Stromstösse vom unsichtbaren Zaun: Das Wohl der Kuh treibt die Schweizer Politik umEin SVP-Politiker fordert, dass Kühe mit einem GPS-Halsband ausgestattet werden dürfen. Die Diskussion dürfte lebhaft werden. Wenn es um die Kuh geht, wird das nationale Parlament zum leidenschaftlichen Fachgremium für Viehzucht.29.06.2026, 21.32 Uhr5 LeseminutenStatt Glocken könnten auch in der Schweiz Kühe in Zukunft GPS-Halsbänder tragen.ImagoZunächst glaubte Ernst Wandfluh, es handele sich um einen Aprilscherz. Doch der neuseeländische Farmer, der den SVP-Nationalrat im vergangenen Sommer auf dessen Alp im Berner Oberland besuchte, brachte mit seinem Smartphone Erstaunliches zustande. Durch ein akustisches Signal, das er über das Handy auslöste, brachte der Farmer seine Kühe zur Rückkehr in den Stall. Die befanden sich wohlgemerkt in Neuseeland. Also Tausende Kilometer entfernt von der Schweizer Alp.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In einem politischen Vorstoss fordert Wandfluh nun, dass der Bundesrat den Einsatz virtueller Zäune auch in der Schweiz ermöglicht. «20 Minuten» hat zuerst darüber berichtet.Die Technik heisst «virtueller Zaun» und wird in Ländern wie Norwegen, Schweden, Grossbritannien, den USA und Neuseeland bereits eingesetzt. Der Vorteil: Die Kühe bleiben auf der Weide, obwohl diese nicht eingezäunt ist. Ausserdem können die Bauern die Rinder über Töne bis zu einem gewissen Grad steuern. «Das muss ich haben, das würde mir eine Menge Arbeit ersparen», dachte Wandfluh. In der Schweiz verbietet die Tierschutzverordnung seit 2014 jedoch solche Zaunsysteme.App meldet entlaufene KuhDas Prinzip ist einfach: Jede Kuh trägt ein GPS-Halsband, das per Mobilfunk mit einer Smartphone-App gekoppelt ist. Mithilfe der App legt der Bauer auf seinem Hof die virtuelle Weidegrenze fest. Nähert sich die Kuh dieser Grenze, ertönt ein Warnsignal. Überschreitet sie diese, folgt über das Halsband ein leichter elektrischer Impuls. Ignoriert das Tier alle Warnzonen, wird das Halsband automatisch deaktiviert und der Besitzer per Smartphone alarmiert. Praktischerweise kann der Bauer die Position der entlaufenen Kuh jederzeit über die App abrufen.«Das Zäunen ist eine mühsame Arbeit», sagt der Berner Nationalrat, der sich zurzeit auf der Alp Ueschinen, oberhalb von Kandersteg, befindet. «Für hundert Meter Zaun braucht man im Berggebiet je nach Zaunart bis zu zwei oder drei Stunden.»Für den diplomierten Agronomen ETH Peter Kunz sind die virtuellen Zäune ein «Quantensprung». «Ich habe mir dieses System in Neuseeland angesehen und gestaunt. Der Landwirt mit 300 Kühen, den ich besucht habe, spart pro Woche 20 bis 25 Arbeitsstunden», sagt der emeritierte Professor für Tierernährung der HAFL in Zollikofen. Gerade in der Schweiz mit ihren hohen Löhnen sei dies ein riesiger Effizienzgewinn.Kunz hofft, dass die Schweiz und Fachleute des Bundesamts für Veterinärwesen die virtuellen Zäune möglichst rasch zulassen. Grosses Potenzial habe das System auch für Alpweiden, wo das Aufstellen von Zäunen oft beschwerlich sei und viel Zeit beanspruche. Mit dem System sei es möglich, Kühe und Rinder zielgenau in schwer zugänglichen Gebieten weiden zu lassen und so etwas gegen die Verbuschung von Bergregionen zu unternehmen.Der Bundesrat hat sich bisher noch nicht zu Wandfluhs Interpellation geäussert. Er kann sich dabei jedoch auf eine wissenschaftliche Untersuchung der bundeseigenen Forschungsanstalt Agroscope stützen. Diese hat die virtuellen Zäune drei Jahre lang bei Kühen getestet, die in Posieux (FR) weiden. Dabei fand man heraus, dass sich die Tiere schnell an die neue Situation gewöhnen. Während des gesamten Untersuchungszeitraums kam es zu keinen Ausbrüchen aus den definierten Weidebereichen.Die Forscher stellten fest, dass der Stromimpuls eines herkömmlichen Elektrozauns rund 25-mal so stark ist wie jener des Halsbands. Zudem ist der Hals eine Körperstelle, die weniger schmerzempfindlich ist als die Nase, die beim ersten Kontakt mit einem Elektrozaun üblicherweise getroffen wird.Die Wissenschafter wollten zudem herausfinden, ob das Tierwohl unter dem virtuellen Zaun leidet. Um die Stressreaktionen der Kühe zu testen, beobachteten sie Indikatoren wie das Aktivitäts- und Liegeverhalten, den Futterverzehr, das Körpergewicht und die Milchleistung. Dabei zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zu Kühen, die mit einem traditionellen Zaun eingehegt waren. Auch die in der Milch gemessenen Werte des Stresshormons Cortisol waren in beiden Gruppen vergleichbar. Zu ähnlichen Resultaten waren bereits Studien in Grossbritannien gekommen.Schmerzende Euter und BrüsteDie kommenden Monate werden zeigen, ob der Bundesrat bereit ist, eine schnelle Revision der Tierschutzverordnung in die Wege zu leiten. Erfahrung mit der Thematik hat er auf jeden Fall, denn Kühe und Rinder sind ein beliebtes Thema im Parlament. Es gibt kaum einen Aspekt der Viehzucht, mit dem sich die Politiker in Bern noch nicht befasst haben. Dabei ging es um Praktiken, die deutlich schmerzhafter sind als ein leichter Stromstoss.So verlangte die Grüne Nationalrätin Irene Kälin 2018, dass Kühen auf Viehschauen die Zitzen nicht mehr verschlossen werden dürften. Das Euter ist nämlich das wichtigste Kriterium bei einer Milchviehschau. Um möglichst gute Bewertungen zu erzielen, werden die Kühe vor der Präsentation nicht gemolken und die Zitzen verschlossen. So entsteht eine perfekte Symmetrie, ohne dass Milch ausläuft.In der Debatte musste sich Kälin von Landwirten den Vorwurf gefallen lassen, als Nicht-Bäuerin verstehe sie zu wenig von der Materie. Sie konterte: «Wenn es um Eutergesundheit geht, ist es die beste Qualifikation, selber Mutter zu sein und zu wissen, was es bedeutet, wenn die Brüste schmerzen.» Der Einwand nützte nichts. Der Nationalrat lehnte die Motion mit 91 zu 76 Stimmen ab.Mit dem Postulat «Frostschutz im Kuhstall» verlangte der Nationalrat Hardi Bischof (Schweizer Demokraten) im Jahr 1992, den Gebrauch von Propylenglykol in der Landwirtschaft zu verbieten. Laut Bischof ging dieses Frostschutzmittel damals in landwirtschaftlichen Genossenschaften «literweise über den Ladentisch».Und zwar aus folgendem Grund: Viele Kühe seien derart auf hohe Milchleistung gezüchtet, dass sie nach der Geburt des ersten Kalbes zu wenig fressen und dadurch die übersteigerte Milchproduktion nicht aufrechterhalten könnten. Die Folge sei, dass der Körper Fett abbaue und es rasch zu einer Entgleisung des Stoffwechsels komme. Um zu verhindern, dass Milch und Fleisch durch die dabei freigesetzten Abbauprodukte übel riechen, wird Propylenglykol verfüttert.Im Nationalrat kam Bischof mit seinem Vorstoss durch. Der Ständerat hingegen schmetterte das Ansinnen ab. Dies mit der Begründung, Propylenglykol sei laut der Lebensmittelverordnung in Crèmeschnitten zugelassen und damit für den Menschen verträglich. Untersuchungen, ob das Mittel den Kühen schmeckte, gab es nicht.Die Kuh-Vorlage mit der grössten Breitenwirkung, mit der sich Bundesrat, Parlament und Stimmbürger beschäftigten, war die 2016 eingereichte Volksinitiative «Für die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere». Besser bekannt als Hornkuh-Initiative. Der Bergbauer Armin Capaul forderte darin, dass Halter von Kühen finanziell unterstützt werden, solange die ausgewachsenen Tiere Hörner tragen. Obwohl das Anliegen auf grosse Sympathie stiess, lehnten im November 2018 54,7 Prozent der Stimmberechtigten die Initiative ab.Unabhängig vom Resultat hatten die ausländischen Medien einmal mehr den Beweis dafür, dass in der Schweiz das Volk schlicht über alles entscheidet. Und dass die Diskussionen besonders hitzig verlaufen, wenn es um nationale Symbole wie Kühe geht. Auch die Debatte um die virtuellen Zäune dürfte elektrisieren.Passend zum Artikel
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