In Israel fürchtet man einen Krieg mit Recep Tayyip ErdoganEin bedrohliches Dekret und der wachsende türkische Einfluss in Syrien nähren im jüdischen Staat die Angst vor einer militärischen Konfrontation. Zugleich träumt Ankara offen von der «Befreiung» Jerusalems.03.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEs waren einmal andere Zeiten: Die Türkei zählte lange zu den wenigen muslimischen Staaten, zu denen Israel ein pragmatisches Verhältnis pflegte. Heute herrschen Argwohn und offene Feindseligkeit zwischen den beiden Ländern. Das bekommt mittlerweile jeder Reisende an der israelischen Grenzkontrolle zu spüren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer mit einem türkischen Stempel von den letzten Sommerferien in Antalya oder Bodrum in Tel Aviv landete, wurde früher einfach durchgewinkt. Heute folgen lange, misstrauische Nachfragen. Warum ausgerechnet dort und wen man getroffen habe, wollen die Grenzer dann wissen.Grund für die miese Stimmung ist die Rhetorik aus Ankara, die in den vergangenen Jahren immer aggressiver geworden ist. Schon kurz nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 nannte Präsident Recep Tayyip Erdogan Israel einen «Terrorstaat». Im vergangenen Jahr wünschte er, Gott möge «Zerstörung und Elend» über das Land bringen. Anfang Juni legte er dann nach: Israel sei «eine Bedrohung für die gesamte Menschheit».In Jerusalem wird das verbale Dauerfeuer mit Sorge registriert. «Kaum ein Tag vergeht, an dem Erdogan nicht die Zerstörung des Staats Israel fordert», sagte Ministerpräsident Benjamin Netanyahu vergangene Woche während einer Kabinettssitzung. Man nehme die Worte sehr ernst, fügte der Regierungschef hinzu.Auch im öffentlichen Diskurs sorgt die türkische Rhetorik für Verunsicherung. So sehr, dass die israelische Zeitung «Yedioth Ahronoth» in einer Schlagzeile jüngst offen fragte, ob sich Erdogan auf einen Krieg vorbereite.Neues Mobilisierungsdekret für die TürkeiUnd nicht nur in Israel glaubt man, dass Erdogans Tiraden mehr sind als nur Worte. Der türkische Exiljournalist Abdullah Bozkurt berichtet seit Jahren über Erdogans Machtapparat, und auch er sieht «wachsende Hinweise» darauf, dass sich die Türkei auf eine militärische Konfrontation vorbereitet. Als stärkstes Indiz nennt Bozkurt eine neue Mobilisierungsverordnung. Erdogan hat sie im Mai 2024 per Präsidialdekret erlassen, sie ersetzt die alte Regelung aus dem Jahr 1990.So kann der Staat schon in vage definierten «Spannungslagen» auf Kriegsbetrieb umgestellt werden. Eine formelle Kriegserklärung ist nicht mehr nötig. Behörden, Unternehmen und Privatpersonen müssen dann Personal, Fahrzeuge oder Produktionskapazitäten für militärische Zwecke bereitstellen. Anders als bisher kann Erdogan die Mobilisierung im Alleingang anordnen, das Parlament muss erst im Nachhinein zustimmen.Bozkurt verweist zudem auf eine Reihe konkreter Massnahmen. Dazu zählt er den Ausbau der Raketen- und Drohnenprogramme. Auch neue Vorschriften für Schutzräume in Gebäuden gehören dazu, ebenso Investitionen in zusätzliche Treibstoff- und Transportkapazitäten. Ministerien und Regionalbehörden müssen zudem detaillierte Mobilisierungspläne erstellen und regelmässig Übungen durchführen.Es wäre dabei nicht der erste Versuch Erdogans, gegen Israel vorzugehen. 2010 erstürmten israelische Soldaten das Schiff «Mavi Marmara», mit dem die Gaza-Blockade durchbrochen werden sollte. Dabei starben mehrere türkische Aktivisten. Erdogan habe danach einen militärischen Schlag gegen Israel erwogen, schreibt Bozkurt. Hochrangige Generäle hätten ihn aber gestoppt.Daraus habe Erdogan seine Lehren gezogen. Nach dem gescheiterten Putschversuch von 2016 liess er Tausende von Offizieren entlassen. Betroffen war vor allem die Nato-treue Führungsriege der Armee. Genau jene Kräfte, die ihn 2010 noch hatten bremsen können, verloren damit an Einfluss.Erdogan will regionalen Einfluss ausbauenWas aber treibt Erdogan an? Die Türkei-Expertin Asli Aydintasbas von der amerikanischen Denkfabrik Brookings Institution glaubt: Anders als in vielen aussenpolitischen Fragen handle Erdogan hier nicht aus reinem Kalkül. Zwar gelte er als Pragmatiker, der je nach Interessenlage zwischen dem Westen, Russland und den Staaten des Nahen Ostens ausbalanciere.Die Palästina-Frage aber nehme in seinem Weltbild eine Sonderstellung ein. Sie sei für Erdogan zutiefst persönlich und ideologisch aufgeladen, so Aydintasbas. Israel erscheine der türkischen Führung zunehmend als Hindernis für Ankaras Anspruch, den eigenen Einfluss im Nahen Osten auszubauen.Dieses neoosmanische Denken ist tief in Erdogans Regierung verankert. Anfang Juni sagte Innenminister Mustafa Ciftci bei einer Veranstaltung der regierenden AKP, die Türkei werde eines Tages Jerusalem «befreien». «So wie einst werden diese Gebiete wieder die unseren sein», sagte Ciftci. Und weiter: «So Gott will, werden sie wieder unter unserer Herrschaft stehen.» Die Aussagen knüpfen an die osmanische Vergangenheit an. Jahrhundertelang gehörte Jerusalem zum Osmanischen Reich.Auf Konfrontationskurs: der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.Mehmet Ali Ozcan / ImagoEine Hotline soll Zwischenfälle verhindernBesonders sichtbar wird Erdogans Machtanspruch auch in Syrien. «Die Türkei ist dort heute ein sehr einflussreicher Akteur», sagt die israelische Türkei-Expertin Gallia Lindenstrauss. Lange habe sich Ankara vor allem auf den Norden des Landes und auf den Kampf gegen kurdische Milizen konzentriert. Inzwischen aber beansprucht die Türkei Einfluss auf das ganze Land. Allein seit seinem Amtsantritt traf sich Präsident Ahmed al-Sharaa viermal mit Erdogan.Für Israel wird das zu einem Problem. Denn die israelische Luftwaffe operiert regelmässig im syrischen Luftraum, um die seit 2024 bestehende Pufferzone abzusichern und gegen Terroristen vorzugehen. Je stärker die Türkei dort militärisch und politisch präsent ist, desto grösser wird das Risiko eines Zwischenfalls.Um genau das zu verhindern, haben Israel und die Türkei einen direkten militärischen Kommunikationskanal eingerichtet. «Ähnlich wie früher mit Russland gibt es eine Hotline zwischen Jerusalem und Ankara, um Kollisionen im syrischen Luftraum zu verhindern», sagt Lindenstrauss. «Sie hat sich als nützlich erwiesen. Aber die Tatsache, dass wir eine solche Hotline brauchen, ist beunruhigend.»In Israel fürchten deshalb mittlerweile viele, dass nach Iran nun die Türkei zur grössten Bedrohung werden könnte. Lindenstrauss hält solche Vergleiche zwar für verfrüht. Anders als Iran sei die Türkei Nato-Mitglied und eng mit den USA verflochten. «Es gibt viele Akteure, die alles daransetzen würden, eine militärische Eskalation zwischen Israel und der Türkei zu verhindern», sagt sie.Doch ausschliessen will auch sie eine Eskalation nicht. Die Türkei sei heute zugleich Stabilitätsfaktor und revisionistische Macht im Nahen Osten. «Welche dieser beiden Tendenzen am Ende dominieren wird, lässt sich nicht sagen», sagt Lindenstrauss. Erdogan dürfte Jerusalem deshalb noch manche schlaflose Nacht bereiten.Passend zum Artikel
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