Alles aus zweiter Hand: Die Schweiz investiert Milliarden in die Armee, ohne vom ukrainischen Fachwissen zu profitierenWährend andere europäische Staaten direkt von den Erfahrungen der angegriffenen Nation lernen, zeigen interne Dokumente, dass Bund und Armee auf den Goodwill von Drittstaaten angewiesen sind.01.08.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenEine neue Art, Krieg zu führen: Auf dem Waffenplatz Walenstadt üben Soldaten den Einsatz von Drohnen.Dominic Nahr / NZZOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Ukraine treiben die allgegenwärtigen Kampfdrohnen die Soldaten in den Untergrund, in metertiefe Gräben und Bunker. «Kill Zones» heissen die Abschnitte an der Front, in denen jede Bewegung lebensgefährlich ist. Zugleich greift die Ukraine mit unbemannten Fluggeräten und Marschflugkörpern über riesige Distanzen russische Raffinerien an, während Russland aus der Luft ukrainische Zivilisten in den Städten tötet.Das ist nicht der Krieg, den die meisten Armeen noch vor wenigen Jahren übten. Der rasche Aufschwung der Drohnentechnologie, befeuert durch die Quantensprünge der künstlichen Intelligenz, zwingt zum Umdenken beim Training von Soldaten und der Entwicklung von Waffen. Nach Jahren der Kürzungen steigen die Ausgaben für die Verteidigung auch in Westeuropa rasant. Die Rüstungsindustrie kann gar nicht so viel produzieren, wie bestellt wird, die Preise steigen und steigen.Die Schweizer Armee versucht in dieser Situation irgendwie Schritt zu halten. Das gelingt mehr schlecht als recht. Wichtige Beschaffungen verzögern sich, und bis heute findet kein direkter Austausch über militärische Belange mit der Ukraine statt. Anders als manche europäischen Staaten plant die Armee auch keine Schulungen durch ukrainische Ausbildner.Rechtlich wäre dies durchaus möglich, wie das Verteidigungsdepartement (VBS) auf Anfrage bestätigt: «Das Neutralitätsrecht liesse solche Austausche zu, solange diese keine Begünstigung einer kriegführenden Partei bedingen würden.» Zwar kommt keine verteidigungspolitische Debatte im Parlament ohne Verweis auf die Ukraine aus, doch erfahren die zuständigen Stellen beim Bund nicht aus erster Hand, was dort auf dem Schlachtfeld genau passiert.Das VBS stellt sich auf den Standpunkt, dass man «auch ohne unmittelbaren Austausch zu militärischen Belangen» Erkenntnisse aus dem Krieg in der Ukraine gewinnen könne, und verweist dabei auf die Arbeit des Nachrichtendienstes der Armee. «Zudem tragen internationale Kooperationen mit ausländischen Streitkräften und internationalen Organisationen dazu bei, die Verteidigungsfähigkeit der Schweizer Armee zu stärken.»Drittstaaten helfen ausFakt aber ist: Es fehlt ein direkter Blick auf den Krieg, der die Neuausrichtung der Armee und die milliardenschweren Beschaffungen von Rüstungsmaterial erzwingt. Recherchen zeigen, was das konkret bedeutet. Im Mai machte Armeechef Benedikt Roos hinter den verschlossenen Türen der Sicherheitspolitischen Kommission deutlich, dass Armee und Verteidigungsdepartement letztlich auf den guten Willen anderer Länder angewiesen sind. Das zeigen interne Dokumente, welche die «NZZ am Sonntag» einsehen konnte. So habe die Nato zwar Strukturen geschaffen, um die Kriegserfahrung der Ukrainer auszuwerten, so Roos. Doch als Nichtmitglied habe die Schweiz keinen Zugang. Bleibt nur der Umweg über Vermittler. Der Armeechef sagte in der Kommission, dass sich der Bund deshalb mit den Nato-Mitgliedern Dänemark und Polen austausche. Erst kürzlich sei ein hoher polnischer Offizier für Gespräche angereist. Roos lobte diese Kooperation explizit.Ideal ist dieser Zustand aber nicht, das weiss man auch in der Armee, die in der wichtigsten Umbruchphase seit Ende des Kalten Krieges auf Wissen aus zweiter Hand angewiesen ist.Deutschland geht einen anderen Weg und setzt gerade im Bereich der Drohnen stark auf ukrainische Ausbilder. Christian Freuding, Generalleutnant der Bundeswehr und Inspektor des Heeres, bezeichnete diese Erfahrung jüngst gegenüber der «Financial Times» als «extrem wertvoll». Viele Aspekte hätte man ohne die ukrainische Unterstützung nicht gleichermassen verstanden, so Freuding. Er ist überzeugt davon, dass die Lektionen aus dem Krieg in der Ukraine die Organisation und Bewaffnung der europäischen Streitkräfte beeinflussen müssten. Denn nicht nur der Westen schaut auf diesen Krieg. Recherchen internationaler Medien haben aufgezeigt, wie begierig China die Erfahrungen der russischen Armee für seine Streitkräfte nutzen will.Live-Aufnahme einer Drohne während eines Tests der Schweizer Armee.Dominic Nahr / NZZFür die SP-Sicherheitspolitikerin Franziska Roth agiert das VBS in diesem Umfeld zu zögerlich. «Was allen klar ist: Wir müssen von der Ukraine lernen. Das tun wir aber noch viel zu wenig», sagt die Ständerätin. Wenn das VBS die rechtlichen Grundlagen abgeklärt habe und die Ausbildung von Schweizer Soldaten durch Ukrainer möglich sei, habe sie gar kein Verständnis dafür, dass dies nicht längst geschehe. «Denn seien wir ehrlich, bei der Modernisierung der Armee sind wir nirgends», so Roth.Grenzen der NeutralitätÜber die Gründe, warum das VBS auf Ausbilder aus der Ukraine und einen Austausch mit dem Land verzichtet, schweigt sich das Departement aus. Sicher ist, dass jene westlichen Staaten, die Kiew direkt mit Waffen und Munition unterstützten, höhere Priorität geniessen als die neutrale Eidgenossenschaft, die der angegriffenen Nation niemals Rüstungsgüter schicken wird.Aber es dürfte auch ein innenpolitisches Kalkül mitschwingen. Bei aller Kritik besteht kein Zweifel daran, dass Verteidigungsminister Martin Pfister die Armee umkrempeln und auf die gegenwärtigen Konflikte ausrichten will. Händeringend versucht sein Departement, Flugabwehrraketen zu beschaffen. Auch soll die Armee ein eigenes Drohnenbataillon erhalten – allerdings wohl erst 2028. Aber alles, was Pfister plant, kostet. Ob die Armee die nötigen Mittel bekommt, wird letztlich an der Urne entschieden. Eine Mehrheit dafür ist derzeit nicht in Sicht, allen bürgerlichen Bekenntnissen zur Armee zum Trotz.Es ist schwer vorstellbar, dass die zusätzlichen Milliarden gegen den Willen der SVP fliessen werden. Und so darf Pfister diese Partei, deren Neutralitätsinitiative im September vors Volk kommt, nicht komplett vor den Kopf stossen. Das setzt dem Bundesrat im Umgang mit der Ukraine Grenzen. Ukrainische Ausbilder in der Schweiz oder gar Schweizer Soldaten in der Ukraine könnten sich in einer neutralitätspolitischen Grundsatzdebatte kontraproduktiv auswirken.Die Milizarmee arbeitet mit dem Material, das eben da ist. SP-Ständerätin Franziska Roth kritisiert: «Bei der Modernisierung der Armee sind wir nirgends.»Dominic Nahr / NZZWährend die VBS-Spitze derzeit nicht weiss, ob das Geld bald fliesst, und sich ein Bild vom Krieg macht mit den Informationen, die ihr Dritte zuhalten, arbeitet die Milizarmee Tag für Tag mit dem, was eben da ist.Erich Muff ist Oberstleutnant im Generalstab und kommandierte bis vor kurzem das Panzerbataillon 13. Die Armee sei bereit für die nötige Transformation, könne diese aber wegen fehlendem Budget nicht umsetzen, sagt er. Es brauche zwingend rasch verfügbare Sonderkredite in Milliardenhöhe. Und zwar noch in diesem Jahr, fordert der Präsident der Offiziersgesellschaft Panzer. Politisch ist das kaum realistisch. Umso dringlicher fällt Muffs Appell aus: «Wie wollen Sie zum Beispiel effektiv die Abwehr von Drohnen üben, wenn die nötige Ausrüstung, Waffen und Munition dazu noch nicht einmal beschafft worden sind?»Der Offizier beschreibt, wie bereits heute viel Neues ausprobiert werde, zum Beispiel der Einsatz von Kampfdrohnen. Oder dass in manchen Wiederholungskursen Drahtkäfige und Schutznetze gebaut würden, um Fahrzeuge und Einrichtungen vor Drohnenangriffen zu schützen. Selbst die Informationsbeschaffung nehmen manche Offiziere in die eigene Hand. «Ich persönlich habe ein gewisses Kontaktnetz in Osteuropa», sagt Muff dazu. «Das trifft auf etliche andere Offiziere zu. Da bestehen sehr wohl direkte Kontakte zu Leuten, die den Krieg in der Ukraine tagtäglich erleben. Das fliesst selbstverständlich ein in unseren Dienst.» Dieser inoffizielle Informationsfluss sei ein grosser Vorteil der Milizarmee, so Muff.Das trifft wohl stärker zu, als dem VBS lieb sein kann.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel