Eine Naturkatastrophe offenbart viel über ein Land, über seinen Staat und seine Bevölkerung. Das ist auch in Venezuela zu beobachten. Dort hatte sich in den Stunden nach den schweren Erdbeben am Mittwoch ein Großaufgebot von Helfern und Beamten in den unterschiedlichsten Uniformen versammelt.Jeder wollte etwas zu sagen haben. Doch wer am Ende des Tages noch auf den Trümmern stand, waren die Freiwilligen, die mit Schaufeln, Pickeln und oft mit bloßen Händen den Schutt abtrugen. Es waren Zivilisten mit Motorrädern und Autos, die als Erste in die besonders schwer betroffene Küstenregion gelangten, um ihren Landsleuten zu helfen. Die Venezolaner sind Meister darin, sich selbst zu helfen. Auf den Staat verlassen sie sich schon lange nicht mehr.Was das Beben sichtbar gemacht hatKein Land der Welt hätte das Doppelbeben vom vergangenen Mittwoch unbeschadet überstanden. Doch Venezuela wurde nicht unter normalen Umständen getroffen. Die Erde bebte in einem Land, dessen Grundversorgung schon seit Jahren brüchig ist, von der Strom- und Wasserversorgung bis zum Gesundheitswesen. Das Beben hat somit nicht nur Gebäude zerstört, sondern auch sichtbar gemacht, was längst beschädigt war.Deutlich zeigt sich das in den Krankenhäusern. Viele von ihnen waren schon vor der Katastrophe überfordert. Es fehlte an Material und Medikamenten. Tausende Ärzte und Pflegekräfte haben Venezuela während der Krise der vergangenen Jahre verlassen. Diese Krankenhäuser sollen nun Verletzte versorgen, obwohl sie selbst Teil der Krise sind. Ähnlich ist es bei Feuerwehr und Zivilschutz, die über Jahre keine ausreichenden Investitionen erhalten haben. Schon vor dem Beben fehlten Suchgeräte, moderne Fahrzeuge und Maschinen, Kommunikation und Koordination.Für Präsidentin Delcy Rodríguez, die seit der Festnahme ihres Vorgängers Nicolás Maduro durch eine amerikanische Sondereinheit seit fast einem halben Jahr an der Macht ist, stellt diese Katastrophe einen heiklen Moment dar. In normalen Zeiten kann ein Regime Mängel verstecken. Es kann Verantwortung abschieben, Gegner beschuldigen und Informationen kontrollieren. Nach einem Erdbeben wird das schwieriger. Entweder kommt Hilfe an, oder sie kommt nicht an. Entweder gibt es Wasser, Strom, Krankenwagen, Notunterkünfte und Medikamente oder eben nicht. Alles wird sichtbar und messbar.Das System hat nicht gewechselt, aber der TonRodríguez ist sich dessen wohl bewusst. So pragmatisch wie sie sich seit Maduros Entmachtung gezeigt hat, agiert sie auch jetzt. Caracas hat keine Berührungsängste mehr. Aus der ganzen Welt treffen Rettungsteams, Material und technische Unterstützung in Venezuela ein. Rodríguez macht keinen Unterschied zwischen Verbündeten und Regierungen, die in der chavistischen Rhetorik eigentlich als Gegner erscheinen.Überschwänglich bedankte sie sich bei Nayib Bukele, bei Javier Milei und anderen rechtsgerichteten Staats- und Regierungschefs. Sie berichtete von ihrem Kontakt mit Washington, als würde es sich um alte Freunde handeln. Das ist kein Systemwechsel. Aber es ist ein bemerkenswerter Tonwechsel. War es im Januar der militärische Druck der USA, der Rodríguez zu einem wohl nicht ganz freiwilligen Pragmatismus zwang, so ist es nun die Katastrophe.In Venezuela ist in diesen Tagen immer wieder zu hören, dass es vielleicht so kommen musste. Schon vor dem Beben war von Wiederaufbau die Rede. Nach Jahren des Zusammenbruchs floss wieder mehr Öl, ausländische Energiekonzerne und andere Unternehmen sondierten Geschäfte, internationale Kreditgeber kamen wieder ins Spiel.Nun hat der vermeintliche Wiederaufbau eine ganz neue Bedeutung erlangt. Es geht nicht mehr nur um Ölproduktion, Investitionen und Wachstum. Es geht um zerstörte Wohnungen, beschädigte Infrastruktur und um Zehntausende Menschen, die alles verloren haben, im Freien schlafen und von der Versorgung abgeschnitten sind.Die Verantwortung der USADamit wächst auch der Druck auf die Vereinigten Staaten. Washington ist in Venezuela nicht irgendein Helfer. Die USA haben Maduro aus dem Amt entfernt, Delcy Rodríguez im Amt gehalten und die weitgehende Kontrolle über die venezolanische Ölwirtschaft übernommen. US-Präsident Donald Trump ist gar davon überzeugt, dass er selbst Venezuela regiert. Diese Machtposition überträgt Washington eine große Verantwortung. Nicht nur die Regierung in Caracas wird nach der Katastrophe an Ergebnissen gemessen werden, sondern auch jene in Washington.Naturkatastrophen haben in Lateinamerika immer wieder den Lauf der Geschichte verändert. In Nicaragua beschleunigte das Erdbeben von 1972 den Niedergang der Somoza-Diktatur, weil die Veruntreuung internationaler Hilfe die Opposition zusammenschweißte. In Mexiko läutete das Beben von 1985 das Ende der Hegemonie der „Institutionellen Revolutionspartei“ PRI ein. Katastrophen nehmen den Mächtigen den Schutz, weil sie plötzlich an einfachen Dingen gemessen werden.Was in Venezuela passieren wird, ist offen. Die Katastrophe hat das Land nicht verändert. Doch sie hat eine Regierung, die sich lange über Spaltung und Abgrenzung definierte, zur Kooperation und Öffnung gezwungen. Und sie hat den Vereinigten Staaten eine Verantwortung übertragen, aus der sie sich nicht herausreden können. Wenn Venezuela vor dem Beben am Rand einer Wiedergeburt stand, dann entscheidet sich jetzt, ob daraus ein Wiederaufbau wird oder nur die nächste vertane Gelegenheit.
Wiederaufbau bekommt in Venezuela eine neue Bedeutung
Im Januar war es der militärische Druck der USA, der Caracas zum Pragmatismus zwang. Nun ist es die Katastrophe.
Due terremoti in Venezuela espongono infrastruttura fragile; governo costretto a cooperazione globale. Per CTO: sistemi senza redundancy + governance centralizzata falliscono; diversità partner e accountability misurabile diventano non-opzionali sotto stress.










