GastkommentarReinhard K. SprengerKrisen? Nein, das alte neue NormalKrise um Krise erschüttert die Welt – wirklich? Aus historischer Perspektive ist die Gegenwart keine Krise, sondern die Rückkehr zur Normalität. Solange wir von der Überwindung der Krisen träumen, bleiben wir im Modus des Reparierens.01.07.2026, 05.25 Uhr3 LeseminutenDie Krise als Stromschnelle, die es möglichst zu umschiffen gilt, um wieder in ruhiges Gewässer zu gelangen.Michael Buholzer / KeystoneDie meisten Menschen haben für ihr Leben das innere Bild eines möglichst langen, ruhigen Flusses, in dem Turbulenzen die Ausnahme sind. Eine Krise ist in dieser Vorstellung eine Stromschnelle, die – um im Bild zu bleiben – möglichst zu umschiffen ist. Danach fliesst das Wasser wieder ruhig und harmonisch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieses Bild gerät ins Wanken, wenn Krisen sich stapeln: Finanzkrise, Klimakrise, Energiekrise, Treibstoffkrise, Ukraine-Krise, Demokratiekrise, Krise der Meinungsfreiheit, Krise der Autorität – aber auch Fachkräftekrise: Man kriegt heute keinen Heizungsinstallateur mehr, aber jede Menge Klangschalentherapeuten. Viele sprechen daher von einer «Dauerkrise». Und reagieren mit Orientierungslosigkeit, Ohnmacht, Investitions- und Konsumzurückhaltung bis hin zur Natalitätsverweigerung.Wenn das Unerwartete geschiehtAber was ist das eigentlich: eine Krise? Nicht jede Unzulänglichkeit ist ja eine Krise; es gibt immer Lebensbedingungen, die nicht einfach zu bewältigen sind, aber zum Alltag gehören. Wenn wir den Begriff nicht inflationieren wollen, dann ist eine Krise ein radikaler Bruch der Kontinuitätserwartung. Sie ist gekennzeichnet durch einen unerwarteten Beginn, eine (zunächst) unklare Ursache, ein ungewisses Ende und nicht prognostizierbare Konsequenzen. Das entscheidende Kriterium aber ist: Die Krise ist zeitlich begrenzt. Es gibt ein Davor und ein Danach. Daher ist die Rede von der «Dauerkrise» irreführend.Was ist das Besondere an der gegenwärtigen Situation? Es ist der historische Hintergrund. Denn das Erleben einer Krise hängt ab von der Konzeption dessen, was wir «normal» nennen. Die wiederum ist gebunden an geschichtliche Erfahrung. Und da kommen wir aus einer Zeit, die seit dem Zweiten Weltkrieg bis etwa zur Finanzkrise 2008 stets auf aufsteigender Linie war.Alle Entwicklungen zeigten nach oben, es ging uns immer besser, alles wurde «mehr». So sehr, dass nach dem Fall der Mauer 1989 das «Ende der Geschichte» ausgerufen wurde – gemeint war das Ende der Volatilitäten und der Anfang unendlicher Möglichkeiten. Vor allem aber waren wir sicher, dass wir sicher waren.Aus dieser Zeit speisten sich die Erwartungen für die Zukunft. So sollte es weitergehen.Die SpielverderberUnd dann tauchten einige «Spielverderber» auf, die sich weder um unsere Erwartungen scherten noch um die Regeln, nach denen wir bislang spielten. Durch sie wurde die Unsicherheit als Leitparadigma für politisches wie für wirtschaftliches Handeln abgelöst von der Ungewissheit. Für Ungewissheit aber versagt die bis anhin so erfolgreiche Kompetenz der planerischen Zukunftsvorstellung. Zugleich verschob sich die gut eingeübte Praxis des erfahrungsgesättigten Wählens hin zum präzedenzlosen Entscheiden ohne belastbare Faktenbasis.Anfänglich wollte man es kaum glauben, war verblüfft, betrachtete es als Betriebsunfall – eben als Krise. Was wir vergessen haben: Menschheitsgeschichtlich waren wir immer bedroht – bedroht durch naturbedingte Knappheiten und menschenbedingte Kriege. Das war der Normalzustand. Noch die 1920er und die 1930er Jahre wiesen Dramen in allen Lebensbereichen auf. Aus historischer Perspektive ist die Gegenwart daher eben keine Krise – sondern eine Rückkehr zur Normalität. Die eigentliche Krise war die Zeit zwischen 1945 und 2008 – ein Bruch der Kontinuität, eine historisch beispiellose Zeit der Nicht-Normalität.Fehlende UrteilskraftUnser Erleben der Gegenwart ist jedoch geprägt von der Tatsache, dass uns die goldene Nicht-Normalität zur Normalität wurde. Wir erwarten von ihr Stetigkeit, als hätten wir Anspruch auf sie. Daher ist das Etikett der «Krise» selbst die Krise – eine Krise der Urteilskraft. Und die ist gefährlich. Solange wir die Gegenwart als Krise bezeichnen und von ihrer Überwindung träumen, bleiben wir im Modus des Reparierens.Wir bleiben defensiv, wollen «überwintern» in einem leicht modifizierten Weiter-so. Wenn wir hingegen zukunftsfähig werden wollen, müssen wir grundsätzlicher denken und handeln. Denn die Welt von gestern ist die Welt von gestern. Das anzuerkennen erzwingt eine Idee der Staatlichkeit, die sich nicht in erster Linie als helvetischer Heimatschutzverein begreift, sondern die auf die vielfältigen grenzüberschreitenden Herausforderungen flexibel und mutig antwortet.Im Institutionellen geht es dabei vorrangig um das Ausspülen jener Sklerose, die sich in den trägen Wohlstandsjahren abgelagert hat. Im Individuellen müssen wir lernen, uns wohlzufühlen in der Unbehaglichkeit (obwohl sich manche früheren Generationen unsere Unbehaglichkeit gewünscht hätten). Zukunftsfähigkeit sattelt aber vor allem auf dem Aufgeben der Hoffnung, es würde noch einmal so wie früher. Wer von der guten alten Zeit träumt, hat ein zu kurzes Gedächtnis.Reinhard K. Sprenger ist Philosoph und arbeitet als Managementberater und Publizist; er schreibt an einem Roman über Lebenswenden.
Krise oder Normalität? Warum die Gegenwart kein Ausnahmezustand ist
Krise um Krise erschüttert die Welt – wirklich? Aus historischer Perspektive ist die Gegenwart keine Krise, sondern die Rückkehr zur Normalität. Solange wir von der Überwindung der Krisen träumen, bleiben wir im Modus des Reparierens.









