Das eine sei die reine Lehre, das andere das echte Leben, hat Jens Spahn im Podcast „Ronzheimer“ gesagt, als er noch versuchte, die massive Diskrepanz zwischen den Überzeugungen seiner Partei und seinem privatem Handeln wegzuerklären. Als er noch versuchte, sein Amt zu retten.Nun braucht die Unionsfraktion im Bundestag einen neuen Vorsitzenden, und das Land steht vor der Frage: Kann es, soll es beim Verbot der Leihmutterschaft bleiben?Selbstverständlich können zwei Männer gemeinsam wunderbare Väter sein, etwa von einem Adoptivkind. Aber darum geht es in der derzeitigen Debatte nicht. Der Fall Spahn hat einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass etwas so Existentielles wie ein Kinderwunsch Menschen zu einem Handeln treiben kann, das sie eigentlich selbst ablehnen. Von dem sie im Inneren wissen, dass es falsch ist. Das ist nachvollziehbar, ändert aber nichts daran, was moralisch und politisch vertretbar ist – und was nicht. Am Ende geht es um eines: die Bezahlung Ein unerfüllter Kinderwunsch ist ein furchtbares Schicksal. Zum Glück können Ärztinnen und Ärzte vielen Paaren helfen. Aber dabei muss es Grenzen geben, die sich nicht praktisch, sondern ethisch herleiten. Diese Grenzen machen die Kinderlosigkeit für manche Menschen zu einem Schicksal, mit dem sie umgehen müssen. So wie mit anderem, das das Leben einem in den Weg wirft. Menschen können schwer erkranken, sie können ein Leben lang keinen Partner finden, ihr Kind kann Opfer eines Verbrechens werden oder früh versterben. Es gibt Dinge, die sind unendlich schrecklich – doch es ist Teil des Menschseins, mit ihnen leben zu lernen.Bei der Leihmutterschaft, gemeint ist die kommerzielle Variante wie im Fall Spahn, ist der Preis einfach zu hoch. Zum einen für die Frau, die das Kind austrägt. Alle Erklärungsversuche, warum Frauen dafür zur Verfügung stehen, schnurren bei ehrlicher Betrachtung auf einen einzigen Beweggrund zusammen: die Bezahlung. Demgegenüber stehen die massiven körperlichen Folgen einer Schwangerschaft und die ganz besondere seelische Belastung, die niemals sicher auszuschließen ist. Es ist richtig, dass kommerzielle Leihmutterschaft verboten ist – aller vermeintlichen Freiwilligkeit zum Trotze.Zum anderen ist da das Kind. Schon vor seiner Geburt zum Vertragsgegenstand gemacht. Allzu oft auf Probe bestellt, unter der Bedingung, es möge keine Behinderung mitbringen. Nach der Geburt wird es abrupt getrennt von der Frau, deren Nähe es instinktiv sucht. Das kann kein Modell sein, das vom Kindeswohl aus gedacht ist. Das Kind aber ist der verletzlichste, schützenswerteste Part. Das altruistische Modell ist eine ernsthafte Debatte wert Damit bleibt die Frage: Was, wenn eine Leihmutter eben nicht aus finanziellen Beweggründen zu einer solchen wird? Hier geht es etwa darum, dass die eine Schwester für die andere ein Kind austrägt. Die Kommission, die von der Ampel-Kommission beauftragt worden war, hatte es für denkbar gehalten, dieses sogenannte altruistische Modell zu erlauben und sogar so breit zu definieren, dass die kommerzielle zur altruistischen Leihmutterschaft umgedeutet wird. Genau dort setzt jetzt die politische Debatte an.In der Tat ist die Abwägung, wenn es um die tatsächlich altruistische Variante geht, sehr viel schwieriger als im kommerziellen Fall. Denn wenn eine Frau etwa ihren eigenen Neffen austrägt, ist vorstellbar, dass sie das tatsächlich tut, weil sie helfen will. Dass die eigenen Gefühle für eine Schwangere besser zu sortieren sind, wenn das Neugeborene nicht einfach aus dem eigenen Leben verschwindet. Eine solche Schwangerschaft kann Ausdruck dessen sein, dass eine Frau für ihre geliebte Schwester buchstäblich fast alles tun würde. Weil deren Lebensglück auch das eigene ist.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Dem Kind kann das alles später außerdem viel besser erklärt werden als beim kommerziellen Modell: Es durfte im Bauch der Tante heranwachsen, weil das im Bauch der Mutter nicht gegangen wäre. Die Mutter war in der Schwangerschaft präsent, so wie es die Tante in seinem Leben jetzt noch ist. Die Tante hat der Mutter das größte nur denkbare Geschenk gemacht. Nicht für Geld, sondern aus Liebe.Das heißt nicht, dass damit alle Probleme gelöst wären. Das geht los mit der Frage, von wem die Eizelle stammt, also ob von der sozialen Mutter oder von einer fremden Spenderin, was die Sachlage verzwickter machen würde. Die nächste Frage ist, wie eng die Bande sein müssten: Kommen auch Freundinnen infrage? Zu bedenken ist auch, dass Frauen von ihrer Familie unter Druck gesetzt werden könnten, zu helfen, wenn die Gesetze das nun einmal erlauben. Und wie soll zu verhindern sein, dass unter der Hand doch Geld gezahlt wird?Es gibt auch im Fall der altruistischen Leihmutterschaft keine einfachen Antworten. Die Fragen aber sind es wert, gestellt zu werden.