Die Hausfrauen-Hölle: wie ein Sommerroman die Tradwife-Debatte befeuert«Yesteryear» von Caro Claire Burke gilt bereits als das Buch des Sommers: Darin erwacht eine Verfechterin traditioneller Rollenbilder plötzlich im Jahr 1855. Progressive Leserinnen feiern das als gerechte Strafe.26.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Autorin Caro Claire Burke sieht im Tradwife-Trend ein politisches Alarmsignal.Matt Eich / NY Times / LaifSie gehören zu den medialen Sensationen der Gegenwart: Tradwives. Der Begriff steht für «traditional wives», traditionelle Ehefrauen. Von einer richtigen Bewegung kann man aber nicht sprechen, dafür sind es zu wenige. Vielmehr erregen Tradwives dieses Aufsehen, weil so viel in sie hineingedeutet wird.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn Tradwives wagen es, mit ihrem Lebensstil allem zu widersprechen, wofür es in den vergangenen Jahrzehnten eine gesellschaftliche Übereinkunft gab. Nämlich, wie anstrengend das moderne Leben als Frau ist, die zwischen Kindern und Karriere aufgerieben wird. Auch der Mann bloss eine Mühsal, für Freude hat es wenig Platz.Die Tradwife verkörpert den Gegenentwurf zu dieser erschöpften Existenz. Sie findet im Muttersein ihre Erfüllung. Beim Brotbacken oder Konfitüremachen fühlt sie so etwas wie Glück, und auch das Essen ist mit Liebe zubereitet, das abends auf dem Tisch steht, wenn der Mann nach Hause kommt. Sie ist nicht zu abgeschlagen, um ihn mit einem Lächeln zu begrüssen. Vor dem Essen danken sie Gott.Sehnsucht nach einer vergangenen WeltDiese Hingabe an ein Leben wie aus vergangenen Zeiten lässt sich im Internet besonders schön inszenieren. Tradwives sind auch Influencerinnen: Sie zeigen das konservative Familienidyll auf Tiktok oder Instagram vor. Ästhetisiert und mit viel Weichzeichner.Blumenkleider, Leinenschürzen, eine rotbackige Kinderschar, der Lichteinfall durchs Fenster taucht die Küche in honigfarbenes Licht. Millionen von Followerinnen und Followern wollen an dieser Welt teilhaben, obwohl es in ihrem Leben kaum Berührungspunkte gibt.Manche sehen in Tradwives das Symptom eines neuen Autoritarismus. Für viele Feministinnen verraten die glücklichen Hausfrauen nicht nur die Sache der Frau, da sie sich von einem Mann abhängig machen, als wäre es 1950. Sondern sie werfen Tradwives vor, reaktionäre Ideologien zu verbreiten. Diese duften nach frischer Wäsche und Apfelkuchen, damit nicht gleich auffällt, wie gefährlich sie sind.Der Cowboyhut als StatementIn diese Richtung zielt der Debütroman «Yesteryear» der amerikanischen Journalistin und Podcasterin Caro Claire Burke über eine Tradwife, der bereits als Buch des Sommers gilt. Der Roman führt Bestsellerlisten an, und schon Monate vor der Veröffentlichung sicherte sich Amazon die Filmrechte mit Anne Hathaway in der Hauptrolle.Die 32-jährige Natalie Heller Mills lebt mit ihrer Familie auf einer Ranch im Gliedstaat Idaho, sie und ihr Mann Caleb, der meistens einen Cowboyhut trägt, haben früh und in kurzen Abständen Kinder bekommen. Fünf sind es bereits, das sechste ist unterwegs.Natalie hat auf Instagram 8 Millionen Follower, denen sie ihr arbeitsames, gottgefälliges Leben präsentiert. Dies muss kuratiert werden, eine Social-Media-Produzentin hilft ihr dabei, die richtigen Ausschnitte auszuwählen und wegzulassen, was nicht ins Bild des Familienidylls passt. Und das ist einiges.Der Name der Ranch, «Yesteryear», beschwört zwar das Amerika der Pioniere herauf: Die Kinder spielen mit Holzklötzen und werden im Homeschooling unterrichtet, man wäscht mit selbsthergestellter Seife, kocht in den Online-Tutorials mit hölzernen Rührlöffeln und trinkt nur Milch von der eigenen Kuh.Doch die Familie verzichtet nicht auf Annehmlichkeiten des modernen Lebens, nur soll das niemand sehen: Die Mikrowelle steht in der Vorratskammer, der heimlich ausgebrachte Dünger lässt die Saat besser aufgehen, und manchmal kommt das Sauerteigbrot auch aus dem Supermarkt. Die sich so aufopfernde Mutter hält sich zwei Nannys.Eine Christin wie aus dem BilderbuchNatalie, aus deren Sicht der Roman erzählt wird, ist die Karikatur einer Tradwife. Sie selber mag sich nicht so nennen, als wüsste sie um den zwiespältigen Ruf. Sie stellt sich stattdessen als «Bilderbuchchristin» vor: als «All-American-Dream-Girl, ein hottes, emsiges Bienchen, das durch die abgründigsten, dunkelsten Fantasien der Nation summt». Und weiter: Sie sei «die Mutter, die jede Frau sein wollte, und die Frau, von der sich jeder Mann wünschte, dass sie zu Hause auf ihn wartete».Burke setzt den satirischen Ton von Anfang an und macht klar, was sie von dem traditionellen Lebensentwurf hält.Der eigentliche Plot verdeutlicht dies noch mehr. Eines Tages wacht Natalie im Jahr 1855 auf. Schwer drückt der Quilt auf ihren Körper, im Raum ist es eisig kalt. Ihre Kinder kommen ihr fremd vor. Caleb, ihr Mann, schlägt sie, als sie sich ihm widersetzt, und sagt: «So spricht eine gute Ehefrau nicht mit ihrem Ehemann.» Natalie ist verstört. Befindet sie sich in einer Reality-Show oder auf einer Zeitreise? Oder hat sie die Strafe Gottes in die Hölle katapultiert?Tatsächlich gibt es auf dem kleinen Bauernhof nur ein Plumpsklo. Abends sitzt man am Feuer, der einzigen Wärmequelle, um Socken zu stopfen. Die Hände sind von der Waschlauge aufgerissen. Und der eheliche Sex bedeutet, vergewaltigt zu werden.Konservatives Denken wird abgestraft«Yesteryear» ist eine bitterböse Abrechnung mit den Tradwives und ihren konservativen Ansichten. Die Frauen, die die Vergangenheit romantisieren, etwa in Bezug auf traditionelle Geschlechterrollen, zahlen einen hohen Preis, so lautet die Botschaft des Romans.Dass die Tradwife Natalie die Härte des von ihr verklärten Lebens um 1850 kennenlernt, wirkt auf manche Leserinnen dann auch wie die gerechte Strafe. Der Horror, den die Heldin erlebe, wecke bei ihr Schadenfreude, schreibt eine Kritikerin im «Guardian».Denn Tradwives unterstützen mit ihrer Freude an der Fortpflanzung den Pronatalismus, so wird gewarnt: Eine Frau soll möglichst viele Kinder gebären, damit die weisse Bevölkerung überlebt. Daraus macht Natalies Schwiegervater, Typ Maga-Politiker und Präsidentschaftskandidat, sein Programm. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht zufällig.Während die «Süddeutsche Zeitung» die Satire «erschreckend real» findet, wird Burke in Internetforen dafür kritisiert, dass sie sich nicht ernsthaft für die Lebenswelt traditionell lebender, religiöser Frauen interessiere. Man könnte ihr auch die düstere Darstellung des Daseins Mitte des 19. Jahrhunderts vorhalten, in das sie ihre Heldin strafversetzt. Da gibt es wenig Liebe, bloss Kälte und Bedürftigkeit.Hass auf die linken «wütenden Weiber»Dabei zeichnet Burke ihre Heldin ambivalenter, als es auf den ersten Blick scheint. Natalie teilt gegen alles und jeden aus. Das hat grossen Unterhaltungswert. Sie schimpft über die «wütenden Weiber», wie sie die urbanen, linken Frauen nennt, die in Brooklyn leben und sie mit Hasskommentaren eindecken. Sie bemitleidet ihre einstigen Kommilitoninnen, die in der männerdominierten Geschäftswelt überfahren würden. Sie selbst hat ein Semester in Harvard studiert und ist keineswegs naiv.Sie ist sich bewusst: Die Kehrseite der Verachtung für eine Tradwife ist die Faszination für sie. Tradwives verweigern sich der Leistungsgesellschaft, zumindest scheinbar. Natürlich bleiben auch sie im kapitalistischen Hamsterrad gefangen, sie müssen ständig «Content» liefern und verdienen viel Geld damit. Die Familie wird zum Unternehmen.Dennoch bietet die binäre Ordnung, auf welcher diese Welt basiert, Orientierung. Das wirkt offenbar auf viele anziehend. Auch wird der Wert des Handwerks in diesen Videos sinnlich erfahrbar, das Leben im Einklang mit der Natur. Dass vieles davon inszeniert ist, unterscheidet Tradwives nicht von anderen Influencerinnen. Auch sie legen über das, was sie von sich zeigen, einen Filter.Inspiriert von realer @BallerinaFarm-TradwifeBurke soll sich für «Yesteryear» bei der berühmtesten realen Tradwife der USA inspiriert haben. Hannah Neelman betreibt den Account @BallerinaFarm und gibt ihren 20 Millionen Followern täglich Einblick in ihr Leben auf einer Ranch in Utah. Die 35-Jährige ist mit einem Mormonen verheiratet, im März hat sie ihr neuntes Kind geboren.Neelman zeigt sich von der Kritik an ihrem Lebensstil unbeeindruckt. Dem Magazin «New York» sagte sie, sie habe von der Debatte um «Yesteryear» gehört, das Buch aber nicht gelesen. Man mache sich ständig über ihr Leben lustig, ein unterhaltsamer Roman über Tradwives sei also eine Frage der Zeit gewesen. Auch sie mag den Namen Tradwife nicht und sagt: Jede Frau solle so leben, wie sie wolle. Sie werte das nicht.Dieser Ehemann soll ein Patriarch sein?Der Tradwife-Diskurs ist wegen des gegenwärtigen politischen Klimas aufgeladen. Dabei dürfte das Social-Media-Phänomen überbewertet werden. Feminismus bedeutet auch, dass sich Frauen für ein Hausfrauendasein entscheiden können, auch wenn dies dem medialen Mainstream nicht passt, bei dem die kulturelle Deutungsmacht liegt. Oder in den vergangenen Jahren gelegen hat.Caro Claire Burke sieht dies nicht so gelassen. Tradwives seien ein politisches Alarmsignal und bedrohten Frauenrechte, sagt sie in Interviews. Sie sieht ihren Roman in der Tradition von «Handmaid’s Tale», der Dystopie von Margaret Atwood, in der ein faschistisches, patriarchales Regime die Frauen mit Gewalt unterdrückt.Doch die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Das beweist die Autorin gerade mit ihrer Heldin. Natalie verachtet auch die Männer, allen voran ihren Gatten der Gegenwart, diesen «Vollpfosten von Ehemann», wie sie ihn nennt, als die Scheinwelt bröckelt.Caleb liebäugelt zwar mit der Manosphere, doch ihm geht jede Härte ab. Vor dem Kauf der Ranch wollte er sogar Kindergärtner werden, was sie ihm ausgeredet hat. Auch seinen ehelichen Pflichten kommt er nur mit Mühe nach. So hat sich die Tradwife das Patriarchat nicht vorgestellt.Caro Claire Burke: Yesteryear. Aus dem Amerikanischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn. Heyne-Verlag, München 2026. 464 S., Fr. 34.90.Passend zum Artikel