Erdogan hegt schon lange Grossmachtphantasien. Doch nun tritt er damit offen auf die BühneWährend sich Iran und die USA wieder beschiessen und unklar ist, ob das Abkommen für den Frieden hält, spielt sich die Türkei als neuer starker Player in Nahost auf.Petra Ramsauer28.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZaSNach dem Krieg ist vor dem Krieg. Diese traurige Weisheit gilt in Nahost noch immer. Nur wenige Tage nachdem es endlich gelungen war, eine Vereinbarung zwischen den USA und Iran zu erzielen, um den Krieg beizulegen, wird wieder geschossen. Viel interessanter ist indes, dass sich die Konturen einer neuen Ordnung in der Region zeigen – und sehr klar auch: ganz neue Bruchlinien.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die USA haben durch den Iran-Krieg ihre Position als Ordnungsmacht in der Region verloren. Sie waren nicht in der Lage, trotz militärischer Übermacht die Islamische Republik in die Knie zu zwingen, und hinterlassen nun ein Vakuum, in das andere Länder nachrücken. Auf der einen Seite steht Israel, auf der anderen die Türkei. Sie ist bekannt für ihre Kampfdrohnen und deren Abwehr, und diese Kompetenz ist derzeit begehrt in der Golfregion. Überraschend dabei: die neuen Koalitionen, die sich um die zwei Schwergewichte bilden.Wer garantiert Stabilität?«Für Ankara hat der Iran-Krieg zahlreiche Chancen eröffnet: Exportmöglichkeiten der Rüstungsindustrie bis hin zur Bildung von Sicherheitsallianzen und zur Intensivierung von Handelsbeziehungen, dem Aufbau neuer Handelsrouten in der Region», so skizziert Galip Dalay vom Think-Tank Chatham House in London die neue Rolle der Türkei. Erdogan hegt schon lange Grossmachtphantasien aus Zeiten des Osmanischen Reiches, doch nun tritt er damit offen auf die Bühne. Um die Türkei herum sammeln sich Saudiarabien, Ägypten, Pakistan und Katar. Die Aussenminister dieser Länder haben sich schon mehrmals getroffen und bilden eine gewichtige Machtkoalition trotz ideologischen und regionalen Differenzen.«Ihr Ziel ist es, für Stabilität zu sorgen, die Grenzen von Staaten zu sichern und sich gemeinsam gegen Israels militärische Expansionspolitik zu stemmen», sagt Marcus Schneider, Nahostexperte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut. «Keines dieser Länder hat so wie Iran die Zerstörung Israels auf der Agenda. Aber sie wollen den Versuch Israels bremsen, mit militärischen Operationen die gesamte Region zu dominieren.» Ihnen allen geht es in erster Linie um eine neue postamerikanische Sicherheitsarchitektur.Der iranische Präsident Masud Pezeshkian unterzeichnet die Vereinbarung über die Aufnahme von Verhandlungen mit den USA.Iranische Präsidentschaft via APIsrael seinerseits bemüht sich emsig darum, selbst eine Allianz zu schmieden: mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, die im Krieg nicht durch die amerikanische, sondern durch Israels Raketenabwehr vor Irans Angriffen geschützt wurden und die vor dem Krieg schon ein Normalisierungsabkommen mit Israel abgeschlossen hatten. Mit an Bord sind in dieser Allianz aber auch Zypern und Griechenland.Und obwohl sich diese Bündnisse erst zu bilden beginnen, wird die Rhetorik zwischen den beiden Antagonisten – Israel und der Türkei – immer aggressiver.Oded Ailam, ehemaliger Chef der Anti-Terror-Einheit des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, sagte diese Woche, die Türkei sei nach und nach zum «Koordinationszentrum für Aktivitäten der Hamas» geworden. Er empfahl seiner Regierung, diese Hamas-Leute auf türkischem Boden anzugreifen. Türkische Regierungsmitglieder schlagen zurück: «Eines Tages werden wir Jerusalem befreien, die Kontrolle über die Stadt wiedererlangen, die das Osmanische Reich über Jahrhunderte innehatte», sagte der türkische Innenminister Mustafa Ciftci prahlend.Donald Trump sieht sich zwischen den beiden Lagern. Er bleibt trotz lauter Kritik am israelischen Regierungschef Benjamin Netanyahu sein engster Verbündeter. Der US-Präsident braucht aber auch Erdogan und dessen neue Allianz als Garanten der Stabilität. Trump fühlt sich Erdogan freundschaftlich verbunden. «Ich werde etwas in die Wege leiten, das Erdogan sehr glücklich machen wird», kündigte der US-Präsident diese Woche an.Damit meinte er die Lieferung von F-35-Kampfjets sowie weiterem militärischem Hightech-Gerät. Etwas, auf das Erdogan seit langem hofft. Trump tut Erdogan auch den Gefallen, beim Nato-Gipfel vom 7. und 8. Juli in Ankara teilzunehmen. «Ich komme einzig aus Respekt vor Erdogan», sagte Trump, der sonst nur Kritik und Geringschätzung für den Nordatlantikpakt übrighat. Erstmals seit 2004 findet das Treffen in der Türkei statt und könnte den türkischen Präsidenten in seinen Ambitionen beflügeln. Vor allem, wenn er als Geschenk den Liefervertrag für die F-35-Jets erhält.US-Präsident Donald Trump schätzt den autoritär regierenden türkischen Staatschef Tayyip Erdogan.Yoan Valat / ReutersDie Kampfjets würden die türkische Luftwaffe auf Augenhöhe mit derjenigen Israels bringen, die derzeit vor allem dank diesen Tarnkappenbombern die Lufthoheit in Nahost hält. Ein Affront aus Sicht Jerusalems, vor allem angesichts der lauten Töne, die Erdogan jüngst anschlug: «Unter der derzeitigen Regierung ist Israel nicht nur eine Gefahr für die Region, sondern eine Bedrohung für die gesamte Menschheit», wetterte er bei einer Rede vor seiner Partei. «Die Angriffe Netanyahus auf Syrien und Libanon haben ein solches Ausmass erreicht, dass sie auch die Türkei gefährden. Unsere Sicherheitsinteressen beginnen nicht in den Städten des Südens wie Hatay, sie beginnen in Aleppo, in Damaskus und in Beirut. Wir werden nicht wegsehen, wenn unsere Brüder in den beiden Ländern attackiert werden.»Hizbullah? Brüder?Eine bemerkenswerte Aussage: Zwar hatte Erdogan in Syriens Bürgerkrieg die syrischen Islamisten unterstützt, die nun in Damaskus regieren. Sie Brüder zu nennen, ist schlüssig. Doch weshalb stellt sich Erdogan auf die Seite des Hizbullah? Die schiitische Miliz kämpft doch auch gegen Erdogans syrische Partner?In Israel lautete die Erklärung: Erdogan spielt sich als Sultan auf, als Schutzherr von Südlibanon bis zum Golan und bis nach Gaza. Dem müsse man dringend Einhalt gebieten. «Die Türkei ist das neue Iran», so formulierte es Israels führender Oppositionspolitiker Naftali Bennett bereits im Februar. «Wir dürfen nicht nochmals unsere Augen verschliessen.»Netanyahus Sportminister Miki Zohar rief jüngst dazu auf, die Türkei zu einem feindlichen Staat zu erklären, der sich bei einem möglichen Konflikt mit Israel auf einen schweren Schlag einstellen müsse. Sein Regierungskollege Amichai Chikli, Minister für Diaspora-Fragen, äusserte sich diese Woche in einem Kommentar in der «Washington Post» scharf: «Unter Erdogan wurde die Türkei zu einer der destabilisierendsten Mächte der Region, basierend auf einem giftigen Mix aus Islamismus und neoosmanischem Imperialismus.» Vor allem bereite ihm die Entstehung einer «islamistischen Koalition» Sorgen, die er als «neue sunnitische Achse des Bösen» bezeichnet.Weder der Zeitpunkt noch das Medium dürften ein Zufall sein. Israels Regierung ist zunehmend nervös, hofft, in letzter Minute die Lieferung der amerikanischen F-35 an die Türkei zu torpedieren. Für einen offenen Konflikt ist man so noch schlechter aufgestellt als jetzt. Schon heute ist etwa Israels Marine jener der Türkei unterlegen.«Es ist notwendig, dass sich die Tonlage zwischen Jerusalem und Ankara rasch wieder beruhigt. Noch ist es schwer vorstellbar, dass es zu Krieg kommt, aber wenn, wäre dies eine Katastrophe auch für uns», sagt der ehemalige israelische Diplomat Michael Harari im Gespräch mit dieser Zeitung. Er bezeichnet die Stilisierung der Türkei als neues Iran als «Unsinn», betont aber: «Die Bedrohung für Israel ist ernst zu nehmen.»In dieser Auseinandersetzung geht es nicht nur um territoriale Einflusssphären, sondern auch um handfeste Rohstoffinteressen: Griechenland, Zypern und Israel kooperieren seit fünfzehn Jahren bei der Förderung von Gas im östlichen Mittelmeer, haben ihre Seegrenzen in einem historischen Abkommen festgelegt. Aussen vor blieb die Türkei. Sie hat ihre eigene, vor zwanzig Jahren von türkischen Admirälen formulierte Doktrin «Blaue Heimat». Darin wird der Anspruch der Türkei auf eine Wirtschaftszone im Mittelmeer von bis zu 200 Seemeilen erhoben, inklusive zahlreicher griechischer Inseln. Im Mai wurde dazu ein Gesetzesantrag formuliert, der bald vom türkischen Parlament verabschiedet werden soll.Just diese Woche stattete der griechische Admiral Dimitrios-Eleftherios Kataras einen Besuch in Israel ab. Eine engere Zusammenarbeit zwischen den Seestreitkräften der beiden Länder wurde vereinbart. Verlagert sich die Front im neuesten Nahostkonflikt ins Mittelmeer? Eine offene militärische Konfrontation hält auch der Nahostexperte Marcus Schneider für sehr unwahrscheinlich. «Es ist aber eine Tatsache, dass die Türkei merklich den Zivilschutz verstärkt und Bunker baut.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel