Die Mystik der Schweizer Schlachten: Die Eidgenossen galten als besonders brutal und todesmutigRegelmässig richteten die Kämpfer blutige Massaker an. Dies hatte auch mit einer aus heutiger Sicht befremdlichen Spiritualität zu tun.Pirmin Meier27.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenHauptmann Hans Waldmann führt das Zürcher Kontingent der Eidgenossen an: Ausschnitt aus dem Gemälde «Schlacht bei Murten» von Louis Braun, 1893/94. Waldmann wurde später Stadtpräsident von Zürich.EPFLDie Burgunderkriege haben den Eidgenossen europaweit den Ruf barbarischer Schläger eingetragen. Über das Schlachtgeschehen hinaus entwickelten die Schweizer eine Art Kriegermystik , was sich auch in Zeugenberichten zur Schlacht von Murten zeigt. In einem Feldbrief von Zürichs Vorhut-Hauptmann Hans Waldmann hiess es: «Der Ewig gott und sin würdige mutter und alle Himmelsheere, die geben üch glük zu üwerem uszug und behütend uns mit grossen Eren und Fröiden. Amen.» (Der ewige Gott und seine würdige Mutter und alle Heerscharen des Himmels mögen euch Glück zu eurem Feldzug geben und uns mit grosser Ehre und Freude beschützen. Amen.)Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Bezug auf die Muttergottes im Zusammenhang mit Krieg war damals gängig, so auch im Schlachteid. Bei diesem wurde die Schändung von Frauen untersagt sowie Schonung von Heiligtümern gelobt.Entzweigeschossene KämpferDie Schlacht von Murten fand am 22. Juni 1476 zwischen Truppen der Eidgenossenschaft und dem burgundischen Herzog Karl dem Kühnen statt. Vier Monate zuvor hatten die Burgunder in der Schlacht bei Grandson 500 Eidgenossen erhängt und ersäuft, die Eidgenossenschaft wiederum hat getreu ihrem Motto «Keine Gefangenen!» wohl noch mehr Burgunder totgeschlagen. Ein Massaker, das heute wohl als Kriegsverbrechen bezeichnet würde. Entsprechend aufgeladen war die Stimmung.Das Zürcher Kontingent, bestehend aus rund 1600 Kämpfern, war erst in der Nacht zuvor bei strömendem Regen von Bern aus in Richtung Murten aufgebrochen. Man trank gesegneten Johanniswein, was ebenso ein Ritual war wie das Schlachtgebet «mit zertanen Armen».Zürichs Vorhut-Hauptmann Hans Waldmann bemerkte in einem seiner Feldbriefe, dass es unter seinen Mannen solche gebe, «die noch nie Tote gesehen» hätten, was ihn offenbar mit Besorgnis erfüllte. Zu Recht, wie sich zeigen sollte.Trotz spätem Eintreffen wollten die Zürcher gemäss ihrem Chronisten Edlibach ihren Anteil am grössten Triumph der Schweizer Kriegsgeschichte errungen haben. «Tote sehen» hiess, auch eigenen Leuten und verbündeten Kavalleristen beim qualvollen Sterben zuschauen zu müssen: «Mancher christliche Mann», schreibt der Chronist Etterlin, «sah etliche Reiter mitten entzwei geschossen». Trotzdem wurden die burgundischen Artilleriestellungen «im Sturmlauf genommen und deren Mannschaft gehauen und erstochen».Die eidgenössischen Truppen (links unter den Fahnen von Bern, Freiburg, Thun und Schwyz) beten vor der Schlacht bei Grandson am 2. März 1476. Rechts die burgundische Reiterei im Ansturm. Amtliche Berner Chronik, Bd. 3, S. 644,PDSpiritualität von ElitenDie Glarner, ihrem Wappenheiligen Fridolin zuliebe auf anständige Kriegsführung verschworen, betonten, dass sie beim todesmutigen Drauflosrennen auf die damals ultramodernen Geschütze Karls des Kühnen «männlich, ritterlich und ehrlich» angegriffen hätten. In diesem Geiste liessen sich Zürcher Hauptleute wie der 41-jährige Oberhaudegen Hans Waldmann und der 23-jährige Marx Röist im Anschluss an die Schlacht als Kriegshelden zu Rittern schlagen. Beide brachten es zu Bürgermeistern ihrer Stadt.Dass christliche Frömmigkeit bei mittelalterlicher Kriegsführung zur mentalen Grundausstattung gehörte, erst recht bei den Burgundern und Savoyern, ist nicht schon als «Kriegermystik» zu bezeichnen. Es war die Ideologie des Zeitalters.Was wir heute «Mystik» nennen, war, wie selbst beim Kaufmannssohn Franz aus Assisi nachweisbar, eine durch Seelsorge vertiefte Spiritualität von Eliten. Dies lässt sich beim nachmaligen Zürcher Bürgermeister der Reformationszeit, Marx Röist, bestätigen. Dass er einer der ersten Kommandanten der päpstlichen Schweizergarde wurde, setzte Lesen und Schreiben sowie Lateinkenntnisse voraus. Nach glaubwürdigen Indizien war er im Schicksalsjahr 1476 (!) im Besitz der damals populärsten und am weitesten verbreiteten mystischen Handschrift, vielleicht von seinem Vater erworben. Einiges spricht dafür, dass er diese Handschrift, «Extendit manum», wohl eigenhändig abgeschrieben hat.Es handelt sich um einen Text, der ausschliesslich und zum Teil naturalistisch die blutigen Misshandlungen und Qualen Jesu Christi in der Passion darstellt, ähnlich den brutalen Darstellungen in der mittelalterlichen Kunst: «Sie knieten vor ihm, schlugen auf sein Haupt mit harten Hölzern, dass das Blut vom Haupte rann (. . .), verbanden seine Augen mit einem stinkenden Tuche, schlugen ihn unter die Augen, an die Wangen, an den Hals. Sie liessen ihn raten, wer ihn geschlagen habe.» Geschildert wird der Leib Christi im Zustand seiner Schändung, bis hin zum toten Jesus, wie derselbe mit einem starken Speer durchbohrt wird, bis Blut und Wasser herausfliessen. So wird man sich auch manche Schlachtopfer der Burgunderkriege vorgestellt haben.Kriegsheld, Kommandant der päpstlichen Schweizergarde, Befehlshaber der Eidgenossen bei der Schlacht von Marignano und Bürgermeister von Zürich: Marx Röist (1454–1524) auf einem Bildnis von Johann Caspar Füssli, um 1800.ZB ZürichFrommer KriegerDer Schweizer Mittelalterhistoriker Kurt Ruh kommentiert in seiner «Anmerkung 42» vorsichtig: «Marx Röist kennen wir vor allem als tüchtigen Militär. (. . .) Er war auch im Schwabenkrieg dabei und hatte in Marignano 1515 den Oberbefehl über einen eidgenössischen Zug. (. . .) Aber schwer fällt es zu glauben, dass der junge Marx Röist im hochpolitischen Jahr 1476 sich hätte Zeit und Musse nehmen können, ein ganzes Erbauungsbuch zu kopieren. Da das Datum von der Hand des Schreibers selbst ist, so ist daran nicht zu rütteln.» Ruh schliesst nicht aus, dass Vater Heinrich der Abschreiber ist.Dass ein des Schreibens mächtiger frommer Krieger sich für diesen Passionstext interessieren konnte, jenseits eigener Aufzeichnungen, darf als wahrscheinlich eingeschätzt werden, so wie «Betrachtung» – eine Form des nachdenklichen, oft betenden Verweilens bei einem religiösen oder geistlichen Thema – zu Lebzeiten von Bruder Klaus eine verbreitete spirituelle Praxis war. Diesem wie keinem zweiten lebenden Schweizer fühlte sich damals zum Beispiel der Murten-Verteidiger Adrian von Bubenberg nahe. Er hatte den Eremiten 1469 bei der umstrittenen bischöflichen Anerkennung von dessen Einsiedelei unterstützt.Im reichen Corpus militärischer Nachrichten um die Schlacht bei Murten finden sich gelegentlich fast stossgebetartige Hinweise auf die Passion Christi, analog zu mehr üblichen Beschwörungen von Heiligen und der Muttergottes.Der Eremit und Friedensstifter Niklaus von Flüe, Bildnis von 1492.PDZwingli und Bruder KlausBevor Niklaus von Flüe 1467 seine Ämter «voller Ekel» preisgab und sich als Einsiedler in den Ranft zurückzog, war er unter anderem als Hauptmann an den Feldzügen der Eidgenossen im Alten Zürichkrieg involviert. Wie Zürichs Reformator Huldrych Zwingli war er auch ein der Fähigkeit zum Nichtmitmachen verpflichteter Kriegsmann. Er erlebte mit dem Massaker von Greifensee sogar Grausameres als Waldmann und Röist bei Murten. Seine Mahnung zu «Milde», wie ein Mithauptmann bestätigt, soll zur Enthauptung statt Verbrennung der Besatzung von Greifensee beigetragen haben.Zwingli scheint zusammen mit Freiburgs Bürgermeister Falck 1512 die Plünderung der von den Eidgenossen für den Papst befreiten Stadt Pavia verhindert zu haben. Er kannte als Feldprediger wie Hauptmann von Flüe das eidgenössische Kriegsrecht. Aber ein Mystiker war er nicht, dafür der bedeutendste Muttergottesprediger in der Geschichte Einsiedelns.Als rätselvoller und letztlich umstrittener Eremit und Friedensstifter gab Niklaus von Flüe trotzdem ein Standardbeispiel ab für einen Mystiker und Krieger. Ein Jüngling aus Burgdorf, aus heutiger Sicht ein Adept der Mystik, wollte von Bruder Klaus unbedingt wissen, «wie eine Betrachtung schmecke». Die authentische Antwort des Eremiten: «Dann Gott weiss es zu machen, dass einem Menschen eine Betrachtung so schmeckt, als ob er zum Tanz gehe, und umgekehrt lässt er ihn eine Betrachtung so empfinden, als ob er in der Schlacht zu kämpfen habe.» Der Adept, überrascht von dieser Antwort, zitiert in seiner lateinischen Aufzeichnung Bruder Klaus «teutsch»: «Ja, als solt er an ain dantz gon.»Für Derwische war der Tanz eine Form des Jihad. Die bei Bruder Klaus vorliegende Andeutung ekstatischer Zustände spielte wohl auch in den Schlachten eine Rolle. Dass die eidgenössischen Kämpfer kaum Todesfurcht kannten, wurde von damaligen Humanisten (von Einsiedelns Bonstetten bis Thomas Morus) als erschreckend wahrgenommen.In der «Mystik» von Bruder Klaus wird nun aber der Friede letztlich wichtiger als der Krieg. Dass er den Sieg bei Murten herbeigebetet haben soll, ist eine vielfach gemachte nachträgliche Unterstellung. Jützi Schultheiss, eine Zürcher Ekstatikerin aus dem Tösser Nonnenbuch, weigerte sich, bei der Schlacht bei Winterthur einen Sieg ihrer Landsleute vor ihrem Heiland zu erbeten. Hans Waldmann, Marx Röist und Niklaus von Flüe lebten aber noch im Jahrhundert des «ekstatischen Hirtenkindes im Ritterpanzer», wie der Literaturwissenschafter Walter Muschg Jeanne d’Arc charakterisierte. Ebenfalls ein Beispiel für eine gleichzeitig faszinierende wie durchaus fragwürdige «Kriegermystik», ein Phänomen vieler Religionen und Bekenntnisse.Literatur- und Quellenhinweise:- Heinrich von St. Gallen, Passionstraktat: Zürich, Zentralbibliothek, MS C 126; St. Gallen, Stiftsbibliothek; Codex 976 u. 1005.- Kurt Ruh: Der Passionstraktat Heinrichs von St. Gallen. Thayngen 1940 (mit Edition).- Walter Muschg: Die Mystik in der Schweiz, Frauenfeld u. Leipzig 1935.- Gottfried Friedrich Ochsenbein: Die Urkunden der Belagerung und Schlacht von Murten. Freiburg 1876.