Was für ein Geheule. Seit den Bruthitzetagen der zweiten Junihälfte mit Rekordtemperaturen von 41,5 Grad übertreffen sich die Klagen und Forderungen. Ein „Sofortprogramm für Klimaanlagen“ verlangt Katharina Dröge, die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Deutschen Bundestag. Alle Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen müssten flächendeckend klimatisiert werden. Carsten Schneider (SPD), der zuständige Bundesumweltminister, zeigt dafür Sympathien – zuckt allerdings die Achseln: Hitzepläne seien eine kommunale Aufgabe. Das soll wohl heißen: Wir würden ja gerne, hätten womöglich schon längst, dürfen aber leider nicht.Wenn das so ist, sollte uns wenigstens jemand die Frage beantworten, warum die Kommunen bei der Klimaänderungsvorsorge versagt haben. Kein Geld? Oder lediglich die Standardentschuldigung derjenigen, die sich zuvor noch in apokalyptischen Szenarien übertroffen haben: Man habe ja nicht wissen können, dass es so schnell so heiß werde.„Umgang mit dem Klimawandel“Plötzlich sehen alle den Handlungsbedarf. Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), tönt, man dürfe sich nicht nur um den Klimaschutz kümmern, sondern müsse auch den „Umgang mit dem Klimawandel“ in den Blick nehmen. „Jeder muss sich überlegen, brauche ich eine Klimaanlage, um meine Gesundheit zu schützen“, sagte er in einem Fernsehinterview. Der späte Siegeszug der Klimaanlage – wer hätte das gedacht!Da ist viel Verdrängungsverlogenheit im Spiel. Waren es nicht die Grünen, die Klimaanlagen stets abgelehnt haben? Sie brauchen viel zu viel böse Energie und funktionieren nur mit gefährlichen Kältemitteln, wurde uns eingehämmert. Den Grünen nahestehende Wirtschaftsforscher wie die DIW-Klimaexpertin Claudia Kemfert lieferten der Politik die ökonomische, klima- und gesundheitspolitische Munition gegen die Kühlung von Gebäuden. Und der Volksmund wusste ohnehin immer schon, dass man sich beim ständigen Wechsel zwischen kühlen Räumen und heißen Straßen schwere Erkältungskrankheiten hole.Die Klimaanlage ist lediglich das Symbol für eine tiefer liegende Ablehnung einer Politik der Anpassung an das heißere Klima. Mindestens bis in die 2000er Jahre dominierte in der Klimapolitik – nicht nur, aber vor allem hierzulande – die Devise: Wer über Anpassung redet, signalisiert, dass der Klimawandel ohnehin nicht mehr verhindert werden kann. Und drückt sich vor der Pflicht zur CO₂-Reduktion. Klimaschutz („mitigation“) wurde zum ideologischen Kampfbegriff gegen Klimaanpassung („adaptation“). Hochmütig hieß es, wenn Gesellschaften lernen, mit Hitze, Dürre und Überschwemmungen umzugehen, sinke der politische Druck zur Reduktion von Treibhausgasen. Deutschland war einseitig emissionsfixiert und anpassungsskeptisch. Ursachen bekämpfen, nicht Symptome kurieren, so geht das alte Totschlagargument meiner linken Vergangenheit.Kluge Anpasser sind keine KlimaleugnerÖkonomisch vornehm nennt man das Anti-Anpassungs-Argument „Moral Hazard“. Danach wären „mitigation“ und „adaptation“ Substitute, die zur Folge haben, dass die „billigere“ Anpassung den Grenznutzen der teuren Emissionsminderung senke. Man kann es auch simpler vulgär-psychoanalytisch sagen: Erst muss der Leidensdruck unerträglich werden und müssen die Menschen den klimapolitischen Veränderungsdruck am eigenen Leib spüren, damit sich etwas tut. Oder frömmigkeitstheologisch umformuliert: Erst in der sengenden Hitze eines ICEs ohne Klimaanlage erfahren wir uns als Sünder und Schuldige am Klimawandel und hoffen auf Erlösung durch Solarzellen und Windräder.Wenn Diskurse polar verlaufen, finden sich auf beiden Seiten polarisierende Akteure. Tatsächlich wurde die Anpassung von Klimaschutzgegnern, -skeptikern und -leugnern instrumentalisiert. Nach dem Motto: Lasst uns lieber Deiche bauen als die Wirtschaft umbauen. Das wiederum machte es den grünen Emissionsideologen leichter, auch die klugen Anpasser als anonyme Klimaleugner zu schmähen.Klimaanlagen vor dem Fenster eines Mietshausespicture AllianceSegnung der KlimaanlageDabei ist die Lösung so simpel wie naheliegend. Der Fehler besteht darin, Anpassung und Transformation als Gegensätze zuzuspitzen. Stattdessen ginge es darum, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Dafür spricht nicht zuletzt die menschliche Evolutions- und Fortschrittsgeschichte, deren Erfolgsgeheimnis in einer Mischung aus Pfadwechsel (industrielle Revolution, Digitalisierung) und Anpassung besteht: Niemand würde sagen, die Erfindung der Kleidung sei eine Kapitulation vor dem Winter. Klimaanlagen sind keine Kapitulation vor der Hitze.Das führt zurück zu den lebensrettenden Segnungen der Klimaanlagen, die inzwischen gut erforscht sind. Gefährlich sind vor allem die Nächte. Wenn Wohnungen nachts nicht mehr unter 25 Grad abkühlen, steigt die Herz-Kreislauf-Belastung und bei älteren Menschen die Sterblichkeit. Vergleicht man europäische und amerikanische Städte mit ähnlichen Durchschnittstemperaturen, dann zeigt sich, dass das Sterberisiko in Europa bei heißen Temperaturen um ein Vielfaches höher ist als in den USA. Zwischen 2000 und 2019 verloren durchschnittlich 83.000 Europäer jährlich hitzebedingt ihr Leben, verglichen mit 20.000 Nordamerikanern.