PfadnavigationHomePolitikDeutschlandHistorische Temperaturen„Überall da, wo eine Klimaanlage nachgerüstet wird, sollte gleich auch PV aufs Dach“Stand: 16:05 UhrLesedauer: 4 MinutenDeutschland glühte an diesem Wochenende Quelle: Jens Büttner/dpaDie Rekordtemperaturen bringen die Politik unter Zugzwang: Wird genug gegen Hitzewellen und Extremwetter getan? Selbst die Grünen fordern nun ein Sofortprogramm für Klimaanlagen.Aufgeheizte Notaufnahmen, Temperaturrekorde und „Glut“-Nächte bis zu 30 Grad: Nach einem historischen Hitze-Wochenende werden die Forderungen nach neuen Konzepten gegen Extremwetter und Hitzewellen lauter. Dabei reichen die Vorschläge von Hitzeschutzplänen, neuen Konzepten für städtische Betonwüsten bis hin zum flächendeckenden Einsatz von Klimaanlagen. Die Grünen preschten am Sonntag mit einem „Sofortprogramm“ ausgerechnet für Klimaanlagen vor – die in der Öko-Partei eigentlich als klimaschädliche Stromfresser gebrandmarkt sind. Fraktionschefin Katharina Dröge konkretisierte auf Anfrage ihren Aktionsplan, den sie via „Bild am Sonntag“ in die Debatte eingebracht hatte: „Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen müssen dringend gekühlt und klimatisiert werden“, sagte Dröge WELT. „Dafür braucht es unter anderem Jalousien, Fassadenbegrünung, Belüftung und vor allem volles Tempo beim Ausbau von Klimaanlagen in Verbindung mit Solaranlagen.“Lesen Sie auchDiese Kombination hält die Partei für entscheidend. Man müsse den „Solarboom“ nutzen: „Überall da, wo eine Klimaanlage nachgerüstet wird, sollte gleich auch PV aufs Dach. Der Solarstrom wird effizient genutzt, die Betriebskosten für die Klimatisierung werden damit geringgehalten und die Stromnetze werden entlastet.“ Als Sofortmaßnahmen schlägt die Grünen-Chefin außerdem vor, öffentliche Abkühlorte wie Bibliotheken oder Museen zukünftig besser auszuweisen, Kühlräume mit kostenlosem Wasser zu schaffen und öffentliche Trinkbrunnen auszubauen. Auch die AfD setzt auf Klimaanlagen – allerdings mit gänzlich anderen Argumenten. Die Partei bemängelt, dass der Begriff im Hitzeschutzplan der Bundesregierung völlig fehle. „Anstatt durch technische Lösungen die Hitzegefahren vor allem für vulnerable Gruppen zu senken und Menschenleben zu retten, ergehen sich die Regierung, die von ihr finanzierten NGOs und die Mainstream-Medien lieber in politisch-korrekten Warnungen vor der ‚globalen Erwärmung‘“, kritisiert ihr baupolitischer Sprecher Marc Bernhard. Er findet: Für den Einbau von Wärmepumpen als Heizungen werde das Argument des hohen Strombedarfs und damit der Verschärfung des Klimawandels ignoriert, obwohl diese genauso funktionierten wie Klimaanlagen. „Das ist Heuchelei.“Lesen Sie auchAuf den heißesten Tag am Samstag mit 41,5 Grad etwa im sachsen-anhaltischen Möckern-Drewitz folgte eine Rekordnacht mit bis zu 29,4 Grad im ostsächsischen Kubschütz. Für Hitzeschutz sind vor allem Länder und Kommunen zuständig, in vielen Bundesländern existieren entsprechende Konzepte oder sind in Ausarbeitung. Viel Empfehlung, wenig Verpflichtung Zudem verpflichtet das Bundes-Klimaanpassungsgesetz, das Ende 2023 unter dem damaligen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) beschlossen wurde und seit Juli 2024 gilt, Bund, Länder und Gemeinden, Strategien und Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu entwickeln und sich besser auf Extremwetter wie Hitzewellen vorzubereiten. Das Gesetz schreibt allerdings keinen konkreten bundesweiten Hitzeaktionsplan vor, sondern schafft lediglich den rechtlichen Rahmen für entsprechende Anpassungskonzepte.Der umweltpolitische Sprecher der SPD-Fraktion Jakob Blankenburg verteidigt die bisherigen Bemühungen der Regierung: „Bei den Einrichtungen hat der Bund schon viel angeschoben: Wir fördern Hitzeschutzmaßnahmen in Hunderten Pflegeheimen, Kitas und sozialen Einrichtungen. Dazu kühlere Städte mit mehr Bäumen, Schatten und entsiegelten Flächen und Fachleute, die in den Kommunen vor Ort die richtigen Maßnahmen umsetzen.“ Das kann funktionieren, wie Beispiele aus dem Ausland zeigen: Städte wie Paris haben mittlerweile rund 1.400 Orte zum Abkühlen geschaffen. Diese reichen von Schattenplätzen im Park bis zu Räumen im Rathaus, die bei Hitze öffentlich zugänglich sind. Insgesamt ist Frankreich mit einem Schutzplan gegen Hitze recht gut aufgestellt. Landesweit gelten Warnstufen, es gibt ein Register für Risikogruppen, und im öffentlichen Raum wird immer wieder auf Tipps bei Hitze hingewiesen.Lesen Sie auchSPD-Umweltexperte Blankenburg findet, Kühlung dürfe auch in Deutschland kein Luxus werden. Es brauche günstigen Strom aus Sonne und Wind, „damit Haushalte sich das Kühlen leisten können“, und gut sanierte, beschattete Wohnungen, damit es gar nicht erst so heiß werde. „Gegen stärkere und häufigere Hitzewellen hilft allerdings nur konsequenter Klimaschutz.“Die Linke im Bundestag fordert als ersten Schritt „verbindliche bundeseinheitliche Hitzefrei-Regelungen für alle Schulen und alle Jahrgangsstufen“. Langfristig müssten öffentliche Einrichtungen durch Dachbegrünung, Wärmeschutzverglasung und Verschattung hitzefest gemacht werden. Wichtig für die Linke: Die Maßnahmen müssten „vollständig finanziert aus Bundesmitteln“ sein. Denn den Kommunen mangelt es vielerorts an Geld für ausreichend Hitzeschutz. „Die Zahl der Hitzetage ist stetig gewachsen. Daher haben wir immer mehr Trockenperioden und Dürren. Darauf müssen wir uns einstellen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, André Berghegger, am Wochenende der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.Zwar werde kommunal bereits viel geleistet, sagte Berghegger weiter. „Aber viel zu oft fehlt es am Geld, um Maßnahmen zur Begrünung, zur Verschattung, zur Vernebelung, für mehr Luftzug und Bewässerung in die Tat umzusetzen und vulnerable Gruppen besser zu schützen.“Korrespondent Philipp Woldin kümmert sich bei WELT vor allem um Themen der inneren Sicherheit sowie Migration und berichtet über das Bundesinnenministerium.mit dpa