KommentarVerbotene KI: Nach Anthropic muss jetzt auch Open AI sein bestes Modell unter Verschluss halten – das droht den Ruf der Tech-Nation Amerika zu ruinierenWährend die fortschrittlichsten KI-Modelle aus den USA der Welt vorenthalten werden, stellen chinesische Firmen starke Alternativen frei zur Verfügung. Peking punktet damit bei einem wichtigen Publikum.30.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer CEO von Open AI, Sam Altman, hat die Entwicklung von KI mit dem Manhattan Project verglichen. Jetzt darf seine Firma ihr bestes Modell aus Angst vor Cyberrisiken nicht auf den Markt bringen.Florian Gaertner / ImagoMan stelle sich vor, es ist KI-Revolution, und die inbrünstigsten Anhänger der Umwälzung dürfen daran nicht teilhaben. In einer ähnlich absurden Situation befinden sich zurzeit Tech-Enthusiasten weltweit. Mit Verblüffung müssen sie zusehen, wie die amerikanische Regierung sie plötzlich vom Zugriff auf die Technologie abschneidet, die ihnen bis anhin als die grösste Transformation in der Geschichte der Menschheit und Antrieb unendlichen Überflusses verkauft wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwei amerikanische KI-Startups, Anthropic und Open AI, dürfen zurzeit ihre besten KI-Modelle nicht allgemein verfügbar machen. Der Grund ist die Sorge der Regierung in Washington, dass die Spitzen-KI eine allzu scharfe Cyberwaffe in den Händen der Widersacher Amerikas sein könnte. Die nationale Sicherheit gebiete die Zensur, so das Argument. Für den Ruf der USA als KI-Nation stellen die Verbote eine Sackgasse dar.Der Nebeneffekt der Sperren ist, dass die eifrigsten Befürworter der Technologie um die begehrten Tools gebracht und mit vielen offenen Fragen zurückgelassen werden. Das untergräbt das Vertrauen in amerikanische Technologie, gerade unter denjenigen, die sonst am lautesten dafür werben. Denn anstatt mit klaren Regeln und technischen Standards werden die Verbote mit undurchsichtig kommunizierten Bedenken begründet.Vertrauensbildung ist für die KI-Branche überlebenswichtigDabei wäre es aus der Sicht der Regierung klug, diese meist technisch versierten KI-Befürworter auf ihrer Seite zu haben. Die künstliche Intelligenz erlebt gegenwärtig in der amerikanischen Bevölkerung wachsenden Widerstand. Die Mehrheit sieht in KI mehr Risiken als Nutzen. Auch die junge Generation steht der Technologie skeptisch gegenüber. Die Angst vor Jobverlust und Umweltschäden überwiegt im Bewusstsein der Amerikaner die potenziellen Vorteile.Die KI-Firmen haben sich teilweise mit ihren fabelhaften Erzählungen und Weltuntergangsmythen rund um ihre Chatbots selbst geschadet. Sie verglichen KI mit der Atombombe und wundern sich jetzt, dass die Regierung die Verbreitung der Technologie verhindern will. Die Politiker haben ihrerseits die Warnungen ignoriert, die realen Gefahren der Technologie missverstanden und deshalb nicht gebührend vorgesorgt. Das Ergebnis sind abrupte Verbote, die vor allem Zweifel an der Verlässlichkeit Amerikas und seiner Firmen als Partner in Sachen Technologie säen.Amerika braucht eine KI-CharmeoffensiveGleichzeitig hat China konsequent eine Kultur der Offenheit in Bezug auf KI gefördert. Chinesische Firmen wie Deepseek, Alibaba und Tencent, aber auch weniger bekannte Startups wie Moonshot AI und Zhipu AI haben sich unter KI-Entwicklern weltweit einen Namen gemacht, indem sie wettbewerbsfähige KI-Modelle zu deutlich tieferen Preisen auf den Markt gebracht haben. Und was entscheidend ist: Die chinesischen Open-Weight-Modelle lassen sich frei herunterladen und anpassen. Das macht sie für KI-Forscher an Universitäten besonders attraktiv, aber auch für Firmen, die ihre KI-Kosten in Grenzen halten wollen oder müssen.All das erklärt, warum chinesische KI trotz der politischen Zensur, die in ihr steckt, von vielen Experten im Westen als offener und freier wahrgenommen wird – und als eine Chance, die allzu grosse Abhängigkeit von amerikanischer Technologie zu mindern. Hinzu kommt, dass der Abstand zwischen der besten KI aus den USA und der zweitbesten aus China nur gering ist.Amerika braucht also eine Charmeoffensive, die seine KI als die verlässlichste Option für diejenigen verankert, denen westliche demokratische Werte am Herzen liegen. Mit Sperren wird das nicht zu erreichen sein.Passend zum Artikel