attentäter geworden ist. Seine Geschichte ist die eines Teenagers, der in den Strudel radikaler Einflüsterer im Internet geraten ist. Und der dann selbst andere in seinen Bann gezogen hat und zum Täter geworden ist.«Er ist Isis»Mahmoud wird 2008 geboren. Im Alter von drei Jahren wird er in der Schweiz eingebürgert. Zusammen mit seinem Vater, der in den neunziger Jahren schon einmal mit einer Schweizerin verheiratet war.Die Familie lebt zunächst am Stadtrand von Zürich in einer einfachen Wohnung eines Mehrfamilienhauses. Der Vater fährt Taxi, um den Lebensunterhalt der mehrköpfigen Familie zu finanzieren.Doch offenbar plagen die schweizerisch-tunesische Familie Geldsorgen. Das bekommt auch der Teenager zu spüren. Die Mutter verlässt die Schweiz und lebt daraufhin während mehreren Jahren mit den Kindern in einer Stadt im Norden Tunesiens. Der Vater bleibt in Zürich. Vieles, was in dieser Zeit in Nordafrika passiert, ist unklar. Bekannt ist, dass Mahmoud dort zur Schule geht. Er spricht fliessend tunesisches Arabisch.Während der Corona-Pandemie kehrt die Mutter mit den fünf Kindern aus dem krisengeschüttelten Land nach Zürich zurück. 2021 wird Mahmoud wieder in der Schweiz eingeschult. 2022 ziehen er und seine Familie vom Zürcher Stadtrand in eine Wohnung im Glatttal um. Dort besucht der spätere Attentäter die Oberstufe – und verliert den Halt.Vielleicht, weil er an seiner Schule gemobbt wird, vielleicht auch, weil er sich wegen einer autistischen Störung immer mehr isoliert. Sicher ist: Er driftet irgendwann in eine düstere Parallelwelt ab. Eine Welt aus IS-Verehrung, Terror-Verherrlichung und mörderischer Gewalt.Die Ermittler datieren dieses Abdriften auf den August 2023. Gemäss Anklageschrift der Zürcher Jugendanwaltschaft verbringt der Jugendliche am Wohnort der Eltern immer mehr Zeit in der virtuellen Welt. Das deckt sich mit Aussagen von Mitschülern, die ihn als Einzelgänger beschreiben, der viel Zeit in sozialen Netzwerken verbringt.Zuerst beschäftigt er sich vor allem mit Gewalt gegen Menschen. Dann, einige Monate später, soll sich der damals 15-Jährige täglich mehrere Stunden auf Propaganda-Websites und IS-Foren aufgehalten und sich mit Gleichgesinnten ausgetauscht haben.Die Ermittler stossen auf seinem Smartphone auf unzählige Text- und Videodateien. Sie zeigen Hinrichtungen, Menschen, die enthauptet, verbrannt und erhängt werden. Die Aufnahmen soll der Jugendliche teilweise auch selbst in den sozialen Netzwerken und in Chatgruppen weiterverbreitet haben.Am 28. Januar 2024 recherchiert er zum Treueeid beim IS. Er legt auch seinen bürgerlichen Namen ab und nimmt den Beinamen «al-Dabbah» an. Dabbah ist eine Kreatur aus dem Koran, die mit dem Tag des jüngsten Gerichts in Verbindung steht. Mahmoud hat mehrere Accounts, mit denen er sich auf X und Instagram bewegt. Sie alle tragen das Wort Brot im Namen. Brot gilt als Codewort für einen Anschlag.Ein User auf der Plattform X schreibt damals ehrfürchtig über ihn auf Arabisch: «Er ist Isis.»Mahmouds Pläne werden in dieser Zeit immer konkreter. Ende Februar, wenige Tage vor der Tat, tauscht er sich im Internet mit anderen IS-Anhängern darüber aus, wie man einen Sprengsatz herstellt. Diese Pläne lässt er jedoch wieder fallen. Gemäss Anklage, weil ihm die Herstellung eines Sprengsatzes zu kompliziert ist. Stattdessen kauft er am späten Nachmittag des 1. März in einer Migros-Filiale ein Steakmesser.Kurz vor Mitternacht fragt er online: «Zu welcher Zeit treffen sich die Juden?» Kurz darauf kündigt er seinen Angriff öffentlich an. Dazu lädt er das Bild eines viergeteilten Brotes hoch, versehen mit dem Wort: «Bald».Ein 40-minütiger Terror-LivestreamAm Nachmittag des 2. März, nur wenige Stunden vor der Tat, lädt Mahmoud schliesslich ein Video hoch. Darauf ist sein Gesicht zu sehen, über den Kopf hat er eine Kapuze gezogen. Während im Hintergrund Verkehrslärm rauscht, sagt er auf Arabisch verstörende Sätze. Er bezeichnet sich als Schlächter, der als Soldat des Kalifats dem Aufruf des Islamischen Staats folge. Er wolle einen Überfall auf eine Synagoge verüben und versuchen, so viele Juden wie möglich zu töten.Er habe seine Taten global verbreiten und dadurch Ruhm erlangen wollen, heisst es in der Anklage.Ein paar Stunden später, um 21 Uhr 13, startet der Jugendliche gemäss Anklage einen Livestream, der insgesamt vierzig Minuten dauern sollte. Die Mitglieder in den Chatgruppen ruft er dazu auf, die Aufnahmen zu speichern und zu teilen, damit möglichst viele seine Bluttat sehen könnten. Eine Minute später postet er auf Instagram auf Arabisch ein einziges Wort: «Jetzt».Um 21 Uhr 20 steigt er in Zürich die Treppe zu einer Synagoge hoch, in der gerade ein Gottesdienst mit mindestens fünfzig Gläubigen läuft. Vor dem Eingang nimmt er sein Messer hervor.Doch er schafft es nicht, die Türe zu öffnen. Verärgert hört man ihn im Livestream sagen: «Ach so ein Mist, die Türe ist geschlossen.» Er suche sich nun einfach ein neues Ziel. «Egal, wen ich auf der Strasse sehe. Ich werde einzelne Operationen durchführen.»Es trifft einen 50-jährigen Familienvater. Als der orthodoxe Jude im Hauseingang einer Liegenschaft in Zürich klingelt, sticht der jugendliche IS-Anhänger von hinten zu. Er lässt auch nicht ab, als das Opfer zu flüchten versucht und um Hilfe ruft. Auf der Motorhaube eines an einem Rotlicht wartenden Autos kommt es zu einem Gerangel zwischen Täter und Opfer.Insgesamt 17 Mal sticht Mahmoud gemäss Anklage mit dem Messer auf das Opfer ein. Der Mann überlebt den Angriff zwar schwer verletzt, trägt aber massive, bleibende Schäden davon. Die Jugendanwaltschaft schreibt in der Anklage, er leide bis heute unter den seelischen, aber auch physischen Folgen der Tat.Zwei Kampfsportler, die zufällig in der Nähe sind, können Mahmoud schliesslich festhalten, bis die Polizei eintrifft. Für den Teenager läuft es anders als geplant.In einer Einvernahme gibt er den Ermittlern später zu Protokoll, er habe sterben wollen. Er sagt: «Ich dachte, dass die Polizei mich am Tatort umbringt. Es hat nicht geklappt.» Er habe zwar noch Lebensfreude gehabt, aber der Wille zum Sterben sei grösser gewesen. «Ich wäre gelobt worden und hätte das Paradies gefunden.»«Sie weisen alle Belastungen auf»Die zentrale Frage lautet nach dem Anschlag: Wie und weshalb konnte sich ein Jugendlicher in diesem Ausmass radikalisieren?Leonardo Vertone beschäftigt sich seit Jahren mit jugendlichen IS-Anhängern. Er hat an einem Interventionsprogramm für radikalisierte Minderjährige mitgewirkt. Seit 2020 ist er Co-Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforensik an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.Vertone und sein Team beschäftigen sich gutachterlich und therapeutisch mit solchen Fällen. Zum Fall von Mahmoud selbst kann sich Vertone nicht äussern. Allgemein sagt er aber: «Die betroffenen Jugendlichen weisen alle Belastungen in ihren Biografien auf.» Die Risikofaktoren variierten dabei von Fall zu Fall. Bei manchen spiele Gewalt in der Familie oder Mobbing an der Schule eine Rolle, andere litten an psychischen Problemen.Vertone sagt: «Sie wenden sich extremistischen Einstellungen häufig in Phasen besonderer Verunsicherung, Orientierungssuche oder sozialer Belastung zu. Extremistische Gruppen bieten dann scheinbar einfache Antworten, Zugehörigkeit und klare Orientierung.»Social Media und radikale Einflüsterer in der digitalen Welt haben dabei an Bedeutung gewonnen. Vertone sagt: «Es braucht nur ein paar Klicks – und man hat Zugang zu extremistischen, teilweise äusserst blutrünstigen Inhalten.» Es bestehe deshalb die Gefahr, dass sich die Jugendlichen in einem digitalen «Rabbit Hole» verlören.Vertone versucht im Interventionsprogramm, die Jugendlichen mit ihren radikalen Ansichten zu konfrontieren und sie zu einer Distanzierung zu bewegen. Dazu müsse man verstehen, was die Teenager antreibt. Sonst fühlten sie sich nicht ernst genommen. «Wir müssen trotz aller Widerstände in Kontakt mit ihnen treten. Sonst gelingt es nicht, dass sie ihr radikales Weltbild hinterfragen. Und genau das muss das Ziel sein.»Jugendanwaltschaft fordert Verurteilung wegen mehrfachen, versuchten MordesDa Mahmoud vor dem Jugendgericht steht, ist die Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen. Wegen des grossen öffentlichen Interesses hat das Gericht in Dielsdorf aber entschieden, Journalisten zumindest zu einem Teil der Verhandlung zuzulassen. Sie können die Befragung des Beschuldigten zur Tat sowie auch das mündliche Urteil nächste Woche mitverfolgen.Die Jugendanwaltschaft wirft Mahmoud in ihrer Anklage unter anderem mehrfachen versuchten Mord und Unterstützung einer kriminellen Organisation vor. Sie fordert einen Freiheitsentzug von einem Jahr. Bei Beschuldigten, die zum Tatzeitpunkt jünger als 16 Jahre alt waren, ist es das höchste Strafmass.Zudem verlangt die für den Fall zuständige Jugendanwältin die Anordnung einer persönlichen Betreuung, einer ambulanten Behandlung sowie eine Unterbringung in einer geschlossenen Institution. Eine solche Unterbringung kann bis zum 25. Altersjahr ausgesprochen werden. Der Verteidiger des Jugendlichen hat sich bisher noch nicht zum Inhalt der Anklage und zu seinen Anträgen vor Gericht geäussert. Für den zum Tatzeitpunkt 15-jährigen, schweizerisch-tunesischen Doppelbürger gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.Das Urteil wird nächste Woche erwartet.Passend zum Artikel