Alles ist geregelt, vieles funktioniert trotzdem nicht. Wir bräuchten wieder mehr echte Spielräume, in denen Menschen situationsangemessen urteilen und handeln können, meint Hartmut Rosa im Interview.

taz FUTURZWEI: Herr Professor Rosa, sind wir als liberal-emanzipatorische Gesellschaft in der Nachspielzeit und liegen gegen die Autoritären zurück?

Hartmut Rosa: Das klingt ein bisschen düster. Ich würde erst einmal vorschlagen, nicht von Nachspielzeit zu reden, sondern von Zwischenspielzeit. Denn Nachspielzeit würde heißen, es geht sowieso zu Ende.

taz FUTURZWEI: Wir gehen davon aus, dass das, was gerade als Rollback passiert, keine vorübergehende Anomalie ist, sondern dass jetzt richtig gehandelt werden muss. In Ihrem neuen Buch Situation und Konstellation diagnostizieren Sie aber, dass Handlungsfähigkeit aufseiten der Subjekte immer kleiner wird. Warum?

Hartmut Rosa: Ich würde der Diagnose zustimmen, dass im Moment vieles nicht mehr greift. Zum Teil ist die Lage sogar katastrophisch. Zur Begriffsklärung: Mit Situation meine ich Momente, in denen wir aktiv selbst urteilen, reagieren und handeln. Konstellation ist ein Zustand, in dem wir nur noch vorgegebene Protokolle, Algorithmen oder bürokratische Abläufe erfüllen. Jetzt sind wir allerdings in vielerlei Hinsicht nicht einmal mehr in der Lage, die konstellativen Vorgaben und Regeln zu erfüllen, etwa in den ökologischen und den Kriegsfragen. Da kommt es zu einem Rationalitätszusammenbruch.