Eine Tradwife-Influencerin inszeniert das Landleben - und landet plötzlich im 19. JahrhundertCaro Claire Burkes schreibt über eine Tradwife-Influencerin, die ins Straucheln gerät. Ihr Bestseller «Yesteryear» ist rasante Satire und Thriller zugleich.28.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAmerikanische Farm in Pionierzeiten: Hof in Nebraska um 1903.Library of CongressMan lasse sich von der Natürlichkeit nicht täuschen. Wie viel Arbeit steckt hinter dem, was so authentisch und leicht aussieht! Natalies Sauerteigbrot ist auf dem Instagram-Video in 30 Sekunden geknetet, gefaltet und gebacken. In Wirklichkeit hat sie dafür vier Stunden gebraucht. Wenn sie mit ihren beiden jüngsten Kindern frische Eier holt und sich von ihrer Assistentin dabei filmen lässt, ruft ihr Ehemann gespielt erstaunt: «Steht da etwa Marilyn Monroe in meinem Hühnerstall?» Dass Natalies Cowboystiefel im Stall schmutzig werden, ärgert sie. Das amerikanische Landleben soll ohne Flecken und Makel daherkommen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Natalie inszeniert sich auf Instagram als perfekte traditionelle christliche Mutter von fünf Kindern. Doch sie mag es nicht, als «Tradwife» bezeichnet zu werden. Sie sieht sich als «ultimative Influencerin». Ihr Ziel: Followerinnen und Geld in Millionenhöhe. Ihre Kulisse: eine malerische alte Farm in Idaho, bezahlt vom Schwiegervater. Die Landwirtschaft ist dabei nur Staffage; die Arbeit wird von mexikanischen Hilfskräften erledigt, die aber nie auf den Videos auftauchen. Zwei ebenfalls unsichtbare Nannys kümmern sich um die Kinder, Natalie ist schliesslich mit ihrem Account beschäftigt. Wenn sie ihren Kindern mal durchs Haar wuschelt, wird auch das auf Social Media festgehalten. Hashtag: #blessed.Das klingt alles ziemlich anstrengend – und ist es auch. Natalie bietet all ihre Kräfte auf, um die Heile-Familie-Fassade aufrechtzuerhalten. Das macht einen von Beginn an misstrauisch. Denn als Leserin hat man die Möglichkeit, gleichzeitig vor und hinter Natalies Instagram-Filter zu schauen. Und die Zeichen, dass da etwas nicht stimmt, mehren sich. Allerdings ermisst man erst im Lauf dieses rasanten Romans, was hier alles nicht stimmt. Zu Beginn ist einem die Aussenseiterin Natalie irgendwie auch sympathisch, ihre bissigen Beobachtungen sind erfrischend: «Mutterschaft wird streng kuratiert. Will heissen: Jede Frau in meinem Leben hat mir Lügen darüber erzählt. Ich musste erst selbst Mutter werden, um wirklich Bescheid zu wissen.»«Yesteryear» kontrastiert die Innensicht einer Tradwife und die Aussensicht auf sie. Das führt zu Kollisionen, satirischen Funken und feministischer Reflexion. Zusätzliche Spannung schafft Caro Claire Burke mit einem erzählerischen Kniff: Eines Morgens erwacht Natalie im 19. Jahrhundert. Plötzlich lebt sie in jener amerikanischen Pionierzeit, die sie bisher nostalgisch verklärt hat, und spürt im eigenen Haus und am eigenen Leib, was es heisst, ohne Strom, ohne moderne Medizin und in einem archaisch-patriarchalen Familienmodell zu leben. Die häusliche Gewalt des Ehemanns lässt nicht lange auf sich warten.Dabei stehen die Männer in diesem Roman keineswegs unter Generalverdacht. Vielmehr lehrt uns die Romanheldin selbst, wie Manipulation funktioniert. Mit satirischer Lust deckt Burke Lebenslügen auf und wie sie auf Social Media vermarktet werden. Und schliesslich wird, was so harmlos authentisch mit sanftem Nachmittagslicht in der Bauernküche angefangen hat, richtig creepy – bis zum überraschenden Ende.«Yesteryear» ist zugleich Thriller und witzige und unterhaltsame Influencerinnen-Satire. Damit trifft die Debütautorin und Podcasterin Caro Claire Burke offenbar einen Nerv. Die deutsche Übersetzung führt derzeit die «Spiegel»-Bestsellerliste an.Caro Claire Burke: Yesteryear. Div. Ü. Heyne 2026. 464 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel