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Arbeitszeit: Warum Unternehmen von ausgeschlafenen Mitarbeitern profitieren Die innere Uhr wirkt sich maßgeblich auf die Produktivität aus. Trotzdem arbeiten viele gegen ihren eigenen Rhythmus. Wie lässt sich das verhindern?
Franziska Telser 30.06.2026 - 09:42 Uhr Artikel anhörenDer biologische Rhythmus: Je nach Genetik, Alter und Lichtumgebung tickt unsere innere Uhr anders. Foto: Getty Images [M]Berlin. Neun Uhr Morgenkonferenz, zehn Uhr Jour fixe, elf Uhr der erste Kundentermin: Die deutsche Arbeitswelt ist nicht für Spätaufsteher gemacht. Eine Kernarbeitszeit ist in Deutschland zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, in vielen Büros arbeiten die Menschen aber zwischen neun und 17 Uhr – und damit oft gegen ihren eigenen biologischen Rhythmus.Denn jeder hat sie: die innere Uhr, die tief in den Genen verankert ist. Ohne sie läuft nichts. Sie steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus. Unsere Stimmung. Unseren Stoffwechsel. Auch unsere Leistungsfähigkeit. Und trotzdem wird sie oft einfach ignoriert. Von jedem selbst. Der Gesellschaft. Dem Arbeitgeber. Dabei zeigt die Wissenschaft: Passt die Arbeitszeit zum Rhythmus der inneren Uhr, gewinnen alle.Eule oder Lerche? Der Takt der inneren UhrDie innere Uhr sitzt im Gehirn, genau genommen im Hypothalamus, einer kleinen, aber sehr wichtigen Region im Zwischenhirn – nah an der Stelle, wo sich die Sehnerven kreuzen. Sie funktioniert wie ein Tagestimer, der den Körper auf einen 24-Stunden-Rhythmus synchronisiert. Und sie richtet sich vor allem nach einem aus: dem Tageslicht. Je nachdem, ob es hell oder dunkel ist, stellt der Körper auf Tagesbetrieb (wach, leistungsfähig) und Nachtbetrieb (herunterfahren, Regeneration) um.Und trotzdem ticken die biologischen Uhren nicht bei allen Menschen gleich. Es gibt Früh- und Spätaufsteher, in der Wissenschaft Lerchen und Eulen genannt, und viele Abstufungen davon. Welchem Typ jemand entspricht, hängt von der Genetik, dem Alter und der Lichtumgebung ab und lässt sich per Bluttest bestimmen.Nachtaktiv: Menschen, die von Natur aus eher Spätaufsteher sind, gelten als Eulen. Foto: Getty Images/500px„Die meisten Menschen liegen irgendwo zwischen Eule und Lerche“, sagt Till Roenneberg. Er gilt als einer der profiliertesten Chronobiologen in Deutschland. Damit sie auch einen Vogelnamen haben, hat er sie „Tauben“ genannt.Das gesellschaftliche Leben ist in fast allen Bereichen allerdings auf die frühen Chronotypen ausgerichtet, obwohl laut Forschung nur rund 20 Prozent der Menschen Lerchen sind. Das führt bei den Spätaufstehern zu einem Problem: dem Social Jetlag. Der Begriff bezeichnet die Diskrepanz zwischen der biologischen und der sozialen Zeitzone. Also wann der Körper eigentlich schlafen will, aber nicht kann, weil der Mensch soziale Verpflichtungen hat.„Der Chronotyp ist eine feste Eigenschaft des Menschen, die sich nicht einfach verschieben lässt“, sagt Roenneberg. „Den Körper interessiert es nicht, wann wir Meetings haben oder die Schule beginnt.“Wer dauerhaft gegen seine innere Uhr arbeitet, schläft schlechter und gefährdet so seine Gesundheit. Studien zeigen, dass ein permanenter Social Jetlag etwa Übergewicht und Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder mentale Probleme fördert. Und nicht nur das – guter Schlaf ist laut Roenneberg auch wichtig für die Produktivität und somit ein Karrierefaktor. Wer mit seiner inneren Uhr arbeitet, auch das zeigen Studien, ist kreativer, charismatischer und trifft bessere Entscheidungen.Der „Early Riser Bias“ – und warum Unternehmen umdenken solltenObwohl guter Schlaf die Leistungsfähigkeit im Job nachweislich verbessert, spielen Chronotypen in vielen Unternehmen bislang kaum eine Rolle. Camilla Kring, eine der weltweit führenden Expertinnen für Chronobiologie und Autorin mehrerer Bücher, beobachtet seit Jahren, dass vor allem Spätaufsteher im Arbeitsalltag häufig benachteiligt werden.„Mitarbeiter, die früh im Büro sind, gelten oft als disziplinierter, zuverlässiger, ehrgeiziger und führungsorientierter“, sagt Kring. „Selbst wenn Spätaufsteher die gleiche Anzahl an Stunden arbeiten und abends bessere Ergebnisse liefern.“ Ein Grund: Führungskräfte sind selbst häufig Frühtypen. Entsprechend erwarten sie oft, dass auch ihr Team schon am Morgen sichtbar präsent ist.Homeoffice-Forscher Hybrides Arbeiten in Deutschland: „Viele Menschen pendeln unnötig zur Arbeit“ Viele Beschäftigte arbeiten damit gegen ihren inneren Rhythmus. „Gerade in der Wissensarbeit ist das fatal“, sagt Kring. Denn dabei handelt es sich nicht um mechanische Tätigkeiten, sondern um eine kognitive Leistung, die von Konzentration, Aufmerksamkeitsfähigkeit und Gedächtnisleistung abhängt.„Manche Menschen können komplexe Denkprozesse am frühen Morgen gut bewältigen“, sagt Kring. „Viele andere sind dazu aber erst am Nachmittag oder am Abend in der Lage.“ Werden Mitarbeiter gezwungen zu arbeiten, obwohl sie sich noch in ihrem biologischen Nachtmodus befinden, hat das einen erheblichen Einfluss auf die Leistung.„Die Kreativität leidet, die Fehleranfälligkeit steigt“, sagt Kring. Besonders kritisch: Die innere Uhr beeinflusst auch die Entscheidungsfähigkeit. Schlafmangel und Arbeit zu einer ungünstigen biologischen Zeit führen laut der Expertin dazu, dass Menschen impulsiver und weniger geduldig reagieren. Forscher aus den USA konnten zum Beispiel 2021 nachweisen, dass Investmentbanker, die zu den frühen Typen gehören, auch am Morgen bessere Entscheidungen trafen, während Spättypen am Abend besser performten.Chronobiologe Till Roenneberg: „Den Körper interessiert es nicht, wann wir Meetings haben oder die Schule beginnt.“ Foto: picture alliance/dpaUnternehmen, die auf starre Kernarbeitszeiten setzen, sagt Kring, verlieren damit massiv an Ressourcen und Innovationskraft. „Denn ihre Mitarbeiter verschwenden wertvolle Energie, nur um eine für sie unpassende Zeitstruktur zu kompensieren.“Arbeitszeitgestaltung nach der inneren UhrWas können Unternehmen also tun, um ihren Mitarbeitern bessere Arbeitsbedingungen zu ermöglichen? Camilla Kring nennt fünf Maßnahmen:Chronotypen erfassen: Unternehmen sollten die Chronotypen in ihren Unternehmen erfassen. Kring empfiehlt Führungskräften, selbst einen Test zu machen, welchem Typ sie entsprechen, und auch ihre Mitarbeiter dazu zu motivieren. „Auf dieser Basis können dann Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern besprechen, wann sie am konzentriertesten arbeiten können – und wann nicht.“Zeitfenster nutzen: Wer morgens zur Höchstform aufläuft, sollte in den frühen Stunden konzentriert arbeiten können. Eulen sollten dagegen kognitiv anspruchsvolle Aufgaben in den Nachmittag oder in die Abendstunden legen können.Power Hours schützen: In diesen Zeitfenstern sollten Beschäftigte ungestört arbeiten können. In einem Unternehmen, mit dem Kring zusammengearbeitet hat, hat sie etwa einen Button eingeführt, der signalisiert, wenn sich Mitarbeiter in Konzentrationsphasen befinden – und dabei nicht gestört werden sollten.Meetings klug legen: Meetings sollten nur in Zeiten stattfinden, in denen sich die natürlichen Wachphasen der meisten Chronotypen überschneiden. „Die Kernarbeitszeit sollte zwischen zehn und 15 Uhr liegen“, sagt Kring. Wo Schichtarbeit nötig ist, sollten Dienstpläne außerdem stärker an den Chronotypen ausgerichtet werden. In einem norwegischen Unternehmen etwa durften Meetings erst ab zehn Uhr beginnen. Die Zufriedenheit stieg dadurch laut Kring von 48 auf 95 Prozent.Kommunikationsstandards festlegen: „Wenn ein Spättyp spät am Abend noch eine Mail schreibt, sollte sich eine Lerche nicht verpflichtet fühlen, sofort zu antworten“, sagt Kring. Umgekehrt sollte auch niemand, der schon um sechs Uhr morgens online ist, die Erwartung erzeugen, dass das gesamte Team dann ebenfalls sofort mit der Arbeit startet.Wie solche Maßnahmen in der Praxis konkret aussehen können, weiß Michael Wieden. Er ist Berater und hat schon viele große Projekte aus der Chronobiologie begleitet.Eines seiner bekanntesten Projekte setzte Wieden mit der Klinik Wartenberg um. Diese liegt etwa 50 Autominuten von München entfernt. Dort konnten Beschäftigte freiwillig per Bluttest ihren Chronotyp bestimmen lassen. Anschließend passte das Klinikum die Arbeits- und Schichtzeiten daran an: Spätaufsteher arbeiteten, soweit möglich, nachmittags oder abends, Frühaufsteher eher morgens.Abfindung Exit-Strategie im Arbeitsvertrag: Das sind die wichtigsten Hebel für Manager Das Ergebnis: Die Müdigkeit am Tag sank um 72 Prozent. „Was wiederum zu einer besseren Konzentration und einer geringeren Fehleranfälligkeit führte“, sagt Wieden. Zudem ging die Anzahl an Mitarbeitern mit mehr als drei Krankheitstagen um 48 Prozent zurück. Mittlerweile ist das Konzept fest verankert.Noch größer war das Projekt „ChronoCity“. Von 2012 bis 2016 begleitete Wieden als Wirtschaftsförderer das Vorhaben. Die Stadt Bad Kissingen in Franken (rund 50.000 Einwohner) sollte die weltweit erste chronobiologische Stadt werden. Ziel war, chronobiologische Prinzipien im gesamten Alltag zu verankern: Schulen sollten später beginnen, die Beleuchtung wurde optimiert. Kliniken planten, Schichtdienste und sogar OP-Pläne an den Chronotypen auszurichten. Auch Unternehmen prüften, ihre Dienstpläne entsprechend umzustellen. Verwandte Themen DeutschlandForschung„Am Ende lief das Projekt nach viereinhalb Jahren wegen politischer und struktureller Hürden aus.“ Wieden zieht daraus dennoch viel Positives. „Es dient als Vorbild für internationale Initiativen“, sagt er. Zuletzt habe er über die Chronocity bei einem Treffen der „Time Use Initiative“ in Barcelona berichtet. Dabei handelt es sich um eine Initiative, die sich dafür einsetzt, dass Zeitstrukturen im Alltag besser organisiert werden.Damit solche Initiativen langfristig funktionieren, braucht es laut Wieden vor allem eins: jemanden, der die Maßnahmen dauerhaft in einer Organisation verankert. „Viele chronobiologische Pilotprojekte sind erfolgreich“, sagt er. „Sobald der Projektzeitraum vorbei ist, versanden sie aber häufig.“ Deshalb müsse schon im Studiendesign festgelegt werden, wie die Maßnahmen nach Projektende weiterlaufen. „Ein Durchbruch gelingt dann, wenn die Berücksichtigung der Chronotypen in die Betriebsvereinbarung mit aufgenommen wird“, sagt Wieden. So wie bei der Klinik Wartenberg.Erstpublikation: 26.06.2026, 04:00 Uhr. Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. 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