In Venezuela wächst die Wut auf das Regime – und die USA. Der Staat versagt bei der KatastrophenhilfeAnstatt Menschen zu bergen und zu helfen, kümmert sich der venezolanische Staat um die Sicherheit und bürokratische Verfahren. So verkomplizieren das Militär und die Beamten die internationale Katastrophenhilfe.01.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFreiwillige und nationale sowie internationale Rettungsteams suchen nach Vermissten, La Guaira, Venezuela, 29. Juni 2026.Ronald Pena R. / EPASechs Tage sind seit dem schweren Erdbeben in Venezuela vergangen. Noch immer suchen 3000 ausländische Katastrophenhelfer in den Trümmern an der Karibikküste nach verschütteten Menschen. Die Chancen auf weitere Überlebende sind inzwischen gering.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die deutsche Katastrophenhilfe ist eine der grössten unter den rund 44 ausländischen Hilfstruppen. Mit sechs militärischen Airbus-Transportflugzeugen landeten die deutschen Hilfskräfte in der Nacht von Freitag auf Samstag wieder auf dem provisorisch instand gesetzten internationalen Flughafen. Er liegt direkt neben dem Katastrophengebiet von La Guaira.Aus knapp dreissig Nationen kommen die staatlichen Helfer: Es sind hochspezialisierte Katastrophenhelfer, die in ihren eigenen Ländern in der Vergangenheit Erfahrungen bei Erdbeben gemacht haben. Aus der Türkei, Chile, Mexiko, aber auch Spanien, der Schweiz und Frankreich sind grosse Hilfstruppen gekommen.Die Polizei kann den Verkehr nicht regelnKatar hat tonnenweise Rettungsmaterial und eigene Feuerwehrautos nach Venezuela gebracht. Katar brachte auch Teams aus anderen Ländern. Etwa den syrischen Rettungsdienst, der in den Rebellenhochburgen im Nordwesten Syriens nach russischen und syrischen Bombardements Opfer aus den Trümmern geborgen hatte.Koordiniert werden die Hilfsaktionen im Wesentlichen von den Vereinten Nationen. Doch ihre Logistik und den Einsatz müssen die internationalen Helfer untereinander koordinieren. Denn der venezolanische Staat spiele bei der Katastrophenhilfe fast keine Rolle, sagt ein Beteiligter, der anonym bleiben will. «Die Sicherheitskräfte verstehen etwas von Repression», sagt er. «Aber den Verkehr können sie nicht regeln.»Das Militär und das Sicherheitspersonal des venezolanischen Staates «stehen absolut nutzlos herum». Statt schweres Gerät heranzuschaffen, um die Trümmer zu beseitigen, beschränken sie sich darauf, die Dokumente der angereisten Helfer bürokratisch und umständlich zu kontrollieren. So verzögern sie deren Einsatz zusätzlich. «Der Sicherheitsreflex des Regimes ist grösser als das Bedürfnis, den Menschen zu helfen.»Das sehen die betroffenen Menschen vor Ort genauso. Die Wut über das untätige Regime unter Präsidentin Delcy Rodríguez nimmt zu. In den sozialen Netzwerken kursieren Szenen, in denen Menschen offen Militärs beschimpfen. Bis vor kurzem hätten sie sich nicht dazu getraut, weil sie sofort festgenommen worden wären. Jetzt provozieren die Menschen die tatenlose Feuerwehr, die Polizei und andere Sicherheitskräfte.Leichengeruch liegt über dem ErdbebengebietSeit sechs Tagen warten die Menschen vor den eingestürzten Gebäuden auf Unterstützung. Diese kommt jedoch nicht. Auch die ausländischen Helfer können ohne schweres Gerät keine tonnenschweren Gebäudeteile wegräumen. Inzwischen verbreitet sich wegen der tropischen Temperaturen Leichengeruch über dem Katastrophengebiet. Privat organisierte Suppenküchen sorgen für die Verpflegung. Die zivile Initiative wird von dem autoritären Regime aber zum Teil bekämpft: Sicherheitskräfte lösen private Sammelstellen für Hilfsgüter auf. Posts auf Tiktok dazu erhalten Tausende wütender Kommentare.Die Behörden halten sich mit Informationen zurück. Die Zahl der Toten nähert sich 2000. Nach Angaben der Vereinten Nationen gelten weiterhin mehr als 50 000 Menschen als vermisst, auch wenn darunter Doppelzählungen sein dürften. Die Regierung scheint verhindern zu wollen, dass das ganze Ausmass der Zerstörung öffentlich wird. Denn die schweren Schäden in La Guaira sind auch eine Folge von Korruption und staatlicher Vernachlässigung unter der 27 Jahre währenden Herrschaft des Chavismus. Sie begann 1999 mit Hugo Chávez und wurde nach dessen Tod 2013 unter Nicolás Maduro fortgeführt.Im Januar dieses Jahres setzten US-Truppen Maduro ab. Donald Trump liess die Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Regierung übernehmen. Seitdem bewegt sie sich geschickt zwischen den Erwartungen Washingtons und den Interessen des verbliebenen Regimes.Doch nun wird das Versagen der venezolanischen Regierung zunehmend auch zum Problem für Donald Trump. «Das Versagen des Regimes bei der Katastrophenbewältigung ist ein schwerer Rückschlag für Trump», sagt ein Diplomat, der nicht genannt werden möchte.Die Amerikaner sind vor Ort kaum präsentEs ist erstaunlich, wie stark sich die USA bei den Hilfsaktionen zurückhalten: «Die Amerikaner spielen vor Ort praktisch keine Rolle», sagt ein ausländischer Beteiligter an den Hilfsaktionen. Nachdem Donald Trump direkt nach dem Erdbeben als einer der ersten Staatschefs weltweit vor den ernsten Folgen warnte und Hilfe in Aussicht gestellt hatte, ist nicht viel passiert. Zeitweise hiess es, dass das Southern Command ein Krankenhausschiff vor der Küste bereitstellen würde. Washington will 150 Millionen Dollar in einen Hilfsfonds einzahlen; zeitweise war sogar von 300 Millionen Dollar die Rede.Darauf reagieren die Menschen empört: Seit Januar kontrollieren die USA die Erlöse aus dem Ölgeschäft, Venezuelas wichtigste Einnahmequelle. Die Gelder gelten offiziell weiter als venezolanisches Staatseigentum, sie werden aber über von den USA kontrollierte Konten verwaltet. Drei Milliarden Dollar sollen es bereits sein. Wie viel davon tatsächlich nach Venezuela überwiesen wird, ist nicht transparent. «Jetzt wollen sie Venezuela von den 3 Milliarden nur 150 Millionen geben», kommentiert ein westlicher Diplomat die Ankündigung. «Das kommt nicht gut an.»Mit der wachsenden Kritik an den USA ist Donald Trumps bisher einziger aussenpolitischer Erfolg bedroht: Die Absetzung Maduros wurde von der grossen Mehrheit der Menschen in Venezuela begrüsst. Trumps Popularität schadete es nicht, als er die ungeliebte Vizepräsidentin Delcy Rodríguez als Vertreterin des Regimes an dessen Spitze setzte. «Die Amerikaner haben deshalb jetzt ein grosses Interesse daran, dass das Krisenmanagement funktioniert», sagt der Diplomat.María Corina Machado will jetzt zurückkehrenNun hat auch noch María Corina Machado im amerikanischen Sender Vox angekündigt, nach Venezuela zurückkehren zu wollen. Sie ist die führende Oppositionspolitikerin, der das Regime 2024 die Teilnahme an den Wahlen untersagt hatte. Sie lebte nach den gefälschten Wahlen im Untergrund in Venezuela, bis sie Ende letzten Jahres klandestin ausreiste, um den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen.Nach Informationen der «New York Times» will die US-Regierung Machado bei ihrer geplanten Rückkehr nicht unterstützen. Washington befürchtet, dass sie die fragile Stabilität der Übergangsregierung gefährden und die Bewältigung der Erdbebenkatastrophe politisieren könnte.Das Regime dürfte in den nächsten Tagen noch unter deutlich mehr Druck geraten. Ab Mitte der Woche werden die meisten Katastrophenhelfer Venezuela wieder verlassen. Die deutsche Delegation plant ihre Abreise spätestens am Donnerstag. Dann ist das Regime wieder weitgehend auf sich selbst gestellt.Passend zum Artikel
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