Wilhelm Gallas / Baugeschichtliches ArchivIn Zürich gibt es mehr Freibäder als in jeder anderen Stadt Europas. Manche von ihnen sind über hundert Jahre alt. Woher kommt diese Badetradition? Und wieso hatte sie ursprünglich wenig mit Vergnügen zu tun?27.06.2026, 05.30 Uhr23 LeseminutenHeute sind Freibäder ein selbstverständlicher Teil des Zürcher Sommers. Aber im Mittelalter ist das Baden noch nicht organisiert. Über Jahrhunderte springen die Zürcherinnen und Zürcher einfach irgendwo ins Wasser, um sich abzukühlen oder sich zu waschen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit der Reformation im 16. Jahrhundert ändern sich aber die Sitten. Huldrych Zwingli hält das Schwimmen für unnütz und unziemlich. Die städtischen Behörden sehen es auch um 1800 noch nicht gerne, wenn Knaben von den Brücken in die Limmat springen und Männer sich an wilden Badeplätzen im Zürichsee erfrischen. Sie betrachten es als pöbelhaft und unanständig, sich in aller Öffentlichkeit halbnackt zu zeigen. Viele tun es trotzdem.Die erste Männerbadeanstalt stand am Bürkliplatz. Aufnahme von 1895.Adolf Moser / Baugeschichtliches ArchivDie ersten offiziellen Badeplätze entstehen, weil die Obrigkeit das Baden unter Kontrolle bringen will.1804: Der Badeplatz an der SechseläutenwieseDer erste Badeplatz Zürichs wird 1804 an der Kohleschanze beim Sechseläutenplatz eröffnet. Er besteht aus einer schwimmenden Schranke im Wasser und einer Aufsichtsperson. Die Stadt will damit das wilde Baden im Seebecken eindämmen und Unfälle verhindern. In diesen Jahren ertrinken regelmässig Menschen im See. Die Zürcher können damals noch nicht schwimmen, nicht einmal die Fischer oder die Fährleute. Am Badeplatz an der Kohleschanze gibt es zum ersten Mal Schwimmunterricht, allerdings nur für Knaben. Der Badeplatz ist sehr beliebt, ein paar Jahre später wird am Sihlwiesli ein weiterer eröffnet.Die frühen Badeanstalten sind flüchtig wie das Wasser. Die meisten verschwinden nach wenigen Jahren wieder, von vielen bleibt keine Spur.Nicht nur am Zürichsee, auch an vielen anderen Schweizer Flüssen und Seen entstehen Anfang des 19. Jahrhunderts erste Badeanstalten. Diese einfachen Holzbaracken sind nicht fest verankert, sie treiben wie Flösse auf dem Wasser und werden bei schlechtem Wetter leicht beschädigt. Die meisten gehen nach wenigen Jahren unter, werden von den Wellen mitgerissen oder bei Stürmen zerstört.Die erste richtige Badeanstalt von Zürich ist eine Frauenbadi – und das ist weniger dem Fortschritt als der Not zu verdanken.1837: Die Badeanstalt für Frauenzimmer am BauschänzliDas Frauenbad Belvoir in einer undatierten Aufnahme: Die Frauen sitzen auf der Abtrennung zwischen Nichtschwimmer- und Schwimmerbecken.ETH-BildarchivFür Frauen ist das Baden im See oder im Fluss bis dahin strikt verboten. Sich in der Öffentlichkeit zu entkleiden, gilt als unsittlich. Selbst mit Kleidern dürfen sie nicht ins Wasser, weil diese danach zu eng am Körper kleben. Wenn sich die Zürcherinnen waschen wollen, müssen sie nachts heimlich in einen der Brunnen steigen. Auch das ist aber verboten, und selbsternannte Sittenwächter werfen Dornengestrüpp und manchmal auch tote Katzen in die Brunnen, um die Frauen von einem Bad abzuhalten.Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird das Badeverbot zu einem gesellschaftlichen Problem. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt, um in der Textilindustrie oder im Maschinenbau zu arbeiten. Es entstehen neue Mietskasernen, in denen es weder Badezimmer noch fliessendes Wasser gibt. Ein Kaltwasserhahn im Treppenhaus ist ein Luxus, die meisten müssen ihr Wasser am Brunnen holen. Die wenigsten waschen sich. Wie in vielen Städten Europas verbreiten sich Cholera und Typhus. Der Sanitätsrat, die damalige Zürcher Gesundheitsbehörde, fordert Massnahmen, um die Hygiene zu verbessern.Nach jahrelangen Diskussionen hebt der Stadtrat schliesslich das Badeverbot für Frauen auf und eröffnet am 31. Juli 1837 das «Badehaus für Frauenzimmer» am Bauschänzli. In einer Anzeige im «Zürcherischen Wochenblatt» heisst es knapp : «Ein weiblicher Abwart wird sich vormittags von 9–12 Uhr und nachmittags von 2–7 Uhr dort befinden, an welchen Frauenzimmer 4 Rappen und Mädchen 2 Rappen für ein Bad zu entrichten haben.»Die Frauen scheinen nur darauf gewartet zu haben. Sie kommen so zahlreich, dass die Stadt das Bad schon im folgenden Jahr umbauen und die Fläche verdoppeln muss. Zudem schränkt sie den Zugang ein: «Der Eintritt ist täglich bis 2 Uhr nur Frauenzimmern und Kindern, ab 2 Uhr dann auch Dienstboten und Arbeiterinnen gestattet», wird bekannt gegeben.Das Frauenbad am Mühlesteg wird 1890 eröffnet. Es ist sehr populär, weil es das erste Gratisbad für Frauen ist. 1949 wird es abgerissen.Paul Hugo Herdeg / Baugeschichtliches ArchivLuftaufnahme des Frauenbades am Mühlesteg von 1910. Die Limmat ist im Bereich zwischen Bahnhofsplatz und Central damals noch überbaut.Baugeschichtliches Archiv1843 reisst die Stadt diese erste Frauenbadi ab und ersetzt sie durch eine grössere am Bürkliplatz. Gleich daneben steht seit 1839 auch das erste Männerbad von Zürich. Männer und Frauen waschen sich nun nebeneinander, aber streng getrennt in geschlossenen Anlagen. Die Männer können durch eine Luke in den See hinausschwimmen, wenn sie wollen. Für Frauen bleibt das freie Bad noch jahrzehntelang verboten. Erst 1890 werden die Zürcherinnen erstmals im offenen Wasser schwimmen können.Frauenabteil der Brättlibadi in Wädenswil um 1910. In vielen Gemeinden entlang des Zürichsees gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert Badeanstalten.Ernst Schlenker /Dokumentationsstelle Oberer ZürichseeNiemand geht in diesen Jahren zum Spass in die Badi. Die Menschen kommen, um sich zu waschen.1858: Das Männerbad am Bürkliplatz1858 reisst die Stadt das Männerbad am Bürkliplatz ab und baut einen grösseren, stabileren Holzbau. Es ist eines der ersten sogenannten Kastenbäder der Stadt: rundum geschlossen, überdacht, mit einem Bassin in der Mitte.Das Männerbad ist auch bei schlechtem Wetter und tiefen Temperaturen offen. Die Zürcher kommen nicht zum Vergnügen, sondern für die Körperpflege: Sie seifen sich ein, spülen sich ab, rasieren sich oder lassen sich die Haare schneiden.Ungefähr 1910.Baugeschichtliches ArchivWer es sich leisten kann, kauft sich ein Ticket für eine der achtzehn Einzelkabinen, die anderen müssen sich in der grossen Gemeinschaftskabine umziehen. Für einen Aufpreis gibt es wie in vielen Badis «Wannenbäder», geschlossene Kabinen mit einer Badewanne, für die der Bademeister im Ofen Seewasser erhitzt.Was der Eintritt ins Männerbad 1858 damals kostet, ist nicht bekannt. In Kreuzlingen am Bodensee kostet ein Besuch im Einzelbad um 1880 herum 20 Rappen, im Bassin 10 Rappen. In Zürich zahlen Erwachsene damals je nach Anstalt zwischen 20 und 50 Rappen, Kinder die Hälfte.Ein Hilfsarbeiter verdient damals um die 2 Franken 40 am Tag und kann damit kaum seine Familie ernähren. Für viele bleibt der Besuch in der Seebadeanstalt ein Luxus, den sie sich nur selten leisten. Die Stadt eröffnet 1864 am Schanzengraben deshalb ein kostenloses Männerbad. Die Nachfrage ist von Anfang an gross, das Bad frühmorgens und abends überfüllt. Für Frauen wird es erst ab 1890 beim Mühlequai, zwischen Bahnhofsplatz und Central, ein Gratisbad geben.Schwimmunterricht im Männerbad am Schanzengraben um 1909.Bruno Eduard Schucht / Baugeschichtliches Archiv1883 wird das Männerbad am Bürkliplatz noch einmal abgerissen und vergrössert. Seine prominente Lage wird kritisiert: Die zwei grossen Kastenbäder (das Frauenbad steht noch immer direkt daneben) versperren die Sicht auf den See und die Berge. Das Frauenbad wird deshalb auf Schwimmkörpern vom Bürkliplatz an das Stadthausquai gezogen, wo es bis heute steht. Die neue Männerbadi wird ebenfalls an verschiedene andere Standorte gebracht, kehrt aber wieder zum Bürkliplatz zurück.Anfangs kommen die Männer nur ins Bad am Bürkliplatz, um sich zu waschen. Doch mit der Zeit lernen immer mehr Zürcher schwimmen, und das Bad im See wird zum Spass.ETH-BildarchivNoch immer können sich nicht alle Stadtzürcher regelmässig waschen. Aus Sorge um die Hygiene entscheiden Wissenschafter und Behörden: Die Stadt braucht mehr Badeanstalten.Das Hygieneproblem verschärft sich weiter. 1883 wird an der Universität Zürich das Hygienische Institut gegründet mit dem Auftrag, Lösungen auszuarbeiten. Zürich zählt nun fast 200 000 Einwohner. Die Experten befinden, dass es nur zwei Optionen gibt: private Badezimmer in alle Häuser einzubauen oder mehr öffentliche Badeanstalten zu eröffnen.Die zweite Lösung ist nicht nur deutlich billiger, sondern auch schneller umzusetzen. Deshalb baut die Stadt zwischen 1886 und 1896 im Seebecken und in der Limmat acht neue Badeanstalten: ein Männer- und ein Frauenbad in der Enge, ein Männerbad am Mythenquai, ein Frauenbad am Mühlequai, ein Flussbad vor dem Kraftwerk Letten und Seebäder beim Tiefenbrunnen, in Wollishofen und am Utoquai.Nicht nur in Zürich findet in diesen Jahren ein Bäder-Boom statt. Auch viele andere Schweizer Städte und Gemeinden bauen neue Badeanstalten. Die Behörden wollen damit nicht nur die Körperhygiene verbessern. Sie sehen in den Badis auch ein Mittel im Kampf um die Moral. Sie wollen das wilde Baden entlang von Seen und Flüssen unterbinden. Viele Bäder werden deshalb auch an Stellen gebaut, an denen die Leute zuvor wild badeten.Die schönste Badi der Stadt steht am Utoquai und fällt von weitem auf mit ihren orientalischen Kupfertürmen und Spitzbogenfenstern. Die Zürcherinnen und Zürcher nennen sie liebevoll «Badepalast».1890: Das Seebad UtoquaiDas Seebad Utoquai um 1920. Hier dürfen auch die Frauen seit 1890 durch eine Luke in den See hinausschwimmen.Baugeschichtliches ArchivDie neuen Bäder sind nicht nur grösser, sondern auch stabiler als ihre Vorgänger. Sie werden das Stadtbild langfristig prägen und sollen deshalb auch schön aussehen. Stadtbaumeister und Architekten suchen nach Vorbildern und lassen sich von Badepavillons in Triest und Venedig inspirieren.Die Struktur der Badeanstalten bleibt aber von den alten Moralvorstellungen geprägt. Auch das Utoquai ist nach allen Seiten geschlossen und mehrheitlich überdacht, damit niemand vom Quai her hineinspähen kann – oder von einer Abteilung in die andere. Denn obwohl der Badepalast Männern wie Frauen offensteht, baden die Geschlechter weiterhin getrennt.Die meisten gemischten Kastenbäder sind symmetrisch aufgebaut mit zwei separaten Abteilungen und Schwimmbecken. Im Seebad Utoquai sind es sogar vier: je eines für Frauen, Mädchen, Knaben und Männer. Nach der Kasse biegen Männer und Buben nach links ab, Frauen und Mädchen nach rechts.Die Becken sind in einen Nichtschwimmer- und einen Schwimmerbereich unterteilt. Da das Bad nicht mehr auf dem See schwimmt, sondern auf Stützen steht, können die Bassins mit einer Kurbel dem Seespiegel angepasst werden.Im Utoquai gibt es zahlreiche Einzelkabinen, von denen aus man über eine Treppe in ein privates kleines Becken im See steigen kann. So kann man sich erfrischen und sich waschen, ohne dass jemand zusieht.Wie in allen Zürcher Badis ist der Andrang gross. Um möglichst vielen Leuten die Körperpflege zu ermöglichen, wird der Aufenthalt zeitlich begrenzt. Im städtischen Badereglement von 1887 steht: «Die Badezeit darf bei starker Frequenz (einschliesslich des An- und Auskleidens) eine halbe Stunde nicht überschreiten.» In den meisten Schweizer Badis ist die Badezeit in diesen Jahren auf 20 bis 60 Minuten beschränkt.Wer keine Badesachen hat, kann im Utoquai bei der Badewärterin Badeanzüge und Handtücher mieten oder auch Seife und Rasierzeug. Damals arbeiten vor allem Frauen in den Badis. Ihre Hauptaufgabe ist es, Böden zu schrubben und vermietete Badeanzüge und Handtücher zu waschen. Das wird als Frauenarbeit betrachtet und ist ein schlecht bezahlter Job. Ende des 19. Jahrhunderts liegt der Tageslohn einer Badewärterin in Zürich – bei einer Arbeitszeit von 6 Uhr morgens bis 19 Uhr abends – bei knapp 4 Franken. Ein Kilo Brot kostet damals 35 Rappen, ein Liter Milch 25 Rappen.Erst Jahrzehnte später, als der Bademeister auch zum Rettungsschwimmer wird und damit an Ansehen und Wert gewinnt, werden mehr Männer den Job übernehmen.Einen Sieg haben die Frauen im Utoquai aber errungen. Auch sie dürfen dort nun aus ihren Becken durch eine Luke in den See schwimmen. In den Jahren vor der Eröffnung wurde heftig über das Schwimmverbot für Frauen im Zürichsee gestritten. Am 25. August 1887, an einer Sitzung des Stadtrates, argumentierten Gegner des Verbotes: «Das Schwimmen der Damen im See erregt bei den Bürgern grossen Anstoss.» Ein Leserbriefschreiber behauptete im Oktober desselben Jahres in der NZZ, dass die Frauen gar nicht frei schwimmen wollten: «Unsere Frauen und Mädchen werden sich (. . .) nie und nimmer das freie Leben des Meeresstrandes angewöhnen und sich kühn aus dem Gehäuse heraus in die Flut des Sees wagen.»Er irrt sich. Als die Zürcherinnen drei Jahre später ins offene Wasser schwimmen dürfen, tun es viele von ihnen. Und mit jedem Jahr werden es mehr.Schwimmen gilt inzwischen als nützliche Leibesübung, und immer mehr Männer und Frauen lernen, das Wasser zu beherrschen.Die Kastenbäder mit ihren eingezäunten Bassins und den höhenverstellbaren Böden sind ideal, um schwimmen zu lernen. Auch einzelne Schulen halten im Utoquai Schwimmunterricht ab, allerdings nur für Knaben und nur freiwillig. Für mehr fehlt die Infrastruktur. Erst im 20. Jahrhundert wird das Schulschwimmen für alle möglich und schliesslich auch obligatorisch.Freiwilliger Schwimmunterricht für Knaben im Männerbad beim Mythenquai 1904. Die geschlossenen Kastenbäder eignen sich gut, um das Schwimmen zu lernen.ETH-BildarchivDas Verhältnis der Menschen zum Baden ändert sich noch einmal grundsätzlich. Ärzte stellen fest: Gesundheit bedeutet mehr als Hygiene. Dem Körper tut es gut, an der frischen Luft und an der Sonne zu sein.1909: Das Luft- und Sonnenbad am Unteren LettenZu Beginn des 20. Jahrhunderts werden die Arbeitszeiten verkürzt und freie Samstagnachmittage eingeführt. Fabrikarbeiterinnen und Büroangestellte wollen die neue Freizeit nicht in überfüllten Stadtquartieren verbringen, es zieht sie hinaus in die Natur.In der Schweiz und anderen deutschsprachigen Ländern gewinnt als Reaktion auf die Industrialisierung die «Lebensreform» an Einfluss, eine Bewegung, die eine Rückkehr zu einer naturverbundenen Lebensweise propagiert. Die Naturheilkunde wird populär, ebenso Sport und Erholung im Freien. In Zürich entstehen erste Schrebergärten, Wandergruppen und private Luft- und Sonnenbäder. Mit ihnen verändert sich auch die Körperkultur.Um mitzuhalten, eröffnet die Stadt 1909 am Unteren Letten neben einem neuen Flussbad auch ein Luft- und Sonnenbad. Es ist das erste öffentliche Bad in Zürich, das nicht nur für die schnelle Körperreinigung gedacht ist. Auf den Sonnenterrassen am Hang hinter dem Garderobenhaus können die Zürcher in der Sonne sitzen und entspannen. Vorerst ist dieser Luxus den Männern vorbehalten. Erst 1927 wird der Untere Letten auch für Frauen zugänglich.Undatierte Aufnahme aus der Badeanstalt am Unteren Letten. Am Hang hinter dem Bad wird 1909 das erste Luft- und Sonnenbad eröffnet.Schweizerisches SozialarchivDas Wildbaden im See bleibt zwar verboten, doch immer mehr Menschen ignorieren das Verbot und baden einfach irgendwo im Wasser. Besonders viele Zürcherinnen und Zürcher kommen an schönen Sommerwochenenden mit Familie und Proviant in das aufgeschüttete Gebiet rund um den Mythenquai. Der Stadtrat sieht das Treiben mit Sorge. Er will kontrollieren, wo und wie die Bürger baden. Deshalb beschliesst er den Bau eines Strandbades genau an diesem Ort.Mit dem Strandbad wird das Baden zum Vergnügen. Die Menschen kommen nicht mehr für eine halbe Stunde in die Badi, sie können nun den ganzen Tag dort verbringen.1922: Das Strandbad MythenquaiStrandbad Mythenquai in den 1920er Jahren. Der Andrang im ersten gemischten Bad war von Anfang an gross.Wilhelm Pleye / Baugeschichtliches ArchivAm 17. Juni 1922 öffnet das Strandbad Mythenquai, eine grosszügige Anlage mit Liegewiesen, Turnplätzen und einem Sandstrand mit freiem Zugang zum See. Die neue Badi hat kaum mehr etwas gemein mit den engen alten Kastenbädern. Eines aber bleibt: Die Geschlechter sollen weiterhin getrennt baden. Noch fehlt dem Stadtrat der Mut, so weit zu gehen wie die Kollegen in Weggis am Vierwaldstättersee, wo 1919 das erste gemischte Strandbad der Schweiz eröffnet wurde.Im Mythenquai trennt eine zwei Meter hohe Holzwand die Liegewiesen für Männer und Frauen voneinander ab. Doch die Zürcherinnen und Zürcher haben genug von der Prüderie. Sie wollen mit der ganzen Familie in die Badi gehen. Schon am ersten Tag betreten Männer vom Wasser her unter Applaus und Gejohle den Frauenteil. Die Polizisten, die für Ordnung sorgen sollen, werden von den Badegästen verspottet.In den Zeitungen wird hitzig über die Bretterwand diskutiert. Am 5. Juli befindet ein Kommentator in der NZZ, dass man auf diese hätte verzichten sollen: «Es ist nicht recht ersichtlich, warum unserem Zürcher Publikum in sittlicher Hinsicht weniger Vertrauen gebührt, als ein solches den Badenden in anderen Strand- und Seebädern entgegengebracht wird.»Eine Umfrage des Gesundheitsamts unter den Badegästen ergibt, dass 605 der 730 befragten Frauen keine Trennwand mehr wollen. Am 7. Juli, nicht einmal drei Wochen nach der Eröffnung, lässt der Stadtrat die Bretterwand verschieben. Nur noch ein kleiner Frauenbereich wird abgetrennt, der Rest der Badeanstalt ist nun für alle zugänglich.Die Satirezeitschrift «Nebelspalter» macht sich in einer Sonderausgabe unter dem Titel «Im Strandbad» über die Zürcher lustig. «Das waren noch Zeiten der Poesie, in denen man öffentlich muckte und heimlich von beiden Seiten durch die Astlöcher und Ritzen guckte», steht neben einer Zeichnung, auf der sich Burschen gegenseitig helfen, an der Bretterwand hochzuklettern, und junge Frauen durch Löcher auf die andere Seite schielen.Die Zürcherinnen und Zürcher haben sich durchgesetzt, doch weil sie nun gemeinsam baden, verschärfen die Behörden die Kleidervorschriften. Das Badereglement von 1923 schreibt vor, dass weibliche Gäste Badekostüme und männliche Gäste Badehosen tragen müssen, die «genügend weit und lang» sind. Das Verbot eng anliegender Bademode trifft vor allem die Männer, die damals gerne knappe Badeslips tragen. Die «Dreispitzbadehosen», wie man sie nennt, werden aus der Badi verbannt.Das Strandbad Mythenquai in der 1950er Jahren.Comet / ETH-BildarchivDie Zürcher scheint das wenig zu kümmern. Sie kommen in grösserer Zahl als erwartet. Das Strandbad war für 600 Badegäste gedacht. Im ersten Sommer kommen täglich über 4000, an schönen Sonntagen bis zu 11 000. Insgesamt verzeichnet das Mythenquai in der ersten Saison über 200 000 Besucher. Der Stadtrat muss die Badi schon im ersten Winter erweitern, auf Kosten eines Teils der Quaistrasse. Und das Bad wird immer beliebter. 1928 besuchen es 360 000 Personen.Ein Eintritt für zwei Stunden kostet 20 Rappen, ein unbegrenzter 80 Rappen. Noch immer können sich nicht alle einen ganzen Tag in der Badi leisten, doch inzwischen sehr viele. Die NZZ bezeichnet das Mythenquai im Juli 1929 als «demokratischste Einrichtung der Stadt», weil sich dort alle unabhängig von der sozialen Stellung im Wasser und an der Sonne erholen könnten.Die Leute kommen aber nicht nur, um zu schwimmen und sich zu sonnen. Auf speziell dafür vorgesehenen Wiesen wird auch Sport getrieben. Eine Anzeige in der Zeitschrift «Für die Körperkultur» vom Sommer 1925 wirbt für: «Freiluft-Turnen einzeln oder in Gruppen in den Morgenstunden von 6–12 Uhr bei Otto Siegrist, offizieller Turnwart im Strandbad. 14–18 Uhr allgemeiner Spielbetrieb unter Anleitung.»1927 lässt das Kaufhaus Jelmoli eine zehn Meter hohe und dreissig Meter lange Wasserrutschbahn aus Holz aufbauen. Für ein paar Rappen sausen Jung und Alt bäuchlings auf einem Holzschlitten ins Wasser. Angestellte von Jelmoli tragen die Schlitten danach wieder hoch. Laut der NZZ erfreut sich die neue Attraktion grosser Beliebtheit. Im Juni 1929 rutschen über 10 000 Personen ins Wasser. Jelmolis Konkurrent Globus sponsert im gleichen Jahr eine kostenlose Wasserschaukel.1927 liess das Kaufhaus Jelmoli im Strandbad Mythenquai eine Wasserrutschbahn installieren.ETH-BildarchivDas Strandbad revolutioniert das Baden. Damit wird auch das Essen ein Thema. Wer den ganzen Tag in der Badi verbringt, will sich dort auch verpflegen können.Anfangs bringen die Badegäste ihr Essen im Picknickkorb mit. Nach ein paar Jahren erkennen die städtischen Verantwortlichen aber, dass sie den Besuchern Snacks und Getränke anbieten müssen, um sie bei Laune zu halten. Alkoholismus ist in diesen Jahren ein grosses Problem, und die Stadt will nicht, dass Betrunkene den Betrieb stören. Deshalb bekommt der Zürcher Frauenverein den Auftrag für alkoholfreie Wirtschaften. Ab Ende der 1920er Jahre betrieben seine Mitarbeiterinnen im Mythenquai und in einigen kleineren Badis erste Kioske. In der Badesaison 1930 verkaufen sie unter anderem 87 760 Weggli und Bürli, 27 974 Gläser pasteurisierte Milch, 14 699 Cervelats und 12 917 Früchte.Das Modell bewährt sich. Die Stadt plant von nun an beim Bau von Badeanstalten immer auch Kiosk-Pavillons ein und vergibt die Pachtverträge an den Frauenverein.Die älteren See- und Flussbäder können nicht mithalten. In den Kastenbädern ist kein Platz für Kioske. Aber Mitarbeiterinnen des Frauenvereins verkaufen dort an mobilen Ständen Fleisch- und Gemüsebrühe, damit sich die Gäste nach dem Bad im kalten See aufwärmen können.Langfristig überlebt nur, wer sich anpasst. Die traditionellen hölzernen See- und Flussbäder modernisieren sich: Sie öffnen ihre Anlagen zum Wasser hin, bauen ihre Dächer zu Sonnenterrassen um und schaffen Sprungbretter an. Nicht allen gelingt der Sprung in die Moderne. Mehrere alte Badis werden in diesen Jahren geschlossen und abgerissen.Mit dem Strandbad wird das Baden zur Familiensache. Und die Badi zum Treffpunkt für junge Männer und Frauen. Nicht alle sind glücklich darüber.In der ganzen Schweiz werden ab den 1920er Jahren Strandbäder gebaut. Die meisten von ihnen sind gemischt. Allmählich heben auch viele der älteren Bäder die Geschlechtertrennung auf.Im reformierten Zürich unternimmt die Kirche nichts dagegen. In katholischen Schweizer Gemeinden ist der Widerstand jedoch gross. In Romanshorn im Thurgau lobbyiert der katholische Frauenverein gegen den «Verfall der Sitten». In Rorschach in St. Gallen verbietet der Pfarrer den Kindern im Religionsunterricht den Besuch des Familienbades.In einigen ländlichen, katholischen Gebieten wird es noch Jahrzehnte dauern, bis Männer und Frauen zusammen baden dürfen. In Goldach am Bodensee eröffnet 1932 ein Strandbad, das an Land wie im Wasser noch immer strikt getrennt ist. 1947 schlägt der Gemeindeammann vor, zwei separate Sprungtürme zu bauen, um die Tradition aufrechtzuerhalten. Das Stimmvolk entscheidet sich aber für einen Sprungturm und beschliesst damit auch die Aufhebung der Geschlechtertrennung im Wasser. Erst 1952 dürfen Männer und Frauen in Goldach auch auf der gleichen Wiese liegen.Doch längst ist eine neue Revolution im Gang: Mit der Erfindung des Eisenbetons gewinnt der Mensch die Kontrolle über das Wasser – und das Baden ist nicht mehr an Fluss und See gebunden. In Zürich ist es 1939 so weit.1939: Das Freibad AllenmoosDas im schlichten Landi-Stil gebaute Allenmoos wurde zum Vorbild für viele spätere Freibäder.Michael Wolgensinger / Baugeschichtliches Archiv1934 schliessen sich acht ehemalige Nachbargemeinden der Stadt Zürich an, unter ihnen das bevölkerungsreiche Oerlikon mit seinen Rüstungs- und Maschinenfabriken. Vier Jahre später beschliesst der Stadtrat, für die neuen Bürgerinnen und Bürger im Norden das erste Freibad zu bauen. Bei einer Volksabstimmung wird das Projekt mit 45 177 zu 10 751 Stimmen angenommen. Der Bau kostete 1,5 Millionen Franken, damals eine beachtliche Summe.Das Bad soll grösser und schöner werden als alles, was man bisher gesehen hat. Es soll während der Schweizer Landesausstellung eröffnet und eines der Vorzeigeprojekte der «Landi» werden.Am 22. Juni 1939 nimmt das Freibad Allenmoos in Oerlikon den Betrieb auf. Mit einer Fläche von 40 000 Quadratmetern ist es für damalige Verhältnisse gigantisch. Und es hat nicht nur eines, sondern gleich zwei grosse Schwimmbecken. «Ein wahrhaft prachtvolles Werk des Gemeinsinns», schreibt ein begeisterter Reporter der NZZ. Die Menschen aus den Aussenquartieren, die in ihrer knappen Mittags- oder Feierabendzeit nicht an den See könnten oder nicht das Geld für die weite Fahrt mit der Strassenbahn hätten, könnten nun endlich auch ein Bad in Licht, Luft und Wasser geniessen. «Das Freibad wird den Familiensinn stärken, da der erwerbstätige Vater mit Frau und Kindern den Freuden des Badens obliegen kann», schreibt er weiter.Im Allenmoos sollten sich die Besucher fühlen wie im Park – nicht wie in einem Massenbad.Michael Wolgensinger / Baugeschichtliches ArchivZürich bekommt sein erstes städtisches Freibad relativ spät. Schon 1923 war in Freiburg das erste Schweizer Betonschwimmbad, Les Bains de la Motta, eröffnet worden. Geplant hatte es der an der ETH ausgebildete Ingenieur und Freibadpionier Beda Hefti, der in den folgenden Jahren vierzehn weitere Freibäder im Land bauen wird.Konstruktion und Technik von Beda Heftis ersten Gussbetonbecken mit Überlaufkanal sind bahnbrechend. Die Form der ersten Freibäder ist aber noch sehr traditionell. Sichtschutz und Geschlechtertrennung bleiben. Das Bad Motta gleicht den alten Kastenbädern. Das Schwimmbecken ist umgeben von einem schützenden Holzbau mit Einzelkabinen.Die Besucher geben die Kleider wie in den älteren Bädern an der Garderobe ab.Michael Wolgensinger / Baugeschichtliches ArchivDas vom Architekturbüro Haefeli/Moser und vom Landschaftsarchitekten Gustav Ammann entworfene Zürcher Allenmoos bricht mit allen Traditionen. Es ist das erste Gartenbad der Schweiz. Bäume, Wiesen und Wasser stehen im Vordergrund. Die im schlichten Landi-Stil gebauten Gebäude verschwinden fast in der Natur. Die Besucher sollen sich wie in einem Park fühlen, nicht wie in einem Massenbad.Ganz neu gibt es im Allenmoos aber auch Kleiderkästen.Michael Wolgensinger / Baugeschichtliches Archiv«Es ist sicher nicht übertrieben, wenn man sagt, dass die Stadt Zürich im Allenmoos eine Anlage geschaffen hat, wie man sie in diesem baulichen und gärtnerischen Zustand auf der ganzen Welt nicht mehr finden wird», schreibt der NZZ-Journalist. Auch den Zürcherinnen und Zürchern gefällt das neue Quartierbad. Rund 10 000 Besucher kommen in der ersten Sommersaison am Tag. Selbst wenn es bewölkt oder kühler ist, sind die Liegewiesen voll.Der Aufenthalt im «Möösli», wie es die Anwohner nennen, ist nicht mehr beschränkt. Erwachsene zahlen 30 Rappen, Kinder 15 Rappen. Im Eintrittspreis inbegriffen ist die Benützung der Sammelkabinen, die in zwei grossen Hallen untergebracht sind. Kleider und Schuhe werden an einen Bügel mit Hängekörbchen gehängt und wie im Theater an der Garderobe abgegeben. Für 10 Rappen können die Gäste aber auch einen Garderobenkasten mieten, damals etwas Neuartiges.Auf den Liegewiesen herrscht Ordnung. Allen Badegästen ist eine bestimmte Zone zugewiesen: Eltern mit Kindern, Jugendliche, Frauen, die unter sich bleiben wollen, Erwachsene, die Stille suchen, und jene, die an Spiel- und Sportaktivitäten interessiert sind. Eine Aufsichtsperson in weisser Uniform sorgt dafür, dass niemand in der Ruhezone lärmt und sich alle benehmen. Ein Turnlehrer überwacht die Rasenspiele, die Turngeräte und die Kegelbahn.Im Gartenbad Allenmoos gibt es sogar eine Kegelbahn. Aufnahme von 1943.Michael Wolgensinger / Baugeschichtliches ArchivDreizehn Personen arbeiten im ersten Jahr im Allenmoos – an den Kassen, der Garderobe, als Bademeister oder als Aufsicht auf den Liegewiesen. Mit der steigenden Besucherzahl wächst auch das Team der Angestellten, 1949 werden es 22 sein. (Heute arbeiten im noch immer grössten Freibad Zürichs noch fünf festangestellte Personen.)Das Allenmoos wird zum Vorbild für viele weitere Freibäder in Zürich und der ganzen Schweiz. Die Badis werden zu riesigen Gartenanlagen.Der Zweite Weltkrieg unterbricht den Bau neuer Freibäder. Und die Zürcher verlieren ihre Lieblingsbadi. Die Liegewiesen des Strandbads Mythenquai werden zum «Kriegsgarten».Um die Selbstversorgung des Landes während des Zweiten Weltkriegs zu sichern, ordnet der Bundesrat an, jede verfügbare Grünfläche in der Schweiz in Ackerland umzuwandeln. Auch öffentliche Parks und Sportanlagen werden der «Anbauschlacht» geopfert. Auf den Wiesen im Strandbad Mythenquai baut die Stadt Weizen an. Um die Ernte vor hungrigen Schwänen zu schützen, wird die Anlage eingezäunt.Andere Badeanstalten bleiben in Betrieb – so auch das kurz vor Kriegsbeginn eröffnete Allenmoos. Der Stadtrat begründet dies mit der «Volksgesundheit» und der «Volksmoral». Sport und Sonnenlicht würden helfen, die schwierige Zeit durchzustehen. Die gefüllten Becken des Freibades seien zudem strategische Wasserreserven, die bei feindlichen Luftangriffen angezapft werden könnten.In den Nachkriegsjahren kommt die Badi zu den Leuten. Der Wohlstand ermöglicht es, in vielen Quartieren Freibäder zu bauen. Das chlorierte Wasser setzt sich auch deshalb durch, weil die Seen und Flüsse zunehmend verschmutzt sind.1949: Das Quartierbad LetzigrabenWie viele Freibäder in dieser Zeit ist auch Letzigraben in Albisrieden im Landi-Stil gebaut.Michael Wolgensinger / Baugeschichtliches ArchivDie Stadt Zürich schreibt schon 1943 den Wettbewerb zum Bau eines zweiten städtischen Freibads für die neuen westlichen Quartiere aus. Der Architekt und Schriftsteller Max Frisch gewinnt mit seinem Projekt Nummer 8 einstimmig den ersten Preis. Für die landschaftliche Gestaltung holt Frisch den Gartenarchitekten Gustav Ammann dazu, der sich mit dem Allenmoos einen Namen gemacht hat.Das Schwimmbad wird zur Gartenanlage, und diese braucht Pflege. Aufnahme von 1952.Michael Wolgensinger / Baugeschichtliches ArchivDie Umsetzung des Projekts ist kompliziert. In den ersten Jahren nach dem Krieg sind wichtige Baumaterialien wie Zement noch immer knapp. Die Garderoben werden deshalb mehrheitlich aus Holz gebaut. Nur die Becken, der Sprungturm und die geschwungene Treppe des Hauptgebäudes werden aus massivem Sichtbeton gegossen.Am 18. Juni 1949 wird das Freibad Letzigraben in Albisrieden eröffnet. Max Frisch notiert in sein Tagebuch: «Die Rasen sind voll von Menschen, halb nackt und halb bunt. Und es ist etwas wie ein wirkliches Fest.»Wie das Allenmoos ist das Letzibad ein Gartenbad im reduzierten Landi-Stil. Am stolzesten ist Frisch auf den filigranen Sprungturm. Es ist der erste 10-Meter-Sprungturm der Schweiz. Und obwohl er aus Beton besteht, wirkt er mit seinen asymmetrisch angeordneten Plattformen fast schwerelos.Ursprünglich war der Sprungturm gar nicht geplant. Frisch hatte ein reines Familienbad entworfen, wurde dann aber von der städtischen Fachkommission für Schwimmen mit einer Beschwerde gebremst. Zürich brauche endlich eine richtige Schwimmsportanlage mit Sprungturm, forderte sie – Frisch musste sein Projekt um ein 50-Meter-Sportbecken und einen Sprungturm erweitern.Der filigrane Sprungturm ist der grosse Stolz des Architekten Max Frisch.Michael Wolgensinger / Baugeschichtliches ArchivDie Ansprüche an die Badi verändern sich erneut. Viele Zürcherinnen und Zürcher können nun schwimmen und wollen in separaten Becken ungestört Bahnen ziehen. Die Jugendlichen wollen mehr Unterhaltung, und was macht mehr Spass als ein Köpfler vor versammeltem Publikum ins Sprungbecken? Das 50-Meter-Becken und der Sprungturm fehlen künftig in keiner der neuen Badis mehr.In den 1950er und 1960er Jahren gibt es viele davon. Die Wirtschaft boomt, die Bevölkerung wächst. Alle Schweizer Städte bauen Freibäder, und mit dem Wachstum der Agglomeration ziehen später auch die umliegenden Orte nach. Fast jede Gemeinde leistet sich nun ein eigenes Freibad. Die Badi gehört zu einem Ort wie die Kirche und das Schulhaus.In Zürich bekommen zwischen 1958 und 1966 Schwamendingen, Seebach, Wiedikon und Höngg ein eigenes Freibad. Damit gibt es in der Stadt Zürich mehr Bäder pro Einwohner als überall sonst in Europa. Zu erklären ist das vor allem mit dem Wohlstand: Zürich kann sich teure Infrastruktur leisten, und die Bevölkerung hat genug Freizeit, um sie zu nutzen.In vielen Quartieren werden zwischen 1958 und 1966 neue Freibäder gebaut. Im Bild das Freibad Auhof in Schwamendingen 1969.ETH-BildarchivDie Freibäder werden in diesen Jahrzehnten aber auch deshalb so populär, weil die Seen und Flüsse verschmutzt sind. Vielerorts gibt es noch keine Kläranlagen. Auch Abwasser der Industrie und phosphathaltige Waschmittel schaden der Wasserqualität.Die alten Holzbauten, die auf Pfählen in Seen und Flüssen stehen, verlieren an Kundschaft. Sie entsprechen nicht der modernen Sport- und Freizeitkultur. Viele von ihnen sind baufällig, der Unterhalt ist teuer. Mehrere alte Bäder im Zürichsee und in der Limmat werden zwischen 1950 und 1970 abgerissen.Das Männerbad am Bürkliplatz wird 1964 von einem Föhnsturm zerstört. Die NZZ berichtet am 25. April 1964: «Am Sechseläutensonntag ist im Föhnsturm die Hälfte der Badeanstalt am Bürkliplatz ins Wasser gesunken. Auf dem Dach, das noch knapp aus dem See ragt, haben die Schwäne einen neuen Landeplatz gefunden (. . .). Der Schaden ist irreparabel.»Das Männerbad ist damals 81 Jahre alt. Mit ihm verschwindet die älteste Badi Zürichs.Das Männerbad am Bürkliplatz wird im April 1964 bei einem Föhnsturm zerstört. Mit ihm verschwindet die älteste Badi der Stadt.Photopress-Archiv / KeystoneDie Zeit der Quartierbäder geht zu Ende. Sie verlieren an Beliebtheit. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für die Kulturgeschichte. Viele der älteren Badeanstalten werden unter Denkmalschutz gestellt.1980er Jahre: Die Badi wird zum KulturdenkmalAb den 1980er Jahren gibt es keine neuen Freibäder mehr. Es werden höchstens noch bestehende Quartier-, See- und Flussbäder renoviert und erweitert. Denn es gibt kaum mehr bezahlbaren Boden. Wo doch noch gebaut wird, entstehen Hallenbäder, die ganzjährig nutzbar sind. Und ab den 1990er Jahren werden dann fast nur noch grosse Sportkomplexe mit Freibad, Hallenbad, Eishalle und Turnhallen gebaut.Mit dem wachsenden Freizeitangebot gehen die Besucherzahlen der Zürcher Badis zurück. Einigen droht die Schliessung, doch am Ende überleben alle, indem sie aufrüsten – mit neuen Wasserrutschen, Beachvolleyball-Feldern und Selbstbedienungsrestaurants.Jahrhundertelang wurden Badeanstalten als Zweckbauten gesehen, niemand interessierte sich für ihre Geschichte, niemand dokumentierte oder erforschte sie. Ende der 1980er Jahre beginnt ein Umdenken. Architekturhistoriker und Behörden beginnen sich für die Badekultur zu interessieren. Historische Anlagen wie das Frauenbad am Stadthausquai und das Seebad Utoquai werden unter Denkmalschutz gestellt, bald auch die Freibäder aus der Zwischen- und der Nachkriegszeit.In Zürich werden die denkmalgeschützten Bäder in den folgenden Jahrzehnten sorgfältig renoviert und unterhalten. Nirgendwo sonst in der Schweiz sind bis heute so viele historische Badis erhalten.Party im Seebad Enge. Seit 1997 können Zürcher Badis auch am Abend kommerziell genutzt werden.Alessandra Della Bella / KeystoneUnd nochmals erfindet sich die Badekultur neu: Die Badi wird zur Bar.1997: Die BarfussbarIm Frühjahr 1997 kippt das Amt für Umwelt und Gesundheit das Verbot, die historischen Badeanlagen am Abend kommerziell zu nutzen. Die vergangenen Sommer waren verregnet, die städtischen Badeanlagen verzeichneten Verluste. Die Stadt sucht nach neuen Ideen, um die Kassen zu füllen. Sie erlaubt probeweise einen Barbetrieb im Frauenbad am Stadthausquai.Die erste Badi-Bar heisst Barfussbar. Während das Frauenbad tagsüber weiter nur Frauen offensteht, sind beim Barbetrieb am Abend auch Männer willkommen. Das Gegenteil gilt bald auch für das Männerbad am Schanzengraben, wo die Rimini-Bar eröffnet wird. Beide Bars gibt es bis heute, und auch andere Betriebe locken die Zürcherinnen und Zürcher mittlerweile mit Abendveranstaltungen in die Badi.2026: Die Badi im DichtestressSeit einigen Jahren sind die Badis auch tagsüber wieder richtig voll. Vor den charmanten alten Kasten-, Strand- und Freibädern bilden sich an heissen Tagen lange Schlangen, drinnen findet man kaum mehr einen freien Flecken, um das Handtuch hinzulegen.Im Hitzesommer 2026 sind die Zürcher Badeanstalten voll wie nie. Aufnahme vom Flussbad Oberer Letten im Juni.Claudio Thoma / KeystoneAlle beklagen sich über Dichtestress – und nirgendwo spüren die Zürcherinnen und Zürcher ihn stärker als in der Badi. Obwohl es in der Stadt – gemessen an der Bevölkerung wie auch an der Fläche – mehr Badeanstalten gibt als irgendwo sonst in Europa. Die Nachfrage ist grösser als das Angebot.In der Sommersaison 2025 kamen 2,5 Millionen Menschen in die 18 städtischen Badeanstalten. 2005 waren es 1,1 Millionen gewesen. Das Strandbad Mythenquai ist mit über 200 000 Eintritten bis heute einer der Spitzenreiter. Zwar kamen schon im Eröffnungsjahr 1922 gleich viele Besucher ins Mythenquai, damals war es aber das einzige gemischte Strandbad, nicht eines von vielen.189 Jahre nach der Eröffnung der ersten Badeanstalt ist das grösste Problem der Zürcherinnen und Zürcher wieder: Es gibt zu wenig Badis.Hauptquellen: Schweizer Heimatschutz: «Die schönsten Bäder», 2026; Tina Schmid: «Züribadibuch», 2024; Eva Büchi: «Als die Moral baden ging». Badeleben am schweizerischen Bodensee- und Rheinufer 1850–1950 , 2002; E-Newspaper Archives.Passend zum Artikel
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