Es lässt sich nicht mehr mit letzter Gewissheit rekonstruieren, wann in sogenannten Designhotels die große Badewannenwanderung einsetzte. Dass sie stattgefunden hat, steht jedoch außer Frage. Zunächst entfernte sich die Wanne von jenem Ort, an dem man sie aus kulturhistorischen und hygienischen Gründen vermutet hätte: dem Badezimmer. Dann rückte sie ans Fenster, je nach Lage mit Blick auf Alpenpanorama oder den Hotelparkplatz. (Fenster zum Parkplatz hin sind in manchen Ländern dem Vernehmen nach aufpreispflichtig, schließlich hat man so seinen wertvollen Wagen im Blick.)Mit der Zeit landete sie ganz ohne Scham mitten im Zimmer, wie eine Chaiselongue mit Abfluss. Und so fragten sich Gäste beim Betreten ihrer Unterkunft irgendwann nicht mehr zuerst, wo um Himmels willen bitte der Lichtschalter ist, sondern warum neben dem Bett bitte eine freistehende Keramikwanne steht.Nun scheint dieser Trend – der mit der Badewanne, nicht der mit dem Lichtschalter – langsam auch im Eigenheim anzukommen. Was nur konsequent ist in einer Zeit, in der die Küche längst das neue Wohnzimmer ist, das Wohnzimmer das neue Büro und das Schlafzimmer zugleich Yogastudio, Abstellkammer und gelegentlich tatsächlich noch Schlafzimmer.Die Wanne bekommt ihren großen AuftrittAuf die Spitze treibt es nun das spanische Architekturbüro Sigla Studio. Deren Architekten haben ein knapp 60 Quadratmeter großes Apartment in Barcelona in eine „durchgängige Wohnlandschaft“ verwandelt, in der ausgerechnet die Badewanne zum Centerpiece wird. Die allein lebende Bauherrin hatte sich eine offene, großzügige Umgebung mit viel Tageslicht gewünscht, in der sie zugleich Gäste beherbergen kann.Ob das eine gute Idee ist? Die Küche hat's vorgemacht, jetzt soll das Bad folgen und sich öffnen.Marta Vidal/Sigla StudioStatt nur jene Bereiche zu öffnen, die ohnehin seit Jahren zur Vorzeigbarkeit verdammt sind – allen voran die Küche –, gönnten die Architekten auch der Wanne ihren großen Auftritt. Sie steht nun unter einem Rundbogen, der eine fast höhlenartige Atmosphäre schafft. Das mit grün glasierten Keramikfliesen verkleidete Bad ist in den Wohnraum integriert, allerdings nicht völlig schutzlos: Ein motorisiertes Schwenkfenstersystem kann den Bereich bei Bedarf abschirmen.So sollen alle Zonen der Wohnung gleichberechtigt nebeneinander existieren, statt wie in konventionellen Grundrissen durch Flure und Türen voneinander getrennt zu werden. Nur das Schlafzimmer bleibt ein geschlossener Raum. Auf diese Weise entsteht trotz der kleinen Fläche ein offener, großzügiger Wohnraum, und mit ihm eine gewisse Neuordnung häuslicher Prioritäten.Von der Badewanne aus kann die Bewohnerin nun ins Wohnzimmer blicken oder sich mit jemandem unterhalten, der auf dem Sofa sitzt. In ihrer Wohnung, kann sie nun mit Fug und Recht behaupten, sieht es aus wie in einem Designhotel.