Die Leihmutterschaft wird emotional diskutiert. Soll sie legalisiert werden? Die wichtigsten Argumente im ÜberblickIn Deutschland und der Schweiz ist eine gesellschaftspolitische Debatte zum Thema Leihmutterschaft entbrannt. Sie wirft komplexe ethische, emotionale und rechtliche Fragen auf. Abschliessende Antworten gibt es kaum.24.07.2026, 16.09 Uhr5 LeseminutenDeutsche und Schweizer weichen wegen des Verbots der Leihmutterschaft ins Ausland aus. Dort ist jedoch oft nicht klar, ob die Rechte der Kinder und der Frauen geschützt werden.Mansi Thapliyal / ReutersWie weit sollte der Mensch gehen dürfen, um sich den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen? Kaum eine Möglichkeit, den Kinderwunsch zu realisieren, wird so emotional diskutiert wie die Leihmutterschaft. Der Rücktritt des deutschen Politikers Jens Spahn hat eine neue gesellschaftspolitische Debatte ausgelöst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Gesetzeslage ist in Sachen Leihmutterschaft unübersichtlich. Oft bewegen sich die Kliniken und Agenturen, die Leihmutterschaft vermitteln und ermöglichen, in juristischen Grauzonen. Einzelne Fälle lösen daher immer wieder hitzige Debatten aus: Werden die Rechte von Leihmutter und Kind gewahrt?In Deutschland und der Schweiz ist die Leihmutterschaft verboten. Allerdings wird sie von beiden Ländern geduldet, sofern sie im Ausland vorgenommen wird. Erlaubt ist sie unter anderem in Russland, Georgien, der Ukraine, Ghana und in einzelnen amerikanischen Gliedstaaten. Andere Länder erlauben nur die altruistische Leihmutterschaft, bei der die Frau ausschliesslich für die anfallenden Kosten und Lohnausfälle entschädigt werden darf – nicht aber im eigentlichen Sinne entlohnt wird. Unter ihnen sind Griechenland, die Niederlande, Dänemark oder Grossbritannien.Die Nationale Ethikkommission der Schweiz hat bereits 2013 empfohlen, das strikte Verbot der Leihmutterschaft zu überdenken. Die Uno-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Mädchen spricht sich hingegen deutlich für ein internationales Verbot aus. Die intensive Diskussion zeigt: Eine gesellschaftliche Debatte über Leihmutterschaft ist dringend fällig.Pro: Das Recht auf reproduktive SelbstbestimmungBefürworter der Legalisierung argumentieren, dass auch Paare, die ungewollt kinderlos bleiben, eine Möglichkeit haben sollten, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Sie verweisen auf die Europäische Menschenrechtskonvention, welche das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung und auf Achtung des Familienlebens vorsieht.«Ein unerfüllter Kinderwunsch ist für viele existenziell und kann das Lebensglück bedrohen», sagte etwa Helmut Frister, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates, diese Woche. Einige Befürworter betonen zudem, dass im Vergleich zur Adoption nur die Leihmutterschaft eine genetische Verwandtschaft zum Kind ermöglichen könne. Diese wird bis heute oftmals als bedeutender Faktor für den familiären Zusammenhalt erachtet.Pro: Bekämpfung des FortpflanzungstourismusEine legalisierte Leihmutterschaft könne den sogenannten «Fortpflanzungstourismus» bremsen, so lautet ein weiteres Argument. Dass Paare Leihmütter in Anspruch nähmen, sei längst Realität. Durch ein Verbot würde die Leihmutterschaft lediglich ins Ausland verlagert. Eine Legalisierung könnte die Ausbeutung von Leihmüttern im Ausland verhindern. Denn mit einer entsprechenden Gesetzgebung könne man dem «Offshoring» ethisch bedenklicher Praktiken entgegenwirken.Petra Dorn, Familientherapeutin und ehemaliges Mitglied im Deutschen Ethikrat, bemängelt etwa, dass eine Leihmutterschaft in den USA zwischen 160 000 und 200 000 Euro koste. Paare, die diese Summen nicht aufbringen könnten, wichen deshalb auf Länder aus, in denen die Kosten geringer und die Bedingungen für die Leihmütter häufig schlechter seien.Pro: Leihmütter haben ein Recht auf SelbstbestimmungEin weiteres Argument nimmt die Autonomie der Leihmutter in den Blick: Frauen sollten selbst entscheiden können, ob sie ein Kind für jemand anderen austragen möchten. Ausserdem gebe es Fälle, in denen Frauen eine Leihmutterschaft aus altruistischen Beweggründen in Erwägung zögen, um anderen den Kinderwunsch zu erfüllen.Einige Verfechter der Legalisierung setzen sich darüber hinaus für eine Legalisierung der Eizellenspende ein, die bei Leihmutterschaften häufig eingesetzt wird – so auch im Fall Spahn. Denn obwohl viele Länder Männern die Spermienspende erlauben, ist die Eizellenspende bis jetzt weder in Deutschland noch in der Schweiz legal.Pro: Klare rechtliche Standards sind möglichEine klare Gesetzgebung zur Leihmutterschaft, so das Argument, schütze alle Beteiligten besser vor Ausbeutung und rechtlicher Unsicherheit als ein Verbot. Viele Befürworter sprechen sich für ein altruistisches, also nicht honoriertes Modell aus. So würden Frauen eine Leihmutterschaft nicht aus finanzieller Not heraus in Erwägung ziehen.Als Vorbild für ein Modell altruistischer Leihmutterschaft gilt die Gesetzgebung Grossbritanniens. Dort ist jegliche Form kommerzieller Leihmutterschaft verboten, der Leihmutter werden lediglich eine Aufwandsentschädigung und medizinische Kosten bezahlt. Zudem gilt die Leihmutter juristisch bis zur Geburt als Mutter des Kindes. Sie kann sich also bis zur Geburt dafür entscheiden, das Kind zu behalten. Die Elternschaft wird erst nach der Geburt durch ein gerichtliches Verfahren auf die Auftragseltern übertragen.Contra: Das Kindeswohl muss geschützt werdenDer deutsche Kinderschutzbund argumentiert, dass die unmittelbare Trennung des Kindes von der Mutter nach der Geburt der Bindungsentwicklung schade. Studien belegen, dass dies bei den Kindern das Risiko von psychischen Störungen erhöhen kann.Im Zusammenhang mit einem Verbot der Leihmutterschaft wird häufig ein Bericht der Uno-Sonderberichterstatterin für Gewalt an Frauen und Kindern aus dem Jahr 2025 zitiert. Im Bericht heisst es, die Leihmutterschaft könne das Recht des Kindes verletzen, seine Identität und Herkunft zu kennen. Bei der Leihmutterschaft könnten zudem Eizelle oder Samen von einem fremden Spender stammen. Gerade wenn die Geburt im Ausland stattfinde, bestehe das Risiko, dass das Kind in juristische Verwirrungen um Staatsbürgerschaft, rechtliche Elternschaft und biologische Herkunft gerate.Laut dem Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte kann dies dazu führen, dass das Kind rechtlich elternlos bleibt und weder eine Staatsangehörigkeit noch die Möglichkeit besitzt, Kenntnisse über seine Abstammung zu erhalten.Contra: Risiken für die LeihmutterIn medizinischen Kreisen werden auch die körperlichen und seelischen Risiken der Leihmutter hervorgehoben. Schwangerschaft und Geburt bedeuteten einen enormen Einschnitt in die körperliche und seelische Unversehrtheit. Bei einer Leihmutterschaft seien die üblichen Risiken gar erhöht, weil das Kind und die austragende Frau sich meistens genetisch fremd seien. Es könne zu Abstossungsreaktionen kommen, was zusätzliche Medikamente erfordere.Bei einer Leihmutterschaft kämen zudem hormonelle Vorbehandlungen hinzu. Wird eine befruchtete Eizelle bei der Frau eingesetzt, bedeutet dies tägliche Hormoninjektionen, das Risiko einer Narkose und die Gefahr zusätzlicher Nebenwirkungen. Gegner der Leihmutterschaft betonen auch die psychische Belastung durch die notwendige emotionale Distanz zum Kind und die Trennung nach der Geburt.Im Bericht der Uno-Sonderberichterstatterin heisst es, die Leihmutterschaft entmündige Frauen rechtlich und körperlich. In den Verträgen mit Agenturen und Auftragseltern werde die medizinische Selbstbestimmung der Frauen eingeschränkt. Vor allem dann, wenn sie medizinisch nicht notwendige Kaiserschnitte vorsähen oder der Frau vorschrieben, wo sie sich während der Schwangerschaft aufhalten müsse. Zudem gäben manche Verträge den Auftragseltern das Recht, Abtreibungen zu verlangen, falls das Kind an einer Krankheit leide oder kognitiv beeinträchtigt sei.Contra: Ausbeutung einer finanziellen NotlageDie Leihmutterschaft ist für Agenturen und Kliniken ein Milliardengeschäft, die Frauen profitieren am wenigsten davon. Laut dem Uno-Bericht von 2025 handelt es sich bei der Leihmutterschaft nie um eine moralisch neutrale Dienstleistung. Es gebe ein Machtgefälle zwischen den meist wohlhabenden Auftragseltern und der meist armutsbetroffenen Leihmutter. Selbst wenn eine Leihmutterschaft als altruistisch bezeichnet werde, bestehe ein Abhängigkeitsverhältnis. Leihmüttern fehle oft der Zugang zu rechtlicher Unterstützung.Der Deutsche Ethikrat schreibt, dass selbst eine altruistische Leihmutterschaft moralisch und juristisch kaum von einer Ausbeutung getrennt werden könne. Der Uno-Bericht von 2025 bezeichnet es als unrealistisch, dass eine gesetzliche Regulierung sicherstellen kann, dass eine Leihmutter nach ihrem eigenen, freien Willen handelt.Contra: Leihmutterschaft ist MenschenhandelDie Leihmutterschaft ist laut Kritikern eine reine Transaktion: Kind gegen Geld. Kinder würden auf käufliche Ware reduziert und Frauen als Mittel zum Zweck genutzt. Damit verletze die Leihmutterschaft die Menschenwürde von Frau und Kind.Die Koalition für die Abschaffung der Leihmutterschaft (CIAMS) schrieb 2023, Leihmutterschaft erfülle die drei Kriterien für Menschenhandel: Frauen aus ärmeren Verhältnissen würden von den Agenturen angeworben und für die Befruchtung, die Schwangerschaft und die Geburt in andere Regionen oder Länder gebracht, wo die Leihmutterschaft rechtlich möglich sei. Die Frauen würden getäuscht und Risiken verschwiegen. Ihre finanzielle Situation werde ausgenutzt für die Interessen und den Profit anderer.Passend zum Artikel
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