Die deutsche Nationalmannschaft verliert im Sechzehntelfinale gegen Paraguay. Im Elfmeterschießen versagen gleich drei Spielern die Nerven. Die Entscheidung im Video.Die Nationalmannschaft blamiert sich erneut bei einer WM. Bei dem Weltturnier wird deutlich, wie fragil das Team ist. Nun könnte es einige Rücktritte von Spielern geben – und einen Neustart mit Talenten und Jungstars.Nach der Schmach trugen sich besondere Szenen im Bauch des Stadions in Foxborough zu. Am Montagabend betrat nicht Julian Nagelsmann als Erster den Pressesaal in der Arena bei Boston, sondern Andreas Rettig. Der Geschäftsführer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) setzte sich zu den Journalisten in die Reihen vor dem Podium und hörte zu, wie der Bundestrainer wenig später auf der Pressekonferenz das bittere Ausscheiden im Sechzehntelfinale der WM in den USA, Kanada und Mexiko erklärte.Die Enttäuschung stand Nagelsmann ins Gesicht geschrieben. Dieser Abend war ein Desaster für ihn und die Spieler. Auf eine Frage von WELT berichtete Nagelsmann von der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit in der Kabine.Rettig muss die Stimmung, die emotionale Temperatur ausloten und als Führungskraft beobachten, wie sich der 38-Jährige jetzt präsentiert und äußert. Das Scheitern der Mannschaft ist auch Nagelsmanns Scheitern. Der Trainer schloss einen Rücktritt am Montagabend aus, sagte aber auch: „Ich kenne die Mechanismen des Fußballs. Ich weiß, wie es in dem Geschäft läuft.“Kaum vorstellbar, dass ein Bundestrainer mit der Bürde dieser desolaten WM weitermachen darf. Nagelsmanns Fußball-Sachverstand steht allerdings außer Frage, und er kennt den deutschen Fußball und seine Probleme. Nagelsmann sagte sinngemäß, es gebe einiges, was zu ändern sei. Details wollte er an diesem Abend nicht nennen. Die Probleme dieser Mannschaft, dieses Verbandes, des Fußballs in Deutschland gehen weit über die richtige Besetzung des Bundestrainerpostens hinaus. „Es ist jetzt nicht das erste Mal, sondern es passiert seit Längerem, dass wir solche Turniere abliefern“, sagte Nagelsmann. Er sagte zudem: „Ich weiß auch, dass jetzt wahrscheinlich nicht so viele da sitzen, die es freuen würde, wenn ich weitermache. Aber ich würde gern weitermachen, wenn der DFB das will.“Lesen Sie auchDer DFB muss sich nun unter anderem eine ganz zentrale Frage stellen, egal ob künftig Nagelsmann oder Jürgen Klopp Bundestrainer ist: Wie sieht die Nationalmannschaft der Zukunft aus? Wer sind die Säulen des Teams, wer führt an?Lesen Sie auch„Nächster deutscher Fußball-Albtraum“, nennt „Bild“ zu Recht das Ausscheiden. 2018, 2022, 2026 – drei klägliche Weltmeisterschaften der Deutschen führen dazu, dass sich einiges ändern muss. Strukturell, im Verband, im Zusammenspiel mit den Klubs – und innerhalb der Mannschaft. Ihre Zerbrechlichkeit und Schwächen kamen beim 4:5 nach Elfmeterschießen gegen den Weltranglisten-37. Paraguay deutlich zum Vorschein. „Wir müssen uns einiges wieder hart erarbeiten“, sagte der frühere Abwehrspieler und ZDF-Experte Per Mertesacker, der 2014 mit Deutschland in Brasilien die WM gewann. „Für die, die es noch nicht kapiert haben: Wir haben gegen die schwächste Mannschaft aus der Vorrunde gespielt und haben es nicht geschafft, mehr als zwei Chancen in 120 Minuten zu bekommen.“Die Klasse von 1995 als titellose GenerationDie Generation um Kapitän Joshua Kimmich ist in Bezug auf die Bilanz bei großen Turnieren eine titellose Generation – die „Klasse von 1995“ und der Jahrgang 1996, zu denen auch Leon Goretzka, Leroy Sané sowie der verletzte Serge Gnabry gehören. Weltmeister Mats Hummels sagte bei MagentaTV in Bezug auf die Mannschaft: „Da kann ich mir schon vorstellen, dass einige zurücktreten werden.“ Kimmich schloss einen Rücktritt allerdings aus. „Ich werde immer die Power haben für einen neuen Anlauf. Was ich niemals tun werde ist: aufgeben“, sagte der 31-Jährige.Lesen Sie auchIm WM-Kader finden sich einige Spieler, die ihre beste Zeit wohl noch vor sich haben. Aleksandar Pavlović vom FC Bayern hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Bei diesem Turnier begann er stark, ließ dann aber immer mehr nach. Er ist 22, bei der EM in zwei Jahren in Großbritannien könnte er im zentralen Mittelfeld eine wichtige Rolle spielen. Gleiches gilt für seinen Nebenmann Felix Nmecha, der ebenfalls abbaute, jedoch auch seine Stärken zeigte und phasenweise bester deutscher Spieler war. Weniger zum Einsatz kam Angelo Stiller vom VfB Stuttgart – der 25-Jährige ist eine vielversprechende Alternative im Mittelfeld und könnte künftig seine Chance bekommen.Auf der Außenbahn könnte es einen Umbruch geben. Der 18-jährige Lennart Karl wäre wohl Teil der WM-Startelf gewesen, verletzte sich aber kurz vor dem Turnier. Ihm gehört die Zukunft, er bringt die Leichtigkeit und Überraschungsmomente mit, die der deutschen Mannschaft in den USA fehlten. Gleiches gilt für den 19-jährigen Said Al Mala vom 1. FC Köln, den Nagelsmann zur Überraschung einiger Experten nicht für die WM nominierte, und Jamie Leweling (25) vom VfB Stuttgart sowie Assan Ouédraogo (20) von RB Leipzig.Die kommenden Tage und Wochen werden zeigen, ob Spieler nach dieser Schmach aus der Nationalelf zurücktreten. Der 27-jährige Kai Havertz hat in mehreren Szenen wieder mal seine Klasse bewiesen und wäre wichtig für die künftige Nationalelf.Torwart Manuel Neuer dürfte aufhören, er ist 40 Jahre alt, sein Vertrag beim FC Bayern gilt noch ein Jahr. Mittel- und langfristig könnte der 22-jährige Jonas Urbig das deutsche Tor hüten, Neuer agiert als eine Art Mentor seines Klubkollegen. Im Teamquartier in Winston-Salem in North Carolina verbrachten beide auch viele Stunden in der Freizeit miteinander. Urbig, der nicht zum offiziellen WM-Kader gehörte und als Trainingstorwart dabei war, wird von der täglichen Trainingsarbeit mit Neuer in München weiter profitieren und soll in der neuen Saison dem Vernehmen nach mehr Spiele beim deutschen Fußball-Rekordmeister bekommen.Lesen Sie auch„Wir haben viele talentierte Spieler in Deutschland“, sagte Nagelsmann am Montagabend. Er sagte aber auch richtigerweise: „Es wäre vermessen, nach dem dritten Turnierausscheiden zu sagen, dass wir zur Weltspitze gehören. Das tun wir einfach nicht. Es gibt ein paar Themen, die wir angehen müssen. Bei den Innenverteidigern haben wir nicht 20 Stück zur Auswahl.“Deutsche Gewinner gibt es nach dieser desaströsen WM nicht. Doch einen, der viel lernen konnte und deutlich mehr spielte als von vielen erwartet: Nathaniel Brown. Endlich wieder ein Außenverteidiger mit Ideen und Mut. Der 23-Jährige wechselt jetzt zum FC Bayern und dürfte durch das Training mit den Stars und den Einsätzen in der Champions League weiter reifen. Er kann in der Abwehrkette eine Größe der Auswahl werden.In der Innenverteidigung fehlte Nico Schlotterbeck seit dem Spiel gegen die Elfenbeinküste verletzt. Der Profi von Borussia Dortmund ist 26 Jahre alt und hat unter anderem Stärken im Spielaufbau und bei Standardsituationen. Er wird mit Jonathan Tah (30) auch künftig die Innenverteidigung bilden. Zudem könnten sein Klubkollege Waldemar Anton (29) und Malick Thiaw (24) von Newcastle United mehr spielen.Kein Toni Kroos, kein Ilkay Gündoğan – es müssen neue Spieler gefunden und entwickelt werden, die Räume erkennen und die richtigen Pässe spielen, das Spiel lesen können. Florian Wirtz und Jamal Musiala, beide 23 Jahre, sind in Bestform mit die besten der Welt auf ihren Positionen. Bei der WM hatten beide ihre Momente, doch insgesamt war es auch von ihnen zu wenig. Dennoch bleiben die beiden Jungstars das Kapital dieser Mannschaft.Im Sturm kam Nick Woltemade bei der WM erst gegen Paraguay zu seinem ersten Einsatz – als Einwechselspieler. Er hatte Deutschland mit seinen Toren in der Qualifikation zum Turnier geschossen. Mit 24 Jahren und seinen Qualitäten hat er eine Zukunft in der Mannschaft.Kennet Eichhorn könnte ein Team der Zukunft prägenUnd wer führt das Team künftig? Kimmich, Tah, Havertz und Rüdiger könnten es kurz- und mittelfristig. Die Hierarchie und Statik der Mannschaft dürften sich verändern. Nmecha und Pavlovic könnten künftig mehr Verantwortung tragen. Doch auch sie müssen sich jetzt neu beweisen. Nur wer konstant Leistung bringt, kann im Sport führen.Über den WM-Kader hinaus gibt es viele Spieler, die für die Nationalelf infrage kommen. Der 25-jährige Innenverteidiger Yann Bisseck von Inter Mailand und Kennet Eichhorn zum Beispiel. Bisseck gewann mit Inter kürzlich das Double. Nagelsmann verzichtete bei der WM dennoch auf ihn. Eichhorn ist erst 16 Jahre und gerade von Hertha BSC zu Bayer Leverkusen gewechselt. Im zentralen Mittelfeld kann er künftig ein vielversprechender Spieler sein – gerade, wenn er sich bei Leverkusen weiter so entwickelt wie zuletzt bei Hertha.Das nächste Mal trifft sich die Nationalmannschaft im September. Dann stehen gleich vier Spiele in der Nations League auf dem Programm, unter anderem gegen die Niederlande. Auf denjenigen, der dann Bundestrainer ist, wartet viel Arbeit. Nagelsmann antwortete Montagabend, bevor er die Pressekonferenz verließ, noch auf die Frage eines ausländischen Reporters auf Englisch: „Wenn es eine große Veränderung gibt, braucht es Zeit.“Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit Jahren über die Nationalmannschaft. Seit knapp vier Wochen sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die deutsche Auswahl bei der WM.