Schweizer Hilfswerke haben einem Dutzend Nazis ein zweites Leben in Brasilien ermöglicht – das zeigt ein neues BuchIn Deutschland läuft eine Debatte über NS-Täter in der Familie. Auch die Schweiz wird mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert. Mehrere neue Forschungsprojekte widmen sich derzeit den Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus.17.05.2026, 05.30 Uhr5 Leseminuten1938 reckten Schweizer Rechtsextreme den Arm zum Hitlergruss an einen Offizier der Schweizer Armee in Genf.Photopress / KeystoneZum Beispiel Hans Vonwyl. Ein Bauernsohn aus dem luzernischen Knutwil, der in Zürich Recht studierte und die faschistische Gruppe Nationale Front gründete. 1931 trat er der NSDAP bei, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Da sind zum Beispiel Professoren der Universität Bern wie der Sprachwissenschafter Walter Porzig und der Chemiker Fritz Zetsche; da ist der Arzt Franz Riedweg, der bei den Nazis Karriere machte. Sie alle waren Mitglied der NSDAP – und lebten zumindest zeitweise in der Schweiz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Informationen lassen sich neuerdings mit wenigen Klicks im Internet finden. Denn vor einigen Wochen haben deutsche Medien die Mitgliederkartei der NSDAP digitalisiert und mit einer einfachen Suchfunktion online gestellt. Seither diskutiert Deutschland über Schuld und Erinnerung. In vielen Familien kursieren harmlose Erzählungen über die Rolle der Grosseltern im Krieg. Oder war Opa doch ein Nazi?Um eine Antwort zu bekommen, mussten Angehörige bisher einen Antrag beim deutschen Bundesarchiv stellen und nach Berlin reisen. Dass die Recherche nun digital möglich ist, stiess auf grosses Interesse. Als die neuen Suchfunktionen aufgeschaltet wurden, war die Seite überlastet. Tausende Deutsche suchten nach ihren Vorfahren.Die eingangs genannten Beispiele zeigen jedoch: Das digitalisierte Verzeichnis ist nicht nur für Deutschland interessant, sondern auch für die Schweiz. Denn die Nazis waren auch hier aktiv. In der NSDAP-Kartei finden sich Hunderte Einträge von Mitgliedern, die entweder in der Schweiz geboren wurden oder beim Parteieintritt hier lebten: Professoren, Handwerker, Beamte, aus allen Teilen des Landes.Neu erwachtes Interesse an NationalsozialismusDass die NSDAP mehrere Sektionen in der Schweiz unterhielt, ist bekannt. Doch wie viele Mitglieder die Partei hierzulande hatte und wer diese Leute waren, dazu gibt es laut der Historikerin Alexa Stiller nur wenige Studien.Stiller forscht an der Universität Bern zum Nationalsozialismus und hat selbst schon mit dem NSDAP-Archiv gearbeitet. Sie sagt, die Parteizugehörigkeit allein sei noch kein Beweis dafür, dass jemand ein überzeugter Nazi gewesen sei. «Manche traten der Partei unter Druck bei oder weil sie sich Vorteile erhofften.» Dennoch könnte die digitalisierte Version des Verzeichnisses laut Stiller neue Erkenntnisse über die Verbreitung der NSDAP in der Schweiz liefern. «Darüber wissen wir heute viel zu wenig.»Gut möglich, dass sich das bald ändert. Momentan gibt es mehrere Forschungsarbeiten, die sich mit der Schweiz zur Zeit des Nationalsozialismus befassen. Die Universitäten Freiburg und Zürich starten im Herbst ein mehrjähriges Projekt über faschistische Netzwerke in der Schweiz zu jener Zeit. Stiller sagt: «Ich beobachte ein neu erwachtes Interesse an diesem Thema.»Auch die Öffentlichkeit diskutiert derzeit vermehrt über Schweizer Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus. Da ist die Kontroverse um das Kunsthaus Zürich und die Sammlung von Emil Bührle, dem Waffenfabrikanten, der mit den Nazis geschäftete. Da ist der Streit über die Akten des Naziverbrechers Josef Mengele, der sich mehrmals unbehelligt in der Schweiz aufgehalten haben soll. Da sind die Nazikonten der alten Credit Suisse, die wieder zu reden geben.Humanitäre Hilfe für sechzehn Mitglieder der Waffen-SSIn diese Debatten platzt nun ein Buch, das unter Fachleuten schon vor seiner Publikation für Aufsehen sorgt. Es handelt von der wenig beleuchteten Rolle der Schweizer Hilfswerke nach dem Zweiten Weltkrieg – und behandelt die Frage, wem das Mitgefühl der Schweiz galt: den Opfern des Holocausts oder den heimatlos gewordenen Deutschen?Geschrieben hat das Buch der Berner Historiker Peter Hug. Er hat den Aufbau einer völkischen Kolonie von deutschen Siedlern in Brasilien untersucht. Die Kolonie bot vertriebenen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang als Bauern in Südamerika. Das Projekt wurde vom Bund und von Schweizer Hilfswerken gefördert und galt als Prestigeprojekt der humanitären Hilfe, so viel ist bekannt.Doch nun konnte Hug erstmals aufzeigen, dass unter den 2500 ausgesiedelten Deutschen mindestens sechzehn Mitglieder der Waffen-SS lebten. Die Waffen-SS war eine Elitetruppe der Nazis, die Gefangene erschoss und Zivilisten massakrierte. Über ein Dutzend ihrer Mitglieder durften nach dem Krieg also nach Brasilien reisen, ein Stück Land bewirtschaften und ein neues Leben aufbauen – unterstützt mit Schweizer Geldern.Dies schien weder die Hilfswerke noch den Bund zu stören. «Es gab durchaus Hinweise auf völkisches Gedankengut mancher Siedler», sagt Hug, «dennoch hat nie jemand die Frage nach deren politischer Belastung gestellt.»Wie konnte es so weit kommen? Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in Europa Chaos. Millionen von Menschen waren auf der Flucht, unter ihnen auch die sogenannten Donauschwaben. Dabei handelte es sich um Deutsche, die ab dem 18. Jahrhundert auf dem Balkan lebten und nach dem Krieg von dort vertrieben wurden. Zunächst nahm sich die katholische Kirche ihrer an, es entstand die Idee einer eigenen völkischen Siedlung.«Die SS-Mitglieder hätten in Untersuchungshaft gehört»Doch das Projekt kam laut Hug erst voran, als sich die katholisch geprägte Caritas mit Sitz in Luzern einschaltete. Später beteiligte sich auch die Schweizer Europahilfe, eine Organisation, die sich nach dem Krieg um Flüchtlinge kümmerte. Mit ihrer Hilfe reisten 1951 die ersten Donauschwaben nach Brasilien.Auch der Bund stieg ein, vergab Darlehen und sprach von einem «wichtigen Werk» der Entwicklungshilfe. Laut Hug ging es dem Bund jedoch auch darum, von seiner antisemitisch geprägten Flüchtlingspolitik und den wirtschaftlichen Verflechtungen mit Nazideutschland abzulenken. «Es kam der Schweiz gelegen, die Deutschen als Opfer der Nachkriegszeit zu stilisieren», sagt er.Das Buch erscheint am Montag unter dem Titel «Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher». Peter Hug hat es im Auftrag der Organisationen geschrieben, die eine historische Verbindung zur damaligen Schweizer Europahilfe haben. Dabei handelt es sich um deren Nachfolgeorganisation Swissaid sowie um Caritas Schweiz, das Schweizer Arbeiterhilfswerk und Solidar Suisse. Sie haben für Montag zu einer Vernissage geladen und wollen sich erst dann ausführlich zu diesem Kapitel ihrer Geschichte äussern.Auch der Historiker Jakob Tanner wird an der Vernissage teilnehmen und die Befunde in einem Referat historisch einordnen. Tanner arbeitete in den 1990er Jahren am Bergier-Bericht über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Er sagt, die Humanität sei damals vor allem beschworen worden, um die Interessen der Schweiz zu schützen. «Die SS-Mitglieder hätten in Untersuchungshaft gehört, nicht nach Brasilien.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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