Die Türkei wird für Israel zu einem strategischen ProblemDie rhetorischen Angriffe zwischen Ankara und Jerusalem zeigen eine neue geopolitische Realität. Wer übernimmt die Führung im Nahen Osten?Richard C. Schneider16.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer türkische Präsident Erdogan – hier im Juli 2023 – will wie Israel auch die Führung im Nahen Osten übernehmen, das führt zu Konflikten.Kacper Pempel / ReutersEnde Juni holte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zum grossen Schlag aus. Er nannte den Zionismus eine «genozidale, auf Besetzung und Expansion ausgerichtete Ideologie» und sagte, der «Kampf» gegen den Zionismus sei eine Frage des «kollektiven Überlebens unseres Volkes und unserer Nation». Sein Aussenminister Hakan Fidan legte einige Zeit später nach. Israel sei zu einer «Last geworden, die die Menschheit nicht länger tragen kann».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In Jerusalem wurden diese Äusserungen nicht nur als die übliche antizionistische Rhetorik eines politischen Gegners verstanden. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu warf Erdogan vor, offen die Vernichtung Israels zu propagieren. Israels Aussenminister Gideon Saar bezeichnete Fidans Worte als «klaren Aufruf zum Völkermord». Die Geschichte lehre, so Saar, dass jeder Genozid mit der Entmenschlichung beginne. Diasporaminister Amichai Chikli ging noch weiter. Erdogan sei ein «grotesker Hybrid aus Hitler und Sinwar», einem Förderer der Hamas und des Islamischen Staats.Mit diplomatischer Kommunikation hat dies wahrlich nichts zu tun, die Wortwahl auf beiden Seiten klingt wie pure Kriegspropaganda. Gerade deshalb wäre es ein Irrtum, die immer schrilleren Beschimpfungen als rein verbale Eskalation abzutun. Die Rhetorik ist bloss das Symptom eines Konflikts zwischen den beiden Staaten, hinter dem der beginnende Wandel der regionalen Machtverhältnisse steht.Erdogan will die Ordnung des Nahen Ostens ändernÜber Jahrzehnte galt Iran als der strategische Hauptgegner Israels. Während Iran nach den Kriegen der vergangenen drei Jahre zumindest für einige Zeit geschwächt erscheint, ist die Türkei dabei, zum neuen geopolitischen Gegenspieler Israels zu werden. Präsident Erdogan versucht, die politische Ordnung des Nahen Ostens zu seinen Gunsten umzuschreiben.Die Türkei verfügt über eine moderne Armee, eine hochentwickelte Rüstungsindustrie und vor allem über wachsenden politischen Einfluss von Syrien bis zum Persischen Golf. Sie ist auch kein international isolierter Staat wie Iran, sondern, und das ist entscheidend, ein unersetzlicher Partner des Westens. Genau das macht Ankara aus israelischer Sicht zu einem wesentlich komplexeren und gefährlicheren Rivalen.Erdogans Politik lässt sich nicht ausschliesslich aus einer islamistischen Ideologie heraus erklären. Die Unterstützung der Hamas, die ideologische Nähe zur Muslimbruderschaft und die kompromisslose Parteinahme für die Palästinenser gehören zwar seit Jahren zu seinem politischen Credo. Doch hinter Erdogans Vorgehen steckt auch eine strategische Logik. Er nutzt die Palästinafrage, um den Führungsanspruch der sunnitischen Türkei in der sunnitischen Welt zu begründen.Dabei verfolgt der türkische Präsident eine Strategie, die sich grundlegend von jener Irans unterscheidet. Teheran, das Zentrum der schiitischen Macht, baute seinen regionalen Einfluss in erster Linie auf schiitischen Milizen auf. Ankara setzt dagegen auf direkte staatliche Machtinstrumente: neben Militärbasen und der Rüstungsindustrie auch auf wirtschaftliche Abhängigkeiten sowie diplomatische und militärische Präsenz. Türkische Soldaten stehen in Nordzypern, im Nordirak, in Libyen, Somalia und Katar. Die türkische Drohnenindustrie gehört inzwischen zu den besten der Welt. Vor allem aber hat der Sturz des Asad-Regimes der Türkei unerwartete Möglichkeiten eröffnet.Ein Partner des Westens wird für Israel zum RivalenSyrien ist der Schlüssel zum Verständnis der neuen Rivalität zwischen der Türkei und Israel. Jahrzehntelang stand das Land vollständig unter iranischem Einfluss. Heute entwickelt sich Ankara dort zum entscheidenden Akteur, unter anderem auch, um die dortigen Kurden in Schach zu halten. Die Türkei bildet Teile der neuen Sicherheitskräfte Syriens aus, investiert in Infrastruktur und Wirtschaft und gewinnt erheblichen politischen Einfluss in Damaskus. Der neue Präsident Ahmed al-Sharaa, selbst ein Islamist, war seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 schon viermal in Ankara zu Besuch.Für Israel bedeutet das: Seine Nordgrenze könnte künftig nicht mehr von Iran, sondern von der Türkei bedroht werden, deren Interessen denen Jerusalems immer häufiger gegenüberstehen. Hinzu kommt ein zweites Problem: Die strategische Bedeutung der Türkei für den Westen ist seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gestiegen. Sie ist Mitglied der Nato, verfügt über deren zweitgrösste Armee und kontrolliert den Zugang vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer. Zugleich hat Ankara gute Beziehungen sowohl zu Moskau als auch zu Kiew.Gegenüber Iran konnte Jerusalem auf einen breiten westlichen Konsens bauen. Gegenüber der Türkei existiert ein solcher Konsens nicht, und ihn wird es auch weiterhin kaum geben, dazu ist das Land als Brückenbauer zwischen Ost und West zu wichtig, selbst wenn die Europäer mit dem autokratischen System Erdogans hadern.Dies erklärt die ungewöhnlich heftige Reaktion Netanyahus, als Donald Trump verkündete, er werde die Türkei wieder in das amerikanische F-35-Programm aufnehmen. Es geht um mehr als nur die Lieferung von Tarnkappenjets. Ja, Israel sieht seine militärische Überlegenheit im Nahen Osten infrage gestellt, aber es fürchtet noch mehr, dass Washington die Türkei als wichtigsten strategischen Partner in der Region betrachten könnte. Der F-35 ist nicht nur ein beinahe unschlagbares Kampfflugzeug. Er ist in dieser Konstellation vor allem ein politisches Symbol.Jerusalem steht vor der Frage, ob sich die amerikanische Nahostpolitik neu ausrichtet. Zurzeit scheint es zumindest so. Trumps demonstrative Nähe zu Erdogan, seine Bereitschaft, neue Rüstungslieferungen zu genehmigen, lassen Jerusalem fürchten, dass sein wichtigster Verbündeter zukünftig möglicherweise zwei konkurrierende Regionalmächte gleichzeitig unterstützen wird.Weniger ideologische denn geopolitische RivalitätIm Augenblick spricht wenig für eine unmittelbare militärische Konfrontation zwischen Israel und der Türkei. Erdogan weiss, dass ein Krieg die türkische Wirtschaft erschüttern und die Beziehungen zu den USA und Europa gefährden würde. Israel wiederum hat weder ein strategisches noch ein politisches Interesse daran, sich zusätzlich zu Iran, Hizbullah und Gaza mit einem Nato-Mitglied anzulegen.Beide Seiten verfügen über genügend Abschreckung, um einen offenen Krieg unwahrscheinlich zu machen. Und sie haben in Syrien direkte Kommunikationswege zwischen ihren Militärs eingerichtet, um Konfrontationen zu vermeiden. Das allerdings ist ein eindeutiger Beleg für die Spannungen zwischen den beiden Staaten.Gerade deshalb ist die gegenwärtige Entwicklung so bedeutsam. Der Konflikt zwischen Israel und der Türkei verläuft bis anhin anders als die jahrzehntelange Feindschaft mit Iran. Er ist (noch) kein Krieg eines theokratischen Systems, dessen Ideologie die Zerstörung des jüdischen Staates zum Ziel hat, sondern ein Kampf zweier Regionalmächte um Einfluss in einer neuen politischen Ordnung. Beide umwerben Washington. Beide haben in Syrien ihre ganz eigenen Interessen. Beide beanspruchen eine Schlüsselrolle im östlichen Mittelmeer. Und beide sehen sich als unersetzliche Ordnungsmacht in einer Region, deren bisheriges Gleichgewicht zerbrochen ist.Die eigentliche Gefahr besteht weniger darin, dass türkische und israelische Soldaten morgen gegeneinander kämpfen. Vielmehr droht die schleichende Verfestigung einer geopolitischen Rivalität, die ideologisch immer radikaler und fundamentalistischer ausgelebt werden könnte. Genau das zeichnet sich heute zwischen Ankara und Jerusalem ab. Während Iran für Israel die akute Bedrohung bleibt, entwickelt sich die Türkei zu einem neuen strategischen Langzeitgegner.Passend zum Artikel
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