Nichts wichtiger als das FreiseinMichael Hugentobler schafft mit «Bis die Bären tanzen» ein Kopfkino zwischen Ostschweiz und Dschungel – und herrlich sture Figuren.Von Pascal Moser28.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEinst suchten viele Schweizer ihr Glück im Auswandern, zum Beispiel nach Australien, wie die Menschen auf diesem Bild.Keystone / Photopress-Archiv /StrWenn Michael Hugentobler von Weltreisen schreibt, kennt er sein Thema aus eigener Erfahrung. Der Aargauer Autor war selbst jahrelang unterwegs, weiss um die Verlockungen des Aufbruchs ebenso wie um dessen Schattenseiten. Beides prägt seinen neuen Roman «Bis die Bären tanzen». Über mehrere Kontinente und Jahrzehnte hinweg verfolgt er das Schicksal der sechsköpfigen Familie Lieber, ohne dabei je den Blick für die einzelnen Figuren zu verlieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und was für Figuren das sind! Zu Beginn begegnet der Leser dem vom Krieg gezeichneten Vater: einem Säufer, der seine Pistole ständig bei sich trägt. Als sein Sohn Cob vor ihm steht, droht die Situation zu eskalieren. «Ich schiess dich übern Haufen, du Russenschwein!», brüllt er. Doch es macht nur klick. Die Mamme hat die Patronen heimlich entfernt. Später verabreicht sie ihm mit hingebungsvoller Fürsorge ein neues Wundermittel namens Heroin. Drastische, aber auch virtuose Szenen.Die Episode spielt in der Ostschweizer Provinz. Hier wachsen die Geschwister Cob, Belle, Anne und Elfie unter schwierigen Verhältnissen auf. Die Familiengeschichte steht ganz im Schatten des Krieges. Während Elfie trotz allen Widrigkeiten in der Schweiz ihre Heimat findet, zieht es die anderen hinaus in die Welt. Ihre Wege führen nach Brasilien, Deutschland und Australien. Sie suchen ein Leben jenseits der Enge, die sie geprägt hat. Früh formuliert die Mamme den Leitsatz des Romans: «Nichts ist wichtiger als das Freisein.» Das bedeutet nicht nur Verheissung, sondern auch Zumutung: Der muskulöse Athlet Cob leidet auf seiner Odyssee durch Deutschland an der Freiheit seiner untreuen Geliebten. Auch sie lebt nach dem Mantra der Selbstbestimmung: «Wahre Freiheit gibt es nur, wenn du dich von allem löst – vom Staat, vom Geld, von der Herkunft, von der Familie, von der Liebe», sagt sie an einer Stelle.Solche Sätze sind eigentlich banal. Ihre Kraft gewinnen sie aus der Konsequenz und der Sturheit, mit der die Figuren ihren jeweiligen Lebensentwürfen folgen. Zum Albtraum wird das für Belle, die in einer eindrücklichen Szene die Geburt ihres Kindes mitten im brasilianischen Dschungel schildert. Die Schlange auf dem Dachsparren ignoriert sie.Hugentoblers Sprache ist leichtfüssig, und der Autor hat Sinn für pointierte Formulierungen. «Kindchen! Nur zwei winzige Buchstaben entscheiden über Finden und Erfinden», sagt die Mamme einmal. Tatsächlich lebt der Roman von dieser Spannung zwischen Selbstsuche und Fabulierlust. Dass er dabei fast ein ganzes Jahrhundert umfasst, wird selten zur Belastung. Zwar werden einzelne Motive – etwa Reflexionen über die Finanzwirtschaft oder die Verbrechen anarchistischer Terrorzellen in Annes Lebensweg – eher beiläufig behandelt. Meist jedoch entfaltet die Familiengeschichte einen erzählerischen Sog.«Bis die Bären tanzen» ist ein Familienroman, der mit der Gegenwart wenig zu tun haben mag. Dafür überzeugt Michael Hugentobler als Autor eines mit Abenteuern und Liebesgeschichten gespickten Kopfkinos. Und vielleicht liegt gerade darin das heimliche Verbindungsstück des Romans: Zwischen Gestern und Heute wirkt die Liebe, die die Zeiten überdauert.Michael Hugentobler: Bis die Bären tanzen. DTV 2026. 352 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel