Die Badewanne stirbt aus. Sie sei unpraktisch und verschwenderisch, heisst es. Dabei brauchen wir sie heute dringender denn jeWas verlorengeht, wenn wir nur noch duschen. Der Versuch einer Ehrenrettung.06.06.2026, 05.11 Uhr6 LeseminutenBadewannen sind Entspannungsort und Vorzeigeobjekt in einem. Das wusste schon der Showmaster Rudi Carrell, hier abgelichtet für eine Homestory.Peter Bischoff / GettyNur schon das Plätschern des Wassers in die weisse Wanne. Ruhe. Endlich. Ein bisschen Badesalz, zur Not taugt auch Shampoo. Die Muskeln werden weich, der Atem länger, der Herzschlag langsamer. Wenn der Wasserspiegel hoch genug ist, kann man die Ohren unter das Wasser halten und dem eigenen Puls zuhören. Alles löst sich. Aaaahhh . . .Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Vollbad zu nehmen – das ist ein kindliches, erhabenes Gefühl. Doch dieses Gefühl droht zu verschwinden, denn: Die Badewannen sterben langsam aus.In älteren Häusern hat zwar noch jede Wohnung eine Wanne. In neuen Überbauungen hingegen sind Duschen mit Glaswand oder Pendeltüre eingezogen. Sterile Nasszellen ersetzen so die weissen Schüsseln, die uns jahrelang mit Wasser umhüllt und sanft gewogen haben.Mit der Badewanne verschwindet nicht nur ein Sanitärobjekt – es verschwindet ein Stück Badekultur. Eine Gewohnheit, die uns sofortige Ruhe und Geborgenheit versprach, und das in den eigenen vier Wänden. Somit kommt uns genau das abhanden, was wir in einer immer schnelleren Welt umso dringender brauchen würden: Instant-Entspannung. Ganz ohne teure Achtsamkeitstrainings.Wie konnte das passieren?«Die Badewanne ist passé»Die Architekten sagen, unsere Hygienevorstellungen hätten sich geändert. Das spiegle sich in den modernen Wohngrundrissen.Andreas Sonderegger doziert an der ZHAW. Er baut seit dreissig Jahren Wohnungen und sagt: «Die Badewanne ist passé.» Denn: Sie sei umständlich und verbrauche mehr Wasser als die Dusche. Auch Swiss Life, die grösste private Immobilienbesitzerin der Schweiz, schreibt auf Anfrage: «Zielgruppen wie Singles, Paare oder ältere Menschen bevorzugen vermehrt Duschen gegenüber Badewannen.»Doch stimmt das wirklich? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Immobilienfirmen und Architekten durch den Verzicht auf Badewannen einfach Quadratmeter und Kosten sparen können?Natürlich ist ein Vollbad eine Verschwendung von Wasser, Zeit und Platz. Aber ein Vollbad ist eben auch ein wogender Schlafsack aus Wasser, wie es der Kabarettist Gabriel Vetter einmal sagte, ein paar Minuten Weltflucht im eigenen Dreckwasser.Wir beklagen uns ständig, wie wenig wir uns heute noch spüren. Wir schnöden, wie wir den Bezug zu unserem Körper verloren haben, wie schnell unsere Welt geworden ist und wie wenig wir uns Zeit für uns selbst nehmen.Dabei ist die Lösung so einfach. Wer im Vollbad planscht, ist maximal weit weg von Zoom-Meetings, Steuerrechnungen und von Donald Trump.Klar, das muss man aushalten können. Alles wegzulegen, die Kleider, die Handys, die Gedanken. Doch wer es tut, kommt im besten Fall in einen Flowzustand. Aus dem Nichts kommt die beste Idee, was man einem lieben Menschen schenken könnte. Oder wen man unbedingt wieder einmal anrufen sollte. All das passiert, wenn die Backen bereits rot und die Hände schrumpelig sind.Und nicht, wenn einem das Wasser aus der Duschbrause dumpf auf den Kopf tropft und man sich die Seife unter die Achsel schmiert.Bathart – nur ein kurzes RevivalWährend der Pandemie sah es kurz so aus, als erlebte die Badewanne eine ähnliche Renaissance wie das Sauerteigbrot, Vinylschallplatten oder das Stricken. Unter dem Hashtag #bathart kursierten Fotos von farbigen Schaumbädern. Die britische Schauspielerin Helen Mirren gab in einer Late-Night-Show ein Live-Interview aus der Badewanne, nur mit Schaum bedeckt. Gwyneth Paltrow wiederum schwärmte von ihrem Baderitual mit Tee oder Whisky – und davon, dass sie jeden Abend in der Wanne «den Tag abwasche».Dass Badewannen mehr sind als nur simple Waschstationen zeigt auch dieses Bild aus den 1950er Jahren, aufgenommen im Hotel Miramare in Positano, Italien.Slim Aarons / GettyDoch es war eine kurze nostalgische Verklärung. Wer heute mit Fachleuten spricht, erfährt von einem schleichenden Abschied: Für die meisten sei die Badewanne zum blossen Kuriosum verkommen. Sie sei sogar völlig bedeutungslos geworden. Die Badewanne teile damit das Schicksal des Bidets – ein Relikt, das aus der Zeit und aus unseren Badezimmern falle.So sind wir gerade dabei, leichtsinnig unseren billigsten Wellness-Ort preiszugeben. Unser intimstes Refugium.Dass dies nicht nur die Tat von gewinnorientierten Liegenschaftsentwicklern ist, zeigt das Beispiel einer Zürcher Genossenschaft. In einer Siedlung aus den achtziger Jahren ersetzt man gerade Badewannen durch Duschen. Es sei der Vorschlag der Mieterinnen und Mieter gewesen, sagt der Präsident. Im Vergleich zur Badewanne sei eine Dusche alters- und behindertengerecht.Die Frage aber ist: Was war zuerst? Die Architekten mit ihren Duschen oder unsere Ablehnung der Badewanne? Denn es könnte ja auch sein, dass wir nur denken, die Badewanne nicht mehr zu brauchen – weil man sie uns schleichend wegnimmt.Klar ist, die Zahlen zeigen einen dramatischen Rückgang. Vor 25 Jahren badeten noch 73 Prozent der Schweizer mindestens einmal pro Jahr zu Hause. 2024 gab die Hälfte der Schweizer Bevölkerung an, gar nie mehr in die Badewanne zu steigen. Das zeigt eine repräsentative Umfrage zum Dusch- und Badeverhalten in der Schweiz.Es gibt aber auch die anderen. Diejenigen, die noch gerne in die Wanne steigen. Diese Person ist typischerweise weiblich, unter 39 Jahre alt, gut gebildet und lebt in einer Deutschschweizer Stadt.Die Umfrage kam nämlich auf folgende Ergebnisse:Frauen baden 6 Prozent häufiger als Männer.Unter 39-Jährige baden um 27 Prozent häufiger als über 65-Jährige.Deutschschweizer baden um 8 Prozent häufiger als Westschweizer.Menschen mit hoher Bildung baden um 26 Prozent häufiger als solche mit tieferer Bildung.Und: Städter baden um 12 Prozent häufiger als die Bevölkerung auf dem Land.Aber eben, die Heimbader verschwinden – und zwar aus zwei Gründen: Weil sie es so wollen. Und weil ihnen die Wanne fehlt.Der wahre Feind: die DuscheDas Sterben der Badewanne ist kein Schweizer Kuriosum. Eine Studie einer deutschen Unternehmensberatung zeigt, dass Hersteller 2024 in Europa doppelt so viele Dusch- wie Badewannen verkauft haben.Diese Zahl macht deutlich, wer der wahre Feind der Badewanne ist: die Dusche. Sie kam zum ersten Mal in einem französischen Gefängnis zum Einsatz, in dem sich Krankheiten ausbreiteten. Das Ziel des Mediziners François Merry Delabost war damals, in kurzer Zeit möglichst viele Menschen zu reinigen. Auch Internatsleitern und dem Militär gefiel seine Idee.Die Dusche war also immer bloss zweckgebunden. Sie ist ein profaner Gegenstand im Badezimmer, wie die Zahnbürste, das Deo oder der Haarföhn. Aber Magie versprüht sie nicht. Denn egal wie sehr Hersteller von Duschbrausen ein Erlebnis vorgaukeln, es bleibt beim simplen Reinigungsakt. Daran können auch sogenannte «Rainforest-Brausen», Nebelduschen oder Brausen mit Massagefunktion nichts ändern.Oder schauen Sie sich nur einen der wichtigsten Badetrends 2025 an: die Walk-in-Dusche. «Minimalistisch» sei sie, «grosszügig», «modern», so lautet das Versprechen. Geborgenheit, Ausgleich, Entspannung? Nein, nein, nein.Es ist absurd, dass Badewannen nur dort geschätzt werden, wo es teuer wird: ausserhalb der eigenen Wohnung. Ach, wie schön war es im Thermalbad und im Wellness-Wochenende, wie entspannend! Das Bad in der frei stehenden Wanne in der Junior-Suite des Fünfsternehotels. Oder im Private Spa.Wäre dieser Plantschspass in einer Duschkabine möglich? Nein. Zwei Kinder nehmen ein Bad, Aufnahme aus den 1970er Jahren. D. P. Andrews / GettyDabei hat die Badewanne Potenzial für Grosses. Das hat man auch im «Hotel Auberge aux 4 Vents» in Freiburg i. Ü. erkannt. Gäste können dort mit einer Badewanne auf Schienen aus dem Fenster fahren. Ein Gast filmte sie und lud das Video auf Tiktok hoch. Es bekam 600 000 Likes. Dass wir diese Chance zu Hause übersehen, ist grotesk. @destinations.fr Cet hôtel en Suisse est assez particulier, puisqu’il possède une baignoire que vous pouvez prendre sur votre balcon…Admirez une vue tranquille pendant un moment détente, n’est ce pas l’essentiel finalement ? 📍Auberge aux 4 vents - Suisse, Fribourg 🇨🇭 🎥 @ #destination #suisse #voyage #incroyable ♬ son original - Destinations Badewannen verkommen mit dieser Haltung zum musealen Prunkstück, das sich nur noch Wohlhabende leisten können. Ein amerikanisches Architekturmagazin schreibt, die Badewanne entwickle sich im Hochpreissegment «vom funktionalen Gebrauchsgegenstand zum ästhetischen Blickfang». Ein Immobilienmakler sagt der «New York Times» sogar: «Wenn schon Badewanne, dann gross und teuer – oder gar nicht.»Diese Haltung ist auch in der Schweiz angekommen. Der Bündner Rolf Senti führt eine Firma für Luxusbadezimmer. Er plant gerade für einen Kunden in einer Zürcher Stadtwohnung eine Klarsicht-Badewanne aus speziellem Kunststoff, hergestellt in Italien. «Ob die Badewanne auch wirklich gebraucht wird, ist nicht so wichtig», sagt Senti. Denn ein Badezimmer mit Dusche gebe es selbstverständlich auch noch.Hier haben wir sie wieder: die Badewanne als Artefakt, als Bestaun-Objekt, gemacht zum Protzen, nicht zum Baden.. . . und alles wird gutDiese Beispiele zeigen eines eindrücklich: Die Badewanne mag zwar vom Aussterben bedroht sein. Sie hat einen grossen Feind, der Badezimmer um Badezimmer einnimmt. Aber dieser Feind kann auch im Luxussegment nicht überzeugen. Oder haben Sie schon einmal von einer frei stehenden Dusche in einem Penthouse an der Upper East Side in Manhattan gehört?Natürlich nicht. Zauber vermag noch immer nur eine Reinigungsmöglichkeit zu verstrahlen: die Badewanne. Höchste Zeit, dass wir sie wieder mehr wertschätzen.Wir wickeln uns nach dem Bad in ein Tuch, ziehen den Stöpsel, während das Wasser wie ein kleiner Tornado zurück in den Abfluss rinnt. Und irgendwie ist plötzlich wieder alles gut.Passend zum Artikel
O nein, die Badewanne stirbt aus! Dabei brauchen wir sie heute dringender denn je
Was verlorengeht, wenn wir nur noch duschen. Der Versuch einer Ehrenrettung.









