InterviewMedizinethiker über Leihmutterschaft: «Natürlich ist das Kind in einer prekären Situation»Ist es moralisch in Ordnung, einen fremden Bauch zu mieten? Der Medizinethiker Giovanni Maio beschäftigt sich schon lange mit der Frage, wie Leihmutterschaft zu bewerten ist – auch für die Kinder.24.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEine Pflegerin füttert ein durch Leihmutterschaft zur Welt gekommenes Baby in einem Bombenschutzraum in Kiew. Im März 2022 waren viele Babys in der Ukraine gestrandet, weil die ausländischen Eltern sie aufgrund des Krieges nicht abholen konnten.Anastasia Vlasova / GettyPlötzlich ist das Thema Leihmutterschaft in aller Munde, dabei diskutieren Medizinethiker sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz seit Jahren immer wieder, ob die Leihmutterschaft erlaubt werden sollte. Beide Länder entschieden sich erst vor kurzem erneut dagegen. Ein Grund: Leihmutterschaft gehört zu den kompliziertesten bioethischen Themen überhaupt. Der Medizinethiker Giovanni Maio erklärt die moralischen Hürden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Maio, Jens Spahn hat das Thema Leihmutterschaft mit einem Schlag in die Öffentlichkeit katapultiert, dabei rumort das Thema doch schon lange im Untergrund. Wie finden Sie die gegenwärtige Aufregung?Giovanni Maio ist Professor für Medizinethik an der Universität Freiburg im Breisgau und Mitglied des Ausschusses für ethische Grundsatzfragen der deutschen Bundesärztekammer.Jeannette PetriGiovanni Maio: Es ist unbedingt zu begrüssen, dass wir eine öffentliche Debatte über dieses vielschichtige Thema führen. Denn die Leihmutterschaft kann man nicht pauschal verurteilen oder gutheissen. Man muss schon sehr genau hinschauen. Bei Herrn Spahns Kritikern kam die Sache jetzt sehr holzschnittartig herüber: Leihmutterschaft erscheint wie eine klare ethische Grenzüberschreitung, gegen die man sich wehren muss. Aber sie stellt einen ethischen Konflikt dar, bei dem man unterschiedlicher Auffassung sein kann.Die Praxis der Leihmutterschaft hat weltweit eine extreme Bandbreite: In Georgien und in der Ukraine werden immer wieder Kinder einfach nicht abgeholt oder Leihmütter zur Abtreibung gezwungen. In den USA hingegen erhalten viele Leihmütter eine gute Bezahlung und wirken juristisch abgesichert. Ist es gut, wie es die Amerikaner machen?Natürlich ist es gut, dass man in den USA viel Wert auf vertragliche Absicherungen legt. Doch das berührt nicht das Grundproblem: Es stellt sich die Frage, ob Leihmutterschaft mit dem Subjektstatus der Frau in Einklang zu bringen ist. Denn wenn man zum Beispiel noch während der Schwangerschaft juristisch aushandelt, dass die Elternschaft in jedem Fall von den Auftraggebern übernommen wird, dann reduziert man die Gebärende auf ein Objekt, auf ihre Funktion als Gebärmutter.Die Frau ist dann eine Art Brutkasten.Genau. Da stellt sich die Frage: Dürfen wir so mit anderen Menschen umgehen? Jeder Mensch sollte die Freiheit bekommen, über seinen eigenen Körper selber zu bestimmen. Und das gilt vor allem während und nach der Geburt. Wenn wir die Leihmutterschaft auf eine menschliche Art und Weise verwirklichen wollen, müssen wir die Entscheidungsfreiheit der gebärenden Frau hochhalten. Wir dürfen sie nicht so dezimieren, dass sie noch während der Schwangerschaft ihr Recht auf das Kind, das sie gebärt, aufgeben muss. Wenn die Leihmutter selber nach der Geburt sagt: Ja, für mich ist es in Ordnung, das Kind abzugeben. Ich tue damit etwas Gutes für andere. Dann ist das in Ordnung.Wenn die Leihmutter also nach der Geburt einwilligt, dann ist alles gut?Nein, auch da muss man genau hinschauen. Denn natürlich gibt es problematische Bedingungen auch in den USA. Wenn die Leihmutter in prekären Verhältnissen lebt oder man von einer extremen sozialen und monetären Ungleichheit ausgehen muss, dann ist die Ausgangslage unfair, die Entscheidung nicht frei. Und von dieser Ungleichheit muss man auch in den USA häufig ausgehen.In den USA sind Leihmütter häufig Mormoninnen oder tief religiöse Christinnen. Sie argumentieren mit ihrem Glauben. Mein Eindruck ist aber, dass sie dabei häufig finanzielle Interessen mit einem rosaroten Framing ummanteln. Wie will man die Freiwilligkeit bei der kommerziellen Leihmutterschaft sicherstellen?Es ist aus ethischer Sicht essenziell, eine echte Entscheidungsfreiheit für die Leihmutter herzustellen, so dass man ihre prekäre Lage nicht ausnutzt. In der kommerziellen Leihmutterschaft ist das aber der Fall. Sobald es um finanzielle Bereicherung geht, unterwerfen wir menschliche Körper der Logik von Eigentumsrechten. Das geht nicht, weil eine Schwangerschaft keine warenförmige Dienstleistung ist, sondern ein Beziehungsgeschehen, bei dem Mutter und Kind im Austausch miteinander sind. Wir sprechen im Gegensatz zur kommerziellen Leihmutterschaft von altruistischer Leihmutterschaft, bei der es quasi keine Bezahlung geben darf.In Kanada und Grossbritannien ist altruistische Leihmutterschaft erlaubt. Hier verdienen die Agenturen, die alles organisieren, sehr viel Geld, die Leihmutter verdient fast nichts. Ist das gerecht?Das ist das grosse Problem bei der Umsetzung von altruistischer Leihmutterschaft. Wir machen uns das soziale Ungleichgewicht in Schwellenländern zunutze, um uns den Körper von fremden Frauen zu kaufen. Aber wenn gar kein Geld fliesst, dann haben wir das andere Problem, dass wir die Frauen auf eine andere Weise ausbeuten. Wir geben ihnen nicht das zurück, worauf sie eigentlich Anspruch hätten. Sie investieren ja Lebenszeit und so weiter. Also zu sagen, es dürfe überhaupt kein Geld fliessen, richtet sich wiederum gegen die Rechte der Leihmütter.Es gibt demnach keine ethisch vertretbare Möglichkeit der Leihmutterschaft?Das würde ich pauschal nicht sagen, aber es ist eine extrem schwierige Gratwanderung. Man müsste eine Form finden, bei der man eine Entschädigung leistet, ohne einen finanziellen Anreiz zu schaffen. Das ist ziemlich schwierig umzusetzen. Deswegen sind unsere Länder da sehr vorsichtig mit der Legalisierung auch eines altruistischen Modells.Sie sprechen von der Schwangerschaft als einem Beziehungsgeschehen. Die meisten Leihmütter tragen heute genetisch fremde Kinder aus. Das bedeutet, der Embryo ist aus der Eizelle einer anderen Frau entstanden und wird der Leihmutter nur eingesetzt. Erlaubt das nicht eine gewisse emotionale Distanz?Nein. Durch die Epigenetik nimmt die austragende Mutter Einfluss auf die Aktivierung der Gene des Kindes. Insofern kann man nicht sagen, dass die Gebärende auf das austragende Element reduziert werden darf. Sie ist Mutter, weil sie geboren hat und weil das Kind zum Teil auch von ihr abstammt. Die Praxis der Leihmutterschaft tendiert dazu, die Leistung der Leihmütter zu reduzieren, indem die meisten Verträge in den USA zum Beispiel sagen: Du darfst das Kind gebären, aber Mutter bist du nicht.Häufig stammt die Eizelle von einer Spenderin. Dann hat das Kind tatsächlich drei Mütter: die Gebärende und die Eizellspenderin – und die sozialen Eltern, die das Kind in Auftrag geben.Ja, das macht es auch so komplex. Es gibt drei Elternparteien, die alle ihr Recht am Kind haben.In einigen Ländern wie Spanien ist die anonyme Eizellspende erlaubt. Viele Schweizer und Deutsche gehen aus diesem Grund dorthin. Aber wenn die Eizellspenderin anonym bleibt, erfährt das Kind niemals, von wem es genetisch abstammt. Finden Sie das in Ordnung?Nein, das ist absolut problematisch. Sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland hat jeder Mensch das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft. Mit der anonymen Eizellspende verweigern wir den Kindern dieses Recht und können damit Identitätskrisen auslösen. Diese Lehre haben wir eigentlich schon aus der früher häufig anonymen Samenspende gezogen und die Anonymität abgeschafft.Über die Kinder wird bei dem ganzen Thema ohnehin wenig gesprochen. Wie ist die Situation für sie?Natürlich bringt Leihmutterschaft ein Kind in eine prekäre Situation. Man kann nicht leugnen, dass dem Kind etwas zugemutet wird. Es wächst in dieser Frau, es kennt ihre Stimme, ihren Körper. Es ist nicht haltbar, zu behaupten, es bestünde keine Beziehung zwischen Mutter und Kind. Trotzdem ist das nicht per se ein Totschlagargument. Es stellt sich nur die Frage, welche Konsequenzen dieser Beziehungsabbruch hat und ob diese zu vertreten sind. Viele Agenturen halten die Leihmütter dazu an, sich emotional zu distanzieren, indem sie nicht mit dem Kind kommunizieren sollen. Diese propagierte Bindungslosigkeit halte ich für schädlich, für beide. Rein wissenschaftlich könnte man fragen: Gibt es ein Anrecht auf eine vorgeburtliche Beziehung?In Grossbritannien gibt es im Rahmen der altruistischen Leihmutterschaft Studien über das Wohlergehen der Kinder. Es scheint ihnen genauso gut zu gehen wie anderen – sofern das Kind über seine Herkunft aufgeklärt wird und es eine wie auch immer geartete Beziehung zu allen Eltern haben darf.Das stimmt, wir haben keine konkreten Hinweise darauf, dass die Kinder später psychisch beeinträchtigt wären. Das macht die Praxis trotzdem nicht unbedingt zu einer guten. Die Studienlage ist noch sehr dünn. Und auf jeden Fall ist die Tendenz extrem problematisch, ein Familiengeheimnis aus der Leihmutterschaft zu machen: Das wird dem Kind und seinem Recht auf die Kenntnis seiner Herkunft nicht gerecht.Wie ist Ihre Schlussfolgerung? Leihmutterschaft legalisieren oder nicht?Wenn wir Leihmutterschaft zulassen sollten, dann nur unter der Bedingung, dass eine Umentscheidungsfrist für die Leihmutter nach der Geburt gewährt wird. Sie soll sagen können, ob sie das Kind wirklich abgeben möchte. Und dann distanziert sich die Leihmutter auch nicht so von dem Kind, sondern lässt sich auf es ein. Wenn sie dann immer noch sagt: Ich habe es gern getan für die Auftragseltern und stehe auch weiterhin für eine Beziehung zur Verfügung, wäre das keine schlechte Lösung.Aber dann werden viele, die sich Nachwuchs wünschen, nicht auf dem Weg der Leihmutterschaft zu einem Kind kommen können. Wer bezahlt eine Leihmutterschaft, wenn nicht sicher ist, ob man das Kind behalten darf?Ja, das ist so. Aber nur so können wir Ausbeutungsverhältnisse bei der Leihmutterschaft verhindern.Passend zum Artikel