Wenn das Scheitern zur Regel wird: Deutschlands Fussball verabschiedet sich endgültig von der WeltspitzeZum dritten Mal in Folge scheitert das DFB-Team früh an der WM – Deutschland als Turniermannschaft verblasst zu einer Erinnerung.30.06.2026, 11.49 Uhr7 Leseminuten«Scheinbar sind wir nur noch zweitklassig», sagte Kai Havertz (links) nach dem Spiel. Rechts: Jamal Musiala.Amanda Perobelli / ReutersManche Gewissheiten erodieren schleichend. Im Fussball ist das nicht anders als in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft. Man glaubt, dass auf gewisse Dinge Verlass sei, und stellt plötzlich fest, dass diese Annahme überholt ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass die Deutschen eine Turniermannschaft sind, war eine dieser Annahmen, die irgendwann zu einem Mythos wurden. Aber sie wurde durch das frühe Aus an der Fussball-WM 2018 erschüttert; die Havarie an der WM 2022 in Katar in der Vorrunde verstärkte die Zweifel. Und nun, nach dem Knock-out im Elfmeterschiessen gegen Paraguay in der Runde der letzten 32 Teams, können die Deutschen diesen Mythos getrost ad acta legen.Sie sind keine Mannschaft mehr, die in der Lage ist, sich in ein Turnier hineinzuspielen oder hineinzukämpfen.Früher beherrschten die Deutschen das ElfmeterschiessenEine weitere Gewissheit wurde an diesem Abend erschüttert: dass die Deutschen an grossen Turnieren, erst recht an Weltmeisterschaften, partout kein Elfmeterschiessen verlieren. Wobei beides eigentlich untrennbar miteinander verbunden ist: Wie oft hatte der Weg in einen Final über ein Penaltyschiessen geführt, das die Deutschen mit furchterregender Effizienz für sich entschieden?Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenVor zehn Jahren standen sie letztmals bei einem grossen Turnier in einem Halbfinal, damals unterlagen sie Frankreich in einem grossen Match. Auf dem Weg dorthin besiegten die Deutschen erstmals Italien bei einem Turnier, im Penaltyschiessen standen sich damals die Torhüter Manuel Neuer und Gigi Buffon gegenüber, und Neuer hatte eine seiner grossen Stunden.Grösser könnte der Kontrast nicht sein. Wie aber konnte es so weit kommen?Diese Frage stellt sich mittlerweile verblüffend häufig. 2018 verlor Deutschland gegen Mexiko und Südkorea, nur gegen Schweden konnte die Mannschaft gewinnen. Vier Jahre später, in Katar, konnte sie eine Auftaktniederlage gegen Japan in der Gruppe nicht mehr ausmerzen.Immerhin hiess einer der Gegner damals Spanien. Aber dieses Mal? Paraguay, ein Land mit sieben Millionen Einwohnern, bei den Buchmachern ein 1:5-Aussenseiter. Ein Prüfstein, aber einer, an dem die DFB-Elf im Turnierverlauf wachsen sollte, auf dem Weg in den Achtelfinal gegen Frankreich, einen der grossen Turnierfavoriten. Dann sollte sich erweisen, dass die Deutschen eben doch eine Turniermannschaft sind.Nagelsmann holte für die WM den Torwart Manuel Neuer zurück. Dass dieser gegen Paraguay der beste Mann auf dem Platz war, offenbart die Qualität des deutschen Spiels.Martin Meissner / APDie Deutschen stiessen gegen den Aussenseiter an GrenzenEiner, der sich ganz besonders auf dieses Spiel gegen Frankreich gefreut hatte, ist der deutsche Nationaltrainer Julian Nagelsmann. Angesichts der Experimente, die er während der laufenden Vorrunde durchführte, fragte sich mancher allerdings, in welcher Welt der deutsche Nationaltrainer lebt. Denn Nagelsmann schien vor allem den Achtelfinal in Philadelphia, zu dem es nun nicht kommen wird, im Blick zu haben.Das Ergebnis: An allen Ecken stiess die Mannschaft an ihre Grenzen, taktisch, aber auch athletisch, so dass Manuel Neuer in seinem letzten Spiel für die DFB-Elf der beste Deutsche war. Das darf als sportliche Konkurserklärung gewertet werden. Perplex sprach der Torhüter über den Auftritt, manche Kollegen taten es ihm gleich. Die Einsicht, dass das Versagen gross ist, war innerhalb der Mannschaft ungeteilt.Nur Nagelsmann wirkte auf eine irritierende Art trotzig. Doch das kann niemanden überraschen, der in den letzten Jahren seinen Hang zur grossen Rhetorik, zur risikoreichen Ankündigung beobachtet hat. Als er mit seinem Team an der Europameisterschaft im eigenen Land scheiterte, nach einem intensiven, hochklassigen Match gegen Spanien, erklärte er, dass es ihn sehr störe, noch zwei Jahre warten zu müssen, bis er mit Deutschland Weltmeister werden könne.Weltmeister mit Deutschland: Das klingt heute nach Fiktion, nach Utopie. Und daran hat auch Nagelsmann einen grossen Anteil. Immer wieder hat er das grosse Ziel beschworen und dabei die Möglichkeiten ein wenig ausser acht gelassen, wozu auch die eigenen zählen. Es passt zu einem solchen Mann, dass er aus seinem Scheitern nicht die Konsequenz zieht und seinen Posten zur Verfügung stellt.Der DFB sollte ihm dabei behilflich sein. Schliesslich sind die Erfahrungen nach den letzten Turnieren nicht eben ermutigend. Als Joachim Löw 2018 in Russland scheiterte, forderten viele seine sofortige Entlassung. Das ist verständlich; selten ist es sinnvoll, nach einem solchen Ereignis mit dem Trainer weiterzumachen. Auch Spanien hatte diese Erfahrung gemacht, nach dem Aus 2014 mit Vicente del Bosque, immerhin Welt- und Europameister. Auch Löw zehrte von seinem Bonus als Weltmeistertrainer.Wenn zwei Männer wie del Bosque und Löw so lange hervorragende Arbeit geleistet haben, dann sollten sie die Gelegenheit zur Korrektur haben. Beide Male gelang es nicht, wobei Löw vom DFB noch bis zur EM 2021 mitgeschleppt wurde. Auf dem Weg dorthin lag unter anderem ein 0:6 gegen Spanien, die höchste Niederlage in der Geschichte des DFB.Ähnlich war es, als Hansi Flick mit Deutschland bei der Weltmeisterschaft in Katar ausschied. Nur war Flick nicht mit Nagelsmann zu vergleichen; er kam gerade vom FC Bayern, hatte das Triple gewonnen, der Fussball, den er spielen liess, war spektakulär. Doch auch hier wirkten die Kräfte gegen den Nationaltrainer: Ein Dreivierteljahr nach der WM war nach einer hohen Niederlage gegen Japan in Wolfsburg Schluss.Auch Joachim Löw (links) und Hansi Flick war es einst nicht gelungen, ein frühes WM-Aus zu verhindern. Doch sie waren als Nationaltrainer angesehener als Nagelsmann.Nico Herbertz / ImagoLöw und Flick verbindet eines: Sie waren angesehener, als Nagelsmann als Nationalcoach je war. Zuvor, bei Stationen in Hoffenheim und in Leipzig, eilte ihm der Ruf eines Wunderknaben voraus; seine Zeit beim FC Bayern wurde rückblickend dadurch verklärt, dass es ihm gelang, Paris Saint-Germain in der Champions League auszuschalten. Dennoch war die Erleichterung gross, als Nagelsmann, damals ohne Vertrag, dem DFB 2023 zusagte.Nagelsmann hält am Posten festReibungslos war Nagelsmanns Amtszeit als Nationaltrainer nie. Es gab Niederlagen gegen die Türkei und Österreich, die das Publikum sprachlos zurückliessen. Es gab das EM-Turnier in Deutschland, bei dem die Deutschen im Viertelfinal ausschieden; immerhin konnten sie sich zugutehalten, ein grosses Spiel gegen Spanien geliefert zu haben.Allerdings wurde auch hier viel verklärt und das Turnier zu einem Erfolg umgedeutet. Der Viertelfinal bei einer EM im eigenen Land kann nicht der Anspruch eines Verbands mit einer derart vollen Vitrine mit Titeln sein.Damals setzte Nagelsmann nach dem Ausscheiden zu einem Monolog an, der viel Widerhall fand. Er beklagte dies und jenes, sprach vom Zusammenhalt der Gesellschaft, im Grunde meinte er, jeder könnte sich ein Beispiel an einem Fussballteam nehmen, in dem der eine für den anderen arbeitet, man sich gegenseitig hilft. Nagelsmann wurde von vielen Medien dafür belobigt, aber im Grunde wirkte diese Rede unangemessen. Zumal er sich damit selbst eine Falle stellte, indem er den Fussball auf ein derart hohes Podest hob. Die Vorbildwirkung des Fussballs ist stets von Erfolgen abhängig. Daran gebricht es dem DFB-Team.Er sei sich darüber im Klaren, dass sich nicht wenige wünschten, dass er den Posten räume, sagte Nagelsmann gegen Ende der Medienkonferenz. Zugleich bekräftigte er, dass er seinen Posten nicht von sich aus zur Verfügung stellen werde. Wenn der DFB möchte, dass er weitermache, sei er bereit dazu; falls nicht, möge man ihm dies mitteilen.Ob es so weit kommt, hängt davon ab, ob der DFB dazugelernt hat. 2022, in Katar, zog immerhin der langjährige Manager Oliver Bierhoff die Konsequenzen und stellte sein Amt zur Verfügung. Flick hingegen durfte bleiben, bis er nicht mehr zu halten war.Nun erhält Nagelsmann prompt die Unterstützung des DFB-Direktors Rudi Völler, der im Grunde so etwas wie ein Bodyguard für Nagelsmann ist. Beide haben ihre Verträge beim DFB bis 2028 verlängert, und man darf getrost davon ausgehen, dass sie kein Interesse daran haben, diese ohne Druck aufzulösen.Völler sagte nach dem Ausscheiden über Nagelsmann: «Ich bin immer noch davon überzeugt, dass er wahrscheinlich der Richtige ist, um weiterzumachen.» Aber er schränkte ein: «Ich bin nicht der DFB alleine, ich habe das nicht alleine zu entscheiden.»In der Halbzeit rannte Nagelsmann noch vom Feld, nach der Niederlage gegen Paraguay gab es nichts mehr zu retten.Amanda Perobelli / ReutersRüdigers Loyalität hat einen GrundAuch Spieler sprangen Nagelsmann bei, etwa Antonio Rüdiger, der Innenverteidiger von Real Madrid. Nagelsmann, so sagte Rüdiger es nach dem Spiel, sei zweifellos ein Spitzentrainer, das müsse man als Spieler erlebt haben.Nur hat Rüdiger Nagelsmann durchaus etwas zu verdanken: Trotz diversen Eskapaden, wie etwa einer wüsten Schiedsrichterbeschimpfung in seinem Klub, wurde der Innenverteidiger immer wieder nominiert. Diese Loyalität des Trainers gegenüber seinem Spieler zahlt sich nun offenbar aus.Rüdiger nahm die Mannschaft in die Pflicht; sie habe genug Qualität, um es bei einem solchen Turnier zu etwas zu bringen. Ein Schlagwort, um das vieles kreiste, ja, die Qualität wurde regelrecht beschworen. Und Nadiem Amiri, der Mainzer Mittelfeldspieler, verstieg sich sogar zu der Aussage, dass es um die Zukunft nicht schlecht bestellt sei, schliesslich seien viele hervorragende junge Spieler im Begriff, nachzurücken.Die Frage nach der Klasse führt allerdings eher zu einem ernüchternden Befund: Zum einen hätten sich die Qualitäten von Spitzenspielern in solchen Augenblicken offenbaren müssen, zum anderen ist es um den deutschen Nachwuchs keineswegs so luxuriös bestellt, wie Amiri behauptet. Für den deutschen Fussball sind das trübe Aussichten.Da kann man nur noch die Augen verschliessen: Fans beim Public Viewing in Berlin.Maryam Majd / ReutersPassend zum Artikel