Zwangsadoption wegen einer unehelichen Schwangerschaft: Eine Mutter bricht ihr SchweigenZwischen 50 000 und 60 000 Menschen wurden im vergangenen Jahrhundert in der Schweiz Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Zu ihnen gehört auch Elisabeth Meister: 1969 drängen die Behörden die damals Sechzehnjährige, ihr Neugeborenes zur Adoption freizugeben.Urs Hafner01.07.2026, 16.34 Uhr5 LeseminutenKaum war die Tochter im Spital geboren, wurde sie Elisabeth Meister weggenommen. (Symbolbild aus der Neugeborenenstation der Krankenpflegeschule Zürich, 1969)RDB/Ullstein/Getty«Amputierte Mutter» heisst das schmale Buch. Gekonnt verbindet es auf etwas mehr als hundert Seiten eine Lebensgeschichte mit einem Stück Schweizer Sozialgeschichte. Beide sind düster. Und doch schildert die Autorin Zwang und Beklemmung, Scham und Trauer ohne jedes Pathos, ja geradezu leichtfüssig, sich selbst prüfend. Der Leser leidet mit, er schmunzelt und bedauert, dass das Buch schon zu Ende ist. Es schliesst mit einem Happy End, das doch keines ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Autorin heisst Elisabeth Meister. Sie gehört zu den Personen, die betroffen waren von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, wie der Fachterminus lautet. 1969 wird sie Opfer der Behörden und einer Gesellschaft, deren Unterdrückungseifer nicht zu ihrer freiheitlichen Tradition zu passen scheint. Flower-Power und sexuelle Befreiung sind weit weg. Doch im Fall der Schweiz gehört beides zusammen: Republik und Repression, Männerbund und Misogynie.Ein aussereheliches Kind darf nicht seinElisabeth wächst in einem Zürcher Wohnblock in einer Mittelschichtfamilie auf. Man arbeitet und putzt, putzt und arbeitet. Waschküche und Wagen müssen sauber sein, alles andere ist zweitrangig, erst recht die Sexualität: Sie darf kein Thema sein. Dann geschieht, was ab und an vorkommt: eine Empfängnis. Doch die Schwangerschaft erfolgt ohne Heirat. Der Kindsvater, ein Rockmusiker, der Zwischenhalt in einer Zürcher Bar machte, ist schon wieder weg. Die Katastrophe, die keine sein müsste, ist perfekt.Die sechzehnjährige Frau macht ein Martyrium durch. Von den Eltern gibt es Ohrfeigen, es folgt der Spiessrutenlauf durch Wartezimmer und Amtsstuben, sie wird aufs Land verfrachtet, damit niemand die Schande mitbekommt. Ein aussereheliches Kind darf nicht sein. Zu verhindern, dass die Nachbarn sich das Maul zerreissen und der Ruf der Familie Schaden nimmt, ist wichtiger als das Wohl der Mutter und des Kindes.Der Schwangeren wird von allen Seiten eingetrichtert: Du bist eine Schlampe, eine Hure, ein Stück Dreck. Eine ledige Mutter ist eine Schande für alle. Auch sie, Elisabeth Meister, glaubt das. Sie verachtet und hasst sich für das, was sie angeblich verbrochen hat.«Die Kindswegnahme hat auf mein ganzes Leben abgefärbt. Und natürlich auch auf das Leben meiner Tochter.»Nie streichelt die werdende Mutter ihren wachsenden Bauch, nicht ein zärtliches Wort spricht sie zum Ungeborenen. Kaum ist der Säugling im Spital geboren, nimmt man ihn ihr weg, schiebt sie in den Raum der Patientinnen mit Fehl- und Totgeburten, wo Frauen weinen und getröstet werden. Nur Elisabeth erhält keine Besuche, keine Blumen, liegt allein da mit den milchvollen, abgebundenen Brüsten. Rund ein Jahr noch besucht die junge Mutter ihr Mädchen, das bei einer Pflegefamilie lebt, ohne es je wickeln zu dürfen. Dann unterzeichnet sie die «Verzichtserklärung», zu der sie von allen Seiten gedrängt worden ist: Es sei das Beste für alle. Sie lenkt ein und gibt ihr Kind zur Adoption frei.Nun ist die Gesellschaft zufrieden. Dass die junge Mutter Opfer einer Zwangsadoption wird, merkt nur sie. Bis heute. «Die Kindswegnahme hat auf mein ganzes Leben abgefärbt: dass ich eine Versagerin und nichts wert bin. Und natürlich auch auf das Leben meiner Tochter.»Zwanzig Jahre später findet die Tochter ihre MutterSie habe gar kein Buch schreiben, sondern bloss ihre Lebensgeschichte für ihre drei Töchter festhalten wollen, sagt Elisabeth Meister. Sie sitzt in einem alternativen Café in Bern, noch ist wenig los. Der Ort gefällt der eleganten Dame, die aus Genf angereist ist. Die Erstgeborene hat sich knapp zwanzig Jahre später bei ihr gemeldet. Inzwischen hat Elisabeth Meister Karriere in der Werbebranche gemacht und zwei weitere Töchter bekommen. Sie betont: «Am liebsten hätte ich tausend Kinder gehabt.»Zehn Jahre arbeitete sie an ihrem Manuskript. «Der springende Punkt war die Verzichtserklärung. Als ich sie nochmals durchging, musste ich vier Jahre pausieren», sagt sie. Die Scham sei wieder hochgekommen: Wie habe sie das Papier bloss unterzeichnen können, warum habe sie sich nicht geweigert? «Aus freiem Willen» und «nach reiflicher Überlegung», steht dort, gebe sie ihr Kind weg. Was sie ja eigentlich nicht gewollt habe. «Kein Türchen liessen die Formulierungen offen. Ein perfides Dokument.»Als sie das Manuskript abgeschlossen hatte, zeigte sie es ihrer Tochter. Diese war begeistert und befand, es müsse an die Öffentlichkeit. Das Buch verkauft sich gut, Elisabeth Meister ist ständig unterwegs an Lesungen und Veranstaltungen, bald soll die französische Übersetzung erscheinen, im Februar 2027 wird in Genf ein auf dem Buch basierendes Theaterstück aufgeführt. Die Autorin erhält viele Zuschriften von Frauen, die Ähnliches erlebt haben. «Was wir durchmachten, ist heute nicht mehr möglich, und das ist gut so», sagt Elisabeth Meister. Doch sie wünscht sich mehr staatliche Unterstützung für alleinerziehende Mütter.«Rechtlich lief meist alles korrekt ab, die Mütter unterzeichneten das Papier, und das Kind war weg.»Die Historikerin Rahel Bühler forscht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zu Zwangsadoptionen. Sie sind der jüngste Zweig der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, die gewöhnlich mit Heimplatzierungen und Anstaltseinweisungen in Verbindung gebracht werden. Zu Zwangsadoptionen ist nur wenig bekannt. Die Betroffenen wagen es selten, sich zu Wort zu melden, da Scham und Stigma auf ihnen lasten. «Rechtlich lief meist alles korrekt ab, die Mütter unterzeichneten das Papier, und das Kind war weg», sagt die Historikerin. Daher sei der Begriff «Zwangsadoption» missverständlich, der Zwang sei sehr subtil gewesen.Die zumeist ledigen Mütter standen unter Druck von aussen, von Behörden, Familie, Gesellschaft. Sie setzten sich aber auch selbst unter Druck: «Sie glaubten, sie müssten das Opfer für ihr Kind erbringen», sagt Bühler. Die Behörden wiederum hätten die Adoptionslösung favorisiert, weil sie für den Staat die günstigste Variante gewesen sei. In mehreren Kantonen gab es Entbindungsheime, in denen die Schwangeren gratis mitarbeiteten.Im Café in Bern bestellt Elisabeth Meister eine Verveine-Limonade. Die Kaffeemaschine dröhnt im Hintergrund. Schon während der Schwangerschaft habe sie sich in ihre Phantasiewelt zurückgezogen, das habe ihr geholfen. «Und später die Psychotherapie. Die Therapeutin hat nicht lockergelassen.» Nach der Veröffentlichung ihres Buchs habe sie Frauen getroffen, die an der Adoption zerbrochen seien, die ihr Kind nie mehr wiedergefunden hätten.«Wir haben es trotzdem geschafft, ich und meine Töchter», sagt Elisabeth Meister. Obschon sie ihrer ersten Tochter nie eine Mutter sein konnte.«Amputierte Mutter. Die Geschichte einer Zwangsadoption» von Elisabeth Meister, 2025 im Cosmos-Verlag erschienen.Passend zum Artikel
«Amputierte Mutter»: Die Geschichte einer Zwangsadoption in der Schweiz
Zwischen 50 000 und 60 000 Menschen wurden im vergangenen Jahrhundert in der Schweiz Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Zu ihnen gehört auch Elisabeth Meister: 1969 drängen die Behörden die damals Sechzehnjährige, ihr Neugeborenes zur Adoption freizugeben.








