Offene KI aus China: Ist das Geschäftsmodell von Open AI und Anthropic am Ende?Die amerikanischen Tech-Giganten wollten den Zugang zu ihrer KI teuer verkaufen. Nun verschenkt ein chinesischer Herausforderer ein Modell, das genauso gut ist. Ein brutaler Preiskampf hat begonnen – und bedroht die geplanten Börsengänge der beiden amerikanischen Firmen.08.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenChat-GPT, Claude oder Kimi? Welcher Chatbot ist am besten – und kostet am wenigsten?Illustration Ida Götz, Reuters / NZZDie beste künstliche Intelligenz (KI) der Welt gibt es nur bei den grossen amerikanischen Tech-Firmen – und für den Zugang zu ihr werden Unternehmen und Privatpersonen bereit sein, viel Geld zu zahlen. So verkaufen sich die KI-Firmen Anthropic (die Firma hinter dem Chatbot Claude) und Open AI (die Firma hinter Chat-GPT).Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Investoren haben Milliarden von Dollar in diese Vision gesteckt. Sie hoffen auf das Geschäft ihres Lebens. Denn die beiden KI-Firmen drängen an die Börse, vermutlich noch in diesem Jahr. Anthropic wird derzeit mit knapp 1000 Milliarden Dollar bewertet, Open AI mit 850 Milliarden Dollar. Doch der Traum droht zu platzen.Mitte Juli hat die chinesische Firma Moonshot AI ihr KI-Modell namens Kimi 3 veröffentlicht und damit die KI-Welt in Aufruhr versetzt. Das Modell ist in vielen Aufgaben genauso gut wie die Weltspitze aus den USA, in manchem sogar besser. Und während Open AI und Anthropic den Zugang zu ihrer KI verkaufen, ist Kimi 3 ein offenes KI-Modell. Jeder darf es kostenlos herunterladen, weiterverarbeiten und anderen zur Nutzung anbieten.Offene KI-Modelle werden immer attraktiver im Vergleich mit den geschlossenen Modellen der Amerikaner. Hat das Geschäftsmodell von Open AI und Anthropic ausgedient?Bei offener KI gibt es jetzt gleiche Leistung billigerDie Zeiten, in denen offene KI klar zweitrangig war, sind vorbei. Für Kunden von Open AI und Anthropic bedeutet das: Sie können die gleiche oder sehr ähnlich gute Leistung woanders günstiger bekommen.Theoretisch kann man ein offenes KI-Modell mit etwas technischem Know-how selbst herunterladen und zum Beispiel auf dem eigenen Laptop oder auf einem eigenen Firmenserver laufen lassen. Allerdings ist das bei den leistungsstärksten Modellen nicht mehr möglich. Um eine Anfrage zu bearbeiten, führt das KI-Modell komplexe Rechenschritte aus. Das verbraucht viel Strom und funktioniert nur auf der richtigen Infrastruktur. Um die volle Leistung von Kimi 3 abzurufen, muss das Modell mit neusten KI-Chips rechnen können.Als Privatperson wird man also Kimi 3 und andere ähnlich leistungsstarke Modelle eher nicht selber betreiben. Stattdessen gibt es Anbieter, die Rechenzentren besitzen oder anmieten, um offene KI-Modelle laufen zu lassen. Während man Chat-GPT nur bei Open AI bekommt und Claude nur bei Anthropic, kann man Kimi 3 bei verschiedenen Anbietern nutzen, die miteinander konkurrieren. Das treibt die Preise nach unten.Ausserdem ergeben sich für Firmen neue Forschungsanreize. «Unternehmen stecken mehr Arbeit hinein, die Nutzung von KI möglichst schnell, möglichst effizient, möglichst billig zu machen», sagt Florian Tramèr. Er forscht an der ETH Zürich zur Sicherheit von künstlicher Intelligenz. «Für Nutzer ist das gut.»AI Yang Zhilin hat das Unternehmen Moonshot AI gegründet, das mit Kimi 3 für Aufruhr sorgte.Tingshu Wang / ReutersOffene KI hat viele Fans – und mächtige GegnerLange standen die USA für proprietäre, geschlossene KI und China für offene. Jetzt haben sich viele amerikanische Tech-Unternehmen überraschend auf die Seite der offenen KI gestellt.In einem offenen Brief haben sich Ende Juli über 270 Tech-Unternehmen dafür ausgesprochen, offene KI zu fördern. Zu den Unterzeichnern gehören Microsoft, Google, Nvidia – und sogar Open AI. Sie argumentieren, dass sich mit offener KI ein ganzes KI-Ökosystem entwickeln könne, das allen nütze. Startups, Behörden und Universitäten mit kleinem Budget bekämen dadurch die Chance, eigene spezialisierte KI-Produkte zu schaffen. Sie schreiben, die USA könnten das KI-Wettrennen gegen China durch einen Strategiewechsel gewinnen: nicht mit einem extrem starken KI-Modell, sondern mit KI überall und für alle.Doch die US-Regierung sieht das wohl anders. Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent dachte in einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC laut über Sanktionen gegen chinesische KI-Modelle nach. Einzelne Mitglieder der US-Regierung sprachen sogar bereits davon, amerikanischen Firmen die Nutzung von chinesischer KI ganz zu untersagen.Wenig überraschend setzt sich auch Dario Amodei, der CEO von Anthropic, für eine stärkere Regulierung offener KI-Modelle ein. Er argumentiert mit Sicherheit. «Offene Modelle – egal, ob sie aus China oder aus einem anderen Land stammen – bergen potenziell ein höheres Risiko als geschlossene Modelle», schreibt er in einem Blogpost. Denn man könne die Nutzung offener Modelle nur schwer überwachen oder Sicherheitsvorkehrungen treffen. Sobald das Modell veröffentlicht sei, könne man es nicht mehr kontrollieren.Grundsätzlich hat er damit recht. Fragt man heute proprietäre Modelle wie Chat-GPT oder Claude, wie man eine Bombe baut, ein tödliches Virus zusammenbraut oder das Wifi des Nachbarn hackt, sagen sie höflich: «Dazu kann ich leider keine Auskunft geben.» Grund dafür sind die sogenannten «Guardrails», Sicherheitsschranken, die Open AI und Anthropic ihrer KI auferlegen. Bevor eine Anfrage überhaupt zum KI-Modell gelangt, läuft sie durch eine Reihe von Filtern. Prompts, die gefährliche oder unerwünschte Themen betreffen, werden abgeblockt. So wollen die KI-Firmen verhindern, dass die KI Hilfestellung bei allerlei unlauteren Vorhaben gibt.Bei offener KI gibt es solche allgemeinen Schranken nicht. Schliesslich kann jeder das Modell herunterladen und nach Belieben anpassen – und zum Beispiel die Sicherheitsschranken entfernen. Dann könnte eine solche KI unter anderem Hackern dabei helfen, Cyberangriffe durchzuführen.Trotzdem sei die Welt mit offener KI sicherer, argumentieren die Befürworter offener KI in ihrem Brief. Denn damit hätten auch die Verteidiger Zugang zu starker KI, um sich zu schützen. Diese These hat sich bereits einmal bewahrheitet: Als Ende Juli ein KI-Modell von Open AI bei einem internen Test selbständig die Firma Hugging Face angriff, konnte sich diese nur mithilfe eines offenen chinesischen Modells gegen den Cyberangriff wehren. Chat-GPT hatte die Anfragen der Verteidiger aufgrund seiner Sicherheitsschranken blockiert.Anthropic und Open AI können sich beim Gewinn keine Einbussen leistenBefürworter von offener KI tun die Warnungen von Open AI und Anthropic als unglaubwürdig ab. Denn gerade die grössten Skeptiker offener KI wie Open AI und Anthropic sind am stärksten von ihr bedroht. Bereits jetzt spüren sie den Preiskampf.So ist es kein Zufall, dass Open AI nur zwei Wochen nach der Veröffentlichung von Kimi 3 seine Preise gesenkt hat. Einige KI-Modelle werden für Firmenkunden deutlich billiger. Die Preise sind vergleichbar mit dem, was es kostet, ein chinesisches Modell zu nutzen. Nur für das absolute Spitzenmodell zahlt man weiter Spitzenpreise.Dabei können es sich eigentlich weder Open AI noch Anthropic leisten, die eigenen Einnahmen zu reduzieren. Für die Entwicklung und das Training immer neuer KI-Modelle, Rechenchips, Energie und Top-Talente geben die Unternehmen jedes Jahr Dutzende Milliarden Dollar aus. Die Einnahmen hinken dem weit hinterher.Damit sich die gigantischen Investitionen lohnen, müssen die KI-Firmen irgendwann gigantische Gewinne erwirtschaften. Dafür müssen sie entweder die Preise deutlich erhöhen, oder KI zu betreiben, muss so günstig werden, dass sie mit den aktuellen Preisen genug verdienen. Beides scheint im Moment unwahrscheinlich.Gibt es für Open AI und Anthropic einen Ausweg? Um die Investoren bei Laune zu halten, sprechen deren Chefs nun viel von selbstverbessernder KI. Das Argument geht so: Bald wird die KI so schlau sein, dass sie selbst die nächste Generation von noch besserer KI trainieren kann. Die Geschwindigkeit der Weiterentwicklung nimmt dann geradezu exponentiell zu, und die Unternehmen können in kurzer Zeit wieder einen grossen Abstand zwischen sich und die chinesische Konkurrenz bringen.Doch der KI-Experte Florian Tramèr ist skeptisch. «Letztlich gibt es auch physische Grenzen», sagt er. Um KI weiterzuentwickeln, müsse man Experimente durchführen. Das könne auch eine superintelligente KI nur bedingt schneller als Menschen.Doch auch die chinesischen KI-Unternehmen könnten mit ihrer Geschäftsstrategie irgendwann an ihre Grenzen kommen. Schliesslich ist für sie ebenso unklar, wie sie genügend Einnahmen generieren können, damit sich ihre Investitionen lohnen. Auch in China kostet es viel Geld, ein gutes KI-Modell zu trainieren.Vielleicht greift auch tatsächlich die amerikanische Regierung in das Kräftemessen ein und zwingt zumindest amerikanische Firmen dazu, ihre KI bei lokalen Anbietern zu beziehen. Undenkbar ist das nicht – die Regierung hat im Juni mit dem plötzlichen Blockieren von Anthropics Spitzen-KI Mythos 5 gezeigt, dass KI-Regulierung kein Tabu mehr ist.Für den Moment jedenfalls stehen Open AI und Anthropic unter enormem Druck. In den kommenden Wochen werden sie sich etwas einfallen lassen müssen, um ihre Investoren im Hinblick auf die bevorstehenden Börsengänge zu beruhigen. Dieses Mal könnte mehr nötig sein als nur das nächste Versprechen von noch besserer KI.Passend zum Artikel