«Faszination des Bösen»: Das grösste Militärmuseum der Schweiz wächst weiter – weil sich alle wieder für die Landesverteidigung interessierenSeit Russland die Ukraine angegriffen hat, erlebt das Militärmuseum Full-Reuenthal einen regelrechten Ansturm und eröffnet bald eine neue Halle. Warum faszinieren Kriege die Menschen? Ein Rundgang mit dem Vereinspräsidenten.25.07.2026, 06.29 Uhr6 LeseminutenZehn Jahre lang gab es eine Rekrutenschule für Armeetaucher. Heute ist ihre Ausrüstung in Full-Reuenthal ausgestellt.NZZRot-weiss karierte Tischtücher, an der Wand das Konterfei von General Henri Guisan, umrahmt von Dokumenten aus beiden Weltkriegen. «Heimelig» nennt das Thomas Hug, der Präsident des Militär- und Festungsmuseums Full-Reuenthal im Aargau, als er über die «Soldatenstube» spricht. Die Stube soll den Geist von Gilberte de Courgenay heraufbeschwören, der Ikone der geistigen Landesverteidigung. Der gleichnamige Schweizer Film, erschienen 1941, machte sie unsterblich. Die Wirtstochter aus dem Jura linderte das Heimweh der an der Grenze stationierten Deutschschweizer Soldaten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit mehr als drei Jahrzehnten ist es Hug, der zusammen mit Dutzenden ehrenamtlichen Helfern fein säuberlich bewahrt, was die Soldaten damals im Einsatz hatten: Waffen, Panzer, Ausrüstung. Und so zumindest eine Vorstellung ermöglicht, wie es damals war in der Schweiz, umgeben von Krieg.Der Präsident Thomas HugNZZHug ist ein leidenschaftlicher Sammler militärischer Artefakte, «seit Geburt» – oder, vielleicht etwas realistischer, spätestens seit er als Sechsjähriger im Keller seiner Grossmutter einen Säbel entdeckte. Seinen Armeedienst startete er in den siebziger Jahren bei den Panzertruppen. Das Militär sei damals «en vogue» gewesen, und Hugs Keller füllte sich rasch mit Relikten aus beiden Weltkriegen.Die Sammlerszene war überschaubar: Wer die Sache ernst nahm, war den anderen kein Unbekannter. Anfang der achtziger Jahre schlossen sich drei der grössten Schweizer Sammler von Militärmaterial zusammen, räumten ihre Keller und wollten ein gemeinsames Museum aufbauen. «Einer davon war ich.»Als Inspiration diente ihnen Frankreich: Dort öffneten damals die ersten Anlagen der legendären Maginot-Linie für Zivilisten – jener gigantischen Abwehrkette aus Bunkern, Artilleriewerken und unterirdischen Festungen entlang der Grenzen. Für das Trio lag auf der Hand: Das sollte es auch in der Schweiz geben. Die Sammler kontaktierten das Militärdepartement. 1989 wurde Reuenthal, die Aargauer Festung, als Museum eröffnet.1989 eröffnet: das Festungsmuseum Reuenthal.PDDas Publikumsinteresse habe alle Erwartungen übertroffen, erinnert sich Hug. Schweizweit gab es damals erst zwei vergleichbare Museen, und noch ein halbes Jahr vor der Eröffnung unterlag die Anlage strengster Geheimhaltung. Doch das war erst der Anfang. Jahr für Jahr sicherte sich der Verein weitere historische Objekte. Heute zählen rund hundert Bauten zum Museum: Befestigungswerke, Logistikanlagen, sogar das Zeughaus eines Grenzfüsilierbataillons. Der Grund für diesen Zuwachs: Im vermeintlich ewigen Frieden wollte der Bund kein Geld mehr in alte Bunkeranlagen investieren. Für die Sammler erwies sich das als Glücksfall. Hug blickt dennoch kritisch auf die Abrüstungsjahre zurück: «Die Armee hat in den letzten Jahrzehnten zu viel verscherbelt. Es ist gut, dass dieser Ausverkauf nun geendet hat.» Zu den Anlagen kamen schliesslich drei grosse Hallen in der Gemeinde Full-Reuenthal hinzu – mit über 12 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Damit ist es das grösste Militärmuseum der Schweiz geworden und längst über die drei Sammlungen seiner Gründer hinausgewachsen.Als die Schweiz sich wehrhaft zeigteFührt Hug durch die Ausstellung, geht er an kaum einem Exponat wortlos vorbei. Er kennt jedes Stück und dessen Geschichte. «Deutsche schwere Feldhaubitze Krupp, 1913»: Die Schweizer Armee beschaffte das Geschütz im Ersten Weltkrieg für ihre Artillerie. Das habe die Franzosen misstrauisch gemacht. «Die Presse drüben schrieb, die Schweiz trete bald auf der Seite Deutschlands in den Krieg ein – sonst hätten die Eidgenossen kaum die modernsten Feldhaubitzen erhalten.» Schon damals pflegte die heimische Armee ihr Rüstungsmaterial zu «helvetisieren» – mindestens ein Schweizerkreuz gehörte auf das Geschützrohr. «Heute hat die Armee immerhin erkannt, dass sie von diesem Sonderweg wegkommen muss.»Hug geht weiter, bleibt bei imposanten Flugabwehrkanonen stehen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kauften verschiedene Städte diese eigenständig bei der Zürcher Waffenfabrik Oerlikon-Bührle – und bildeten Zivilisten daran aus. Es sei eine andere Zeit gewesen, die wehrhafte Schweiz habe hoch im Kurs gestanden, so Hug. Zudem sei klar gewesen: Die Armee könne nicht jede Stadt schützen.Flugabwehrrakete «Bloodhound» BL-64 der Schweizer Armee, die an der Landesausstellung Expo 64 in Lausanne gezeigt wurde.In den 1980er Jahren entwickelt: der sowjetische Kampfpanzer T-55 AM2.Bilder NZZDiese Erzählung zeigt, wie sich Geschichte oft zu wiederholen scheint. Derzeit kann die Armee nur ein Drittel ihrer Soldaten für den Ernstfall vollständig ausrüsten, gegen Angriffe aus der Luft wäre das Land weitgehend schutzlos. «Es ist beschämend», sagt Hug. Die Schweiz verharre einmal mehr im Tiefschlaf angesichts eines drohenden Krieges. «Wir hatten stets Glück. Aber ob wir uns weiter darauf verlassen können?» Hug lässt die Frage im Raum stehen.Lieber wendet er sich den Armeetauchern zu. Ihre Geburt verdanke die Truppe einem Experiment: Der Schweizer Panzer 68 sollte tauchfähig werden. Zehn Jahre lang existierte dafür sogar eine eigene Rekrutenschule im aargauischen Brugg. Zum Unterwasserfahrzeug taugte der Panzer am Ende nie. Die Armee löste die Schule auf und lagerte die Ausrüstung ein. Als die Armee das Material entsorgen wollte, rettete es ein umsichtiger Berufsunteroffizier. «Darum steht es heute bei uns», sagt Hug. Und schmunzelt.Seine Anekdoten sind skurril, oft würzt er sie mit Schalk. Doch er weiss genau, dass seine Exponate von den dunkelsten Kapiteln der Geschichte zeugen. «In Deutschland hätte ein solches Museum wohl ein ‹Gschmäckle›.» Das zeigt sich auch beim Umgang mit ausgemustertem Gerät: In Deutschland muss Militärgerät von Gesetzes wegen konsequent «demilitarisiert» werden. Man brennt Löcher in Panzerungen, schweisst Kanonenrohre zu und baut Motoren aus. Für Museen verkommen die Stücke so zu entwerteten Hüllen. Hug schüttelt den Kopf. Solche Bruchstücke wolle man hier nicht: «Dann nehmen wir lieber gar nichts.»Die Schweiz ist pragmatischer. «Natürlich braucht es behördliche Bewilligungen», sagt Hug, ein offizielles Museum wie das seine erhalte diese jedoch in der Regel. Zudem unterscheide sich die Schweizer Ausgangslage grundlegend von der deutschen: Die Eidgenossen haben im vergangenen Jahrhundert keine Angriffskriege geführt, wurden von den Weltkriegen verschont. Deshalb betreibe der Verein das Militärmuseum «mit gutem Gewissen», sagt Hug.«Krieg gehört ins Museum», sagt Thomas Hug, Gründungsmitglied und Präsident des grössten Militärmuseums der Schweiz.NZZEr spürt auch ein aufrichtiges sowie markant grösseres Interesse an der Armee, seit Russland die Ukraine 2022 angegriffen hat. Turnvereine oder Kochklubs wollten nun auf einmal jene Panzer aus der Nähe sehen, die auch auf den Schlachtfeldern der Neuzeit im Einsatz stünden. Er zeigt auf ein über vierzig Tonnen schweres Ungetüm: «Das ist ein sowjetischer Kampfpanzer des Typs T-72, den sehen Sie im gegenwärtigen Krieg.»Auch «spürbar» mehr Jugendliche kämen, die in Friedenszeiten eher weniger Interesse an Militaristik und Landesverteidigung signalisiert hätten. Dieses Interesse will das Museum konservieren. Im kommenden Frühling wird eine neu gebaute Halle mit Exponaten des Zweiten Weltkriegs eröffnet. Bis dann wird im gesamten Museum auch ein neues, professionelles Ausstellungs- und Vermittlungskonzept umgesetzt. Unter dem Titel «Bedrohte Schweiz, wehrhafte Schweiz» richtet sich dieses gezielt an Schulklassen.Besucherrekord 2025Die museale Aufrüstung kostet viel Geld: rund 9 Millionen Franken. Wegen des russischen Angriffskrieges spürt Hug ein Umdenken bei Geldgebern: Öffentliche Stellen und Kantone stuften die Bewahrung von Militärgeschichte und Militärtechnik plötzlich wieder als «förderungswürdiger» ein, dementsprechend sei auch die Finanzierung leichter gewesen.Die Schweiz rüstet auf, zumindest im Bewusstsein. Das vergangene Jahr brachte dem Museum einen Besucherrekord: Rund 15 000 Menschen strömten nach Full-Reuenthal.Am ersten Septemberwochenende findet das traditionelle «Panzerweekend» auf dem Museumsgelände statt.PDWarum Panzer und Waffen auf Menschen eine solche Anziehungskraft ausüben, vermag selbst Hug nicht schlüssig zu erklären. Er spricht bei gewissen Exponaten von der «Faszination des Bösen». Als ehemaliger Staatsanwalt kennt er die Abgründe der menschlichen Natur nicht nur aus der Militärgeschichte. Und auch Hug kann sich dieser Leidenschaft nicht entziehen. Er ist, natürlich, Sammler geblieben. Eine seiner neuesten Errungenschaften steht in der Restaurierungswerkstatt: ein amerikanischer Panzer aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, der einst auch durch die Wüsten Nordafrikas rollte. «Da steckt ein Flugzeugmotor drin – dieser kleine Kerl klingt von allen Panzern hier am eindrücklichsten», schwärmt Hug. Doch nun müssten die Mechaniker den Vergaser revidieren, damit er wieder laufe wie früher. Alles muss stimmen.Was das Ausstellungsstück gekostet hat, will er nicht sagen. Dem Museum überlässt er seine Objekte ohnehin als unbefristete Leihgabe. Seine Frau «schätzt es sehr», dass der heimische Keller nicht mehr von seiner Leidenschaft zeuge. Hug findet, dass das so passt. Denn bei allem Engagement denke auch er: «Krieg gehört ins Museum – auch wenn das leider nicht die Realität ist.»Passend zum Artikel
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