Als die Schweiz Jagd auf Kinder machteUschi Wasers erschütternde Autobiografie zeugt von einem dunklen Kapitel der Schweizer Geschichte: der systematischen Verfolgung der Jenischen.28.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenUschi Waser lebte in ihren ersten 14 Lebensjahren in 20 verschiedenen Heimen.Yoshiko KusanoDas kleine Mädchen ist erst drei Monate alt, ein Baby noch. Doch den Behörden gilt es nicht als Kind, sondern nur als «neuer Ableger der Vaganität». Ein «Transportbefehl» wird ausgestellt, Maria Ursula wird der Mutter weggenommen und gegen deren Willen in ein Kinderheim transportiert. Im Alter von 14 Jahren hatte Uschi Waser bereits in 20 Heimen gelebt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Unmenschlichkeit, mit der das Mädchen behandelt, abgewertet, ja sexualisiert wurde, schlägt einem aus jeder Aktennotiz entgegen – und schockiert. Die Sprache von Vormundschaftsbehörden, Polizei und Justiz ist durchwegs entmenschlichend. Es ist schwer vorstellbar, dass Menschen in der Schweiz so behandelt wurden. Und das nur, weil sie Jenische waren. Bei ihrer Verfolgung bezog man sich auf Rassentheorien.Für Uschi Waser war es ein Schock, als sie als Erwachsene ihre Akten einsah. Erst jetzt wurde ihr klar: Es ging von Anfang an darum, ihre Existenz zu zerstören. Hinter den Heimeinweisungen, die ihr eine Ausbildung verunmöglicht hatten, steckte nicht die Mutter, sondern die offizielle Schweiz. Besonders ein Mann namens Alfred Siegfried, der bis 1973 als Leiter des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» Jagd auf Jenische machte. Siegfried hatte dieses Amt inne, obwohl er wegen sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen verurteilt worden war.Waser ist eines von etwa 2000 Opfern dieser Politik, die dieses Jahr von Bun­des- und Nationalrat als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» anerkannt wurde. Seit Jahrzehnten setzt sie sich für die Rechte Jenischer ein und fordert eine Aufarbeitung, die auch die Rolle der Justiz einschliesst. Nun hat sie gemeinsam mit der «WoZ»-Journalistin Silvia Süess ihr Leben aufgeschrieben. Das Buch ist erschütternd und unbedingt lesenswert, weil es eine Innensicht auf verdrängte Schweizer Geschichte bietet.Silvia Süess und Uschi Waser: Reden, um nicht zu ersticken. Rotpunkt 2026. 186 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel