Ausgerechnet auf dem Land ist die Angst vor der Zuwanderung besonders verbreitet. Bauernhöfe und abgelegene Häuser sind zugepflastert mit Plakaten für die SVP-Initiative. Warum eigentlich? Eine Fahrt durch die Provinz.31.05.2026, 05.30 Uhr8 Leseminuten«Schweiz schützen», immer wieder «Schweiz schützen». Die Plakate werben für die 10-Millionen-Initiative der SVP und stehen gut sichtbar an der Strasse, die sich durch die Hügellandschaft nach Appenzell schlängelt. Der Verkehr fliesst spärlich, im Hauptort sind nur wenige Touristen unterwegs – so etwas wie Dichtestress scheint hier fremd.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Dorfrand liegt das Restaurant Rössli, ein Haus mit bunter Fassade und niedrigen Räumen, wie es hier üblich ist. Das Personal stammt aus der Region, es gibt Appenzeller Siedwurst, lokales Bier und jeden Donnerstag eine «Stobete», bei der Volksmusikanten aufspielen. Die Idylle ist perfekt. Und trotzdem stösst hier die Initiative, die die Schweizer Bevölkerung bei 10 Millionen deckeln will, auf viel Zuspruch.«Wir hätten schon bei 9 Millionen Stopp sagen sollen», sagt ein Handwerker im Lokal. Es ist der Abend der Messerattacke von Winterthur, die schweizweit für Entsetzen sorgt und der Initiative weiteren Auftrieb zu geben scheint. So lassen sich die SVP und ihre Jungpartei die Chance nicht entgehen, mit der schrecklichen Tat für ihre Initiative zu werben. Man warne seit Jahren vor den Folgen der «unkontrollierten Masseneinwanderung», schreibt die SVP auf Instagram. Daneben ein Bild des bärtigen «Messer-Terroristen» von Winterthur. Die anderen Parteien kritisieren derweil reflexartig, die SVP wolle politisches Kapital aus dem Angriff schlagen, das sei «schamlos» und «perfide». Die Temperatur des Abstimmungskampfs ist an diesem Tag weiter angestiegen.Auch im «Rössli» in Appenzell wühlt der Messerangriff die Menschen auf. «So kommt es raus, wenn wir weitermachen wie bisher», erklärt der Handwerker, der mit Kollegen beim Feierabendbier sitzt. Ein Ja am 14. Juni sei jetzt noch wichtiger.Appenzell Innerrhoden dürfte der Initiative zustimmen – obwohl der Kanton mit rund 13 Prozent den tiefsten Ausländeranteil der Schweiz aufweist. Das Beispiel zeigt ein Paradox, das in vielen Gegenden des Landes feststellbar ist: Ausgerechnet dort, wo die Einheimischen vor allem unter sich sind und kein Dichtestress herrscht, ist der Ärger am grössten. Warum ist das so?«Weil wir Einheimischen uns zum Beispiel kein eigenes Haus mehr leisten können», sagt ein jüngerer Mann. «Deutsche und Zürcher schnappen sich die besten Objekte.» Dass die Initiative nichts dazu beiträgt, Zuzüger aus der Limmatstadt fernzuhalten, scheint egal. Es stimme, dass es durchaus noch Platz gebe in Appenzell, sagt er. «Aber wir sind ein kleiner Kanton, und es kommen immer mehr.»Auch im Postauto in der Innerschweiz sind noch viele Plätze frei. Nur einige Wanderer sind an diesem Vormittag in kurzen Hosen und mit Sonnenhut unterwegs von Einsiedeln in die Schwyzer Berge. Nach gut zwanzig Minuten hält das Postauto in Unteriberg. Niemand steigt ein.Trotzdem ist die Angst vor Menschenmassen hier gross. An etlichen Häusern im Dorf hängen rote Fahnen, die für die SVP-Initiative werben. «Bewahren, was wir lieben», steht auf ihnen. Am Dorfeingang begrüsst ein grosses SVP-Plakat die Besucher.Wir klingeln beim ersten Haus an der Strasse, an dessen Gartenhaus zwei rote Flaggen hängen. Eine Frau im obersten Stock streckt ihren Kopf aus dem Fenster. «Do you speak English?», fragt sie. Die Fahne habe ihr Nachbar angebracht. Aber der ist nicht zu Hause.Anders zwei Strassen weiter. Ein Auto fährt gerade auf einen Parkplatz vor einem weissen Mehrfamilienhaus. Ein Mann und eine Frau steigen aus, ihr kleiner blonder Bub kommt angerannt. «Die Fahne am Balkon?», fragt die Frau. «Die hat mein Mann montiert.» Ob man hochkommen wolle auf einen Kaffee?«Es hat heute viel mehr Autos auf der Strasse als früher»: Jasmin und Stephan Schuler aus Unteriberg.Das Paar, Stephan und Jasmin Schuler, beide 33-jährig, wohnt mit seinen beiden Söhnen in einer 3,5-Zimmer-Wohnung an der Hauptstrasse von Unteriberg. Stephan ist hier aufgewachsen, Jasmin zog vor acht Jahren aus dem nahen Einsiedeln ins Dorf.«Man muss nur auf die Strasse schauen, um zu sehen, was passiert», sagt Stephan Schuler. Er liefert seit elf Jahren als Chauffeur Milch in die ganze Schweiz. «Es hat heute viel mehr Autos, viel öfter Stau als früher», sagt er. «Eigentlich mache ich meinen Job gerne, aber das Fahren ist deutlich mühsamer geworden.»Was Stephan Schuler noch fast mehr ärgert: die Städter – Schweizer und Ausländer –, die aus Zürich, Basel oder Luzern ins Dorf ziehen und sich nicht der ländlichen Kultur anpassen wollen. «Viele in der Stadt haben das Gefühl, auf dem Land sei es ruhiger. Und wenn sie hier sind, ärgern sie sich über Kuhglocken oder Traktorenlärm», sagt er. «Damit habe ich Mühe.»Aber brauchen die Restaurants und die Spitäler nicht Fachkräfte aus dem Ausland?«Auch bei einem Ja zur Initiative dürfte eine bestimmte Anzahl Zuwanderer noch ins Land kommen», sagt Stephan Schuler. Jene, die arbeiteten, störten ihn auch nicht. Er sei mit Ausländern zur Schule gegangen, «dienigen Typen», wie er sagt, die heute ein eigenes Geschäft führten. «Was mich ärgert, sind jene, die hierherkommen und uns auf der Tasche liegen. Solche Schmarotzer brauchen wir nicht.»Abwanderung als grösstes ProblemSo wie Stephan Schuler denken in Unteriberg viele. Das Dorf ist eine SVP-Hochburg. Bei den letzten Nationalratswahlen erzielte die Partei einen Wähleranteil von 58 Prozent. Marcel Dettling, der SVP-Präsident und Landwirt, wohnt direkt an der Strasse, die Unteriberg mit Oberiberg verbindet. An diesem heissen Nachmittag ist Dettling mit seiner Frau und den Kindern neben dem Haus am Heuen. Die rote Fahne der Initiative hängt auch an seinem Hof, der ziemlich allein in der Landschaft steht.Die eigene Betroffenheit beeinflusse die Haltung zur 10-Millionen-Initiative gar nicht so stark, sagt der Politanalyst Michael Hermann. «Viel wichtiger ist die nationale Debatte», sagt er. «Wenn alle über Zuwanderung reden, spüren die Menschen plötzlich auch dort einen Dichtestress, wo er gar nicht existiert.»So auch in Trub im Berner Emmental. Wenn das Dorf mit einem Problem kämpft, dann nicht mit der Zuwanderung, sondern mit der Abwanderung. Trub gehört zu den rund 200 Gemeinden in der Schweiz, die in den letzten Jahrzehnten viele Bewohnerinnen und Bewohner verloren haben. In den vergangenen 30 Jahren ist das Dorf um rund 250 Menschen geschrumpft. Trotzdem grassiert offensichtlich auch hier die Angst vor zu viel Zuwanderung.Wie viele Bewohner verträgt die Schweiz? Darüber entscheidet das Land in zwei Wochen.Kurz vor der Einfahrt in den Dorfkern sieht man das rote «Bewahren, was wir lieben»-Plakat. Ein wenig einsam steht es da, auf der weiten Weide. Daneben ist ein Mann am Heuen. Es ist Hanspeter Siegenthaler, Landwirt im Ruhestand, der immer noch gerne auf dem Feld hilft. «Als ich noch jung war, hatten wir hier in Trub sechs Schulhäuser. Jetzt gibt es nur noch zwei», sagt er. Es habe früher neun Lebensmittelläden gegeben im kleinen Dorf und eine Poststelle. «Diese Zeiten sind vorbei.»Trotzdem sorgt er sich wegen der hohen Zuwanderung. «Die ganze Mentalität des Landes verändert sich», sagt der Landwirt. «Hier hinten ist es noch nicht so schlimm.» So solle es auch bleiben, findet Siegenthaler. Würde Zuwanderung dem von Abwanderung bedrohten Tal nicht helfen? Siegenthaler ist unsicher. Es müssten schon Menschen sein, die arbeiteten, findet er. «Sonst nützt uns die ganze Zuwanderung nichts.»Aber er sei sowieso der Falsche, meint Siegenthaler. Er sei selber nicht ganz überzeugt von der SVP-Initiative. «Sie setzt ein Zeichen. Aber vielleicht ist es nicht die beste Lösung für unser Land.» Aufgeschreckt hat ihn, dass es wegen der Initiative in den Spitälern und Heimen in Zukunft an Pflegekräften fehlen könnte. Das Plakat sei sowieso nicht von ihm, sagt Siegenthaler dann.«Raus mit solchen Leuten, ausschaffen!»Auf der Suche nach einem abgelegenen Hof fahren wir über Seitenstrassen kreuz und quer durch die Hügellandschaft. Plötzlich taucht auf einer kleinen Kuppe ein altes Emmentaler Bauernhaus auf – mit zwei roten Fahnen. Nachbarn gibt es hier oben keine. Nur Wald, Wiesen und den Blick in die Weite.Die Bäuerin ist am Blumengiessen. «Ich habe jetzt keine Zeit für Sie. Wir müssen arbeiten», sagt sie unwirsch. Doch irgendwie ergibt sich trotzdem ein Gespräch. Warum ist man gegen Zuwanderung, wenn man dermassen einsam lebt? «Wie kann man diese Frage überhaupt stellen? Es ist so offensichtlich», sagt sie und stellt die Giesskanne ab. Natürlich sei es hier bei ihnen noch nicht so eng. «Wir stimmen ja nicht nur für uns ab. Uns geht es um unser Land, das immer mehr zugebaut wird.»Unten am Hang ist ihr Ehemann in der brütenden Hitze am Arbeiten. «Ich habe schon Ja gestimmt», ruft er und stellt die Mähmaschine ab. «Das ganze Land wird verbetoniert, und ich soll dann auf meinem Hof diesen Biodiversitäts-Chabis machen», sagt er und klagt über die ausufernde Agrarbürokratie.Die Messerattacke in Winterthur, sie ist auch in der abgelegensten Ecke des Emmentals wenige Stunden nach der Tat schon ein Thema. «Warum soll so etwas bei uns nicht passieren?», fragt die Bäuerin. Der Vorfall macht sie zornig: «Raus mit solchen Leuten, ausschaffen!» Schliesslich habe das Volk das an der Urne einmal so beschlossen. «Aber von den Richtern wird das halt nicht umgesetzt.»«Bewahren, was wir lieben»: Mit diesem Spruch macht die SVP Abstimmungskampf.Auch das Emmental sei nicht mehr heile Welt, sagt ihr Ehemann. «Die Stadt rückt immer näher.» Wenn er nach Langnau runterfahre, dann sehe er die Asylbewerber. «Die haben immer die neuesten Klamotten und alle ein Handy.» Und er mähe hier oben seine steilen Hänge. «Da bekomme ich Vögel.» Im Schatten der Holzbeige wird das Gespräch immer lauter. «Wenn eine Beiz zugeht, kommen Albaner oder Türken und übernehmen sie oder machen einen Barber-Shop draus», sagt die Bäuerin.Beim Paar hat sich viel angestaut. Der Ärger über die vielen Vorschriften. Die Sorge über die Zuwanderung. Die vielen Beamten, die Städter, die Grünen und sowieso alle, die nicht mehr verstehen, wie das Leben und Arbeiten auf dem Land wirklich ist. Verständliche Sorgen von Menschen, die schuften und Mühe haben mit dem rasanten Wandel? Oder kippt es hier ins Fremdenfeindliche? Das Ehepaar wollte nach dem Gespräch seine Aussagen zurückziehen. Die «NZZ am Sonntag» hat sich entschieden, die Szene trotzdem zu schildern – ohne den Ort des Hofes und die Namen zu nennen.Der Politexperte Michael Hermann sagt, die Negativbilder in den Debatten hätten oft etwas Fremdenfeindliches. Grundsätzlich sei es so, dass die Landbevölkerung Fremdem deutlich skeptischer gegenüberstehe als die Stadtbevölkerung. «Das zeigt sich nicht nur bei Fragen der Zuwanderung, sondern auch bei Minaretten oder bei Einbürgerungen.» Die Messerattacke von Winterthur habe das Potenzial, bestehende Ressentiments zu verstärken. «Das wird vor allem jene bestätigen, die ohnehin Ja sagen wollen.»Auf dem Heimweg aus den Voralpen dominieren wiederum die «Schweiz schützen»-Plakate den Rand der Landstrassen. Sie stechen ins Auge, auf den Wiesen, an den Bauernhöfen und Scheunen. Doch das ist nur so lange so, wie die Strasse durch Dörfer und Siedlungen führt. Je dichter die Häuser stehen, je dichter der Verkehr wird, desto seltener werden sie wieder – die Plakate, die vor Zuwanderung und Dichtestress warnen.Inmitten von grünen Wiesen: Ein SVP-Plakat am Dorfausgang von Unteriberg warnt vor zu vielen Zuwanderern.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
10-Millionen-Initiative: Warum die Angst vor dem Dichtestress auf dem Land am grössten ist
Ausgerechnet auf dem Land ist die Angst vor der Zuwanderung besonders verbreitet. Bauernhöfe und abgelegene Häuser sind zugepflastert mit Plakaten für die SVP-Initiative. Warum eigentlich? Eine Fahrt durch die Provinz.










