Franciszek Nawrocki war einer von Millionen. Am 7. August 1941 verurteilte ihn das „Deutsche Gericht“ in Żyrardów zu fünf Monaten Gefängnis. Er habe eine ihm vom Arbeitsamt zugewiesene Arbeit „ohne berechtigten Grund abgelehnt, obwohl die ihm zugestellte schriftliche Beorderung empfindliche Strafen für den Fall der Arbeitsverweigerung vorsah“. Das Institut des Nationalen Gedenkens in Warschau hat die Daten von 5 845 109 Polen erfasst, die während der deutschen Besatzungsherrschaft von 1939 bis 1945 ermordet, eingekerkert, zur Zwangsarbeit verschleppt oder vertrieben wurden.Die wenigsten dieser Opfer leben noch. Ihre Zahl wird auf etwa 50 000 geschätzt. Sie waren gemeint, als Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Dezember versicherte, die von ihm geführte Bundesregierung sei „sich ihrer historischen Verantwortung gegenüber unserem Nachbarn Polen sehr bewusst“. Die polnischen Opfer der NS-Zeit durften Hoffnung schöpfen, dass eine seit Jahren diskutierte „humanitäre Geste“ in Form einer finanziellen Zuwendung endlich Wirklichkeit wird. Doch sie warten immer noch vergeblich.Es geht um eine Summe, die mit jedem Jahr geringer wirdNach Informationen der Süddeutschen Zeitung hat die polnische Seite der Bundesregierung inzwischen einen sehr konkreten Plan für eine solche Geste unterbreitet. In der Bundesregierung wird er zwischen mehreren Ressorts diskutiert und, man muss wohl sagen, bislang zerredet. Angeführt werden rechtliche Bedenken, Sorgen vor Forderungen aus weiteren Ländern und, wenig überraschend, die schwierige Haushaltslage.Vor etwa zwei Monaten gab es nach SZ-Informationen ein Gespräch zwischen Außenminister Johann Wadephul, Kanzleramtsminister Thorsten Frei (beide CDU), Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) zu dem Thema. Dobrindt und Frei sollen dabei nochmals deutlich gemacht haben, dass das Thema Reparationen für die Bundesrepublik abgeschlossen und deshalb allenfalls eine „humanitäre Geste“ möglich sei. Damit hat sich die polnische Regierung unter dem liberalkonservativen Ministerpräsidenten Donald Tusk längst abgefunden.Tusks Regierung ist aber wichtig, dass die Geste von der polnischen Öffentlichkeit nicht als Almosen wahrgenommen wird und damit den Rechtspopulisten und Nationalisten in die Hände spielt. Während ihrer Herrschaft hatte die rechtsnationalistische Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) eine Rechnung für Reparationen in Höhe von 1,3 Billionen Euro auf den Tisch gelegt. Aus Sicht der Bundesregierung gibt es für derlei Forderungen keinerlei Rechtsgrundlage. Ein großes Problem für Tusk stellt aber die unvermeidliche Diskrepanz zwischen der Billionen-Forderung und dem Umfang der humanitären Geste dar. Ein Angebot des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) in Höhe von 200 Millionen Euro hatte Tusk deshalb 2024 abgelehnt.Von polnischer Seite wurde der Bundesregierung inzwischen signalisiert, welche Ausgestaltung der Geste man für akzeptabel hält. Demnach sollte jedem polnischen NS-Opfer jährlich ein Betrag in Höhe von 10 000 Złoty (etwa 2333 Euro) über die Stiftung Deutsch-Polnische Aussöhnung ausgezahlt werden. Von Deutschland zu zahlen wäre also kein fixer Betrag, sondern eine jährlich geringer werdende Summe. Im Sommer 2024, als Scholz seinen Vorschlag unterbreitete, lebten nach polnischen Schätzungen noch 64 000 der NS-Opfer, im November 2025 nur noch 55 000. Das ist die beklemmende Folge der Verzögerung: Mit jedem Monat, den die Bundesregierung verstreichen lässt, schrumpft die Zahl jener, denen die Geste noch zugutekommt, um mehr als tausend.Polens Regierungschef Tusk appelliert: „Bitte macht es schneller“Würde die Bundesregierung tatsächlich eine jährliche Summe von 10 000 Złoty für jeden Betroffenen zugrunde legen, könnte das Klingbeil nach einer sehr vorsichtigen Schätzung insgesamt etwa 300 Millionen Euro kosten. Das ist – unter rein haushalterischen Gesichtspunkten – keine kleine Summe, wenn sie auf einen Schlag fällig würde. Zahlte man das Geld hingegen jährlich aus, müsste man 2027 „nur“ etwa 100 Millionen Euro aufbringen, in den Folgejahren würde der Betrag dann schrittweise sinken. Bisher gibt es darüber aber in der Bundesregierung keine Verständigung. Außenminister Johann Wadephul (CDU) hatte am Rande des Deutsch-Polnischen Forums Mitte Juni versichert, in ihm gebe es „jemanden in der deutschen Regierung, der dafür ist“. Allerdings hat Wadephul dafür im eigenen Haushalt keinen Spielraum.Die Blicke richten sich daher in Richtung des Finanzministers. Zu der Diskussion will man sich in seinem Ministerium nicht öffentlich äußern. Im Umfeld Klingbeils wird aber der Verdacht, es sei der Vizekanzler, der die humanitäre Geste aus schnödem Geiz verhindere, vehement zurückgewiesen. Die Verantwortung liegt demnach zunächst einmal bei den anderen beteiligten Ressorts. Auch hat das Thema dem Vernehmen nach bei Klingbeils eigenen Kontakten zur polnischen Regierung, etwa am Rande der regelmäßigen EU-Finanzministertreffen, bisher keine nennenswerte Rolle gespielt.Derweil verrinnt die Zeit. In einer Petition hat die Deutsch-Polnische Gesellschaft die Bundesregierung und den Bundestag aufgefordert, „unverzüglich wirksame Maßnahmen“ zur finanziellen Absicherung und nachhaltigen Unterstützung der noch lebenden Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Polen zu ergreifen. „Die Betroffenen sind hochbetagt, weitere Verzögerungen führen dazu, dass Hilfe zu spät kommt. Erinnerung verpflichtet zum Handeln – jetzt“, heißt es in der Petition.Im Wort steht Bundeskanzler Merz. „Das Thema der Erinnerung und auch die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft werden für uns niemals abgeschlossen sein, und in diesem Geiste führen wir auch die Gespräche miteinander“, hatte er während der deutsch-polnischen Regierungskonsultationen im Dezember gesagt. Ministerpräsident Tusk schien schon damals nicht ganz überzeugt zu sein. „Bitte macht es schneller, wenn ihr wirklich diese Geste machen wollt“, appellierte er. Ohne „eine eindeutige, zügige Erklärung“ und eine Entscheidung im Jahr 2026 werde er erwägen, dass Polen die Geste aus eigenen Mitteln finanziert.