PfadnavigationHomeGeschichteEidgenossen vs. LandsknechteKeine Gefangenen! Sie wurden einfach „abgekeult“Veröffentlicht am 08.10.2025Lesedauer: 6 MinutenDie Schlacht bei Dornach im Juli 1499 entschied den SchwabenkriegQuelle: Wikipedia/Public DomainWeil der Habsburger Maximilian I. seine Macht als Kaiser und Landesherr im Alpenraum ausweiten wollte, kam es 1499 mit den Eidgenossen zum Krieg. Noch einmal konnten diese gegenüber den deutschen Landsknechten ihre Überlegenheit ausspielen.Kaiser Maximilian I. (1459–1519) wird oft als „der letzte Ritter“ bezeichnet. Das verdankt er seiner Leidenschaft für Turniere und ihre opulenten Begleitfeste. Vergessen wird darüber, dass er auch als „Vater der Landsknechte“ bekannt war, jener neuen Bezeichnung für leicht bewaffnete Fußsoldaten, die den Panzerreiter ab dem 15. Jahrhundert von Europas Schlachtfeldern verdrängte. Als sich der Habsburger als Herzog im Kampf um das Burgunder-Erbe seiner Frau Maria im August 1479 bei Guinegate in der Picardie eines französischen Ritterheeres zu erwehren hatte, hatte er den Mut, sich in die erste Linie seiner Lanzenträger zu Fuß einzureihen und gab damit ein zukunftsträchtiges Beispiel. Als er, inzwischen zum Kaiser aufgestiegen, am 22. September 1499 mit den Eidgenossen den Frieden von Basel schloss, hatte die Infanterie längst die Reiterei aus ihrer Jahrhunderte langen Führungsposition verdrängt.Der Frieden von Basel beendete einen Konflikt, dessen Grundzüge bis ins 14. Jahrhundert reichen. Damals besaßen die Habsburger weite Gebiete im Alpenraum. Gegen ihren Herrschaftsanspruch taten sich die Kantone der heutige Innerschweiz zusammen, zu denen auch Städte wie Zürich, Bern oder Luzern stießen. Dieser lose verbundenen Eidgenossenschaft gelang es in mehreren Schlachten – bei Sempach (1386) und Näfels (1388) –, die Ansprüche der Habsburger zurückzuweisen. Da es ihnen 1476 auch gelang, sich der Invasion des mächtigen Herzogs Karls des Kühnen von Burgund zu erwehren, avancierte ihre Kriegsmacht zum viel beachteten Vorbild für alle Nachbarn. Zugleich wurden ihre wettergegerbten Bergbauern zu begehrten Söldnern, um die die Großmächte buhlten.Da der notorisch klamme Maximilian I. dabei gegenüber seinen französischen Rivalen ins Hintertreffen geriet, begann er, zwischen Ober- und Hochrhein Soldaten zu rekrutieren. Diese nannten sich in Abgrenzung zu den Schweizer Reisläufern „Landsknechte“. Wie jene kämpften sie in dicht gedrängten Gewalthaufen, in denen bis zu 50 Reihen Kämpfer mit Spießen, Hellebarden und beidseitig geführten Schwertern (Gassenhauern) standen. Diese Formationen wurden von Disziplin zusammengehalten, einer Eigenschaft, die den meisten Rittern abging. Diese huldigten nach wie vor dem Ideal des adligen Einzelkämpfers.Reisläufer und Landsknechte pflegten eine gesunde Abneigung gegeneinander, die sich in Schimpfworten wir „Kuh-Schweizer“ und „Sau-Schwabe“ äußerte. Das eskalierte, als Maximilian sein Projekt einer Reichsreform vorantrieb. Um die kaiserliche Macht zu stärken, wurden auf dem Reichstag von Worms 1495 die Einrichtung eines Reichskammergerichts, die Erhebung einer reichsweiten Steuer und weitere Reformen beschlossen. Das provozierte den Widerstand der Eidgenossen, die zwar nicht ihre Zugehörigkeit zum Reich infrage stellen, ihre gewachsene Autonomie aber verteidigen wollten.Lesen Sie auchAls Maximilian zudem die habsburgischen Ansprüche am Hochrhein erneuerte, verschärfte sich der Konflikt. Der Kaiser fand im Schwäbischen Bund einen mächtigen Verbündeten. Dieser Zusammenschluss schwäbischer Stände war zunächst gegen Expansionsbestrebungen Bayerns gerichtet, doch sorgten regionale Antagonismen mit Eidgenossen dafür, dass sich der Bund der kaiserlichen Politik anschloss. Als wichtiges Rekrutierungsgebiet für Landsknechte verfügten die Schwaben auch über die militärischen Mittel, es mit den Schweizer Reisläufern aufzunehmen.Lesen Sie auchDie Führung der Eidgenossen erkannte die Gefahr. Während Maximilian noch mit der Aufstellung eines Heeres beschäftigt war, beschlossen die Abgesandten der Kantone am 11. März 1499 in Baden, dass alle Gefangenen, die im Krieg gemacht werden würden, umgehend „abgetan“, also umgebracht werden sollten. Diese „Tagsatzung“, die für alle Eidgenossen bindend war, sollte nicht der Entgrenzung der Gewalt dienen, sondern der Disziplin. Denn damit sollte sichergestellt werden, dass kein Mitglied eines Haufens aus dem Glied trat, um mit der Gefangennahme eines hochgestellten Gegners die Option auf eine lukrative Lösegeldforderung in die Hand zu bekommen. Der Beschluss sagt daher einiges über die Achtung vor den militärischen Möglichkeiten der Landsknechte aus, mit denen es die Schweizer in den folgenden Monaten zu tun bekamen. Der Wahrung der Disziplin diente auch das Verbot des Blutharsch als „unzimlich Wesen“. Unter „Knechten des Blutharsch“ wurden irreguläre Kämpfer bezeichnet, die auf eigene Rechnung und nur um des Beutemachens willen die Heere der Schweizer begleiteten.Die Maßnahmen hatten Erfolg. Aus den zahlreichen Gefechten, die den sogenannten Schwabenkrieg prägten, gingen die Schweizer oft als Sieger hervor, selbst wenn sie es mit einem zahlenmäßig überlegenen Gegner zu tun hatten. Anthropologen der Universität Bern haben Soldatenskelette aus dem Schwabenkrieg untersucht. Sie konnten zeigen, dass die Schweizer ihre Gegner regelrecht zerhackt haben, also dicht geschlossen und diszipliniert in Linie kämpften. Auch belegen die Verstümmelungen, dass die Verwundeten nach dem Kampf „abgekeult“, also erschlagen wurden. Die Unsitte, das Land des Feindes anschließend auszuplündern, kam dennoch nicht aus der Welt. Ein Berner Chronist berichtet von einer großen Zahl Kinder, Weiber, Kindbetterinnen, Alten, Kranken, die der Feuersbrunst gerade „nackend im Schnee entfliehen“ konnten, um in der „Kälte zu verderben“. Ein anderer Schweizer Zeuge beklagte das Wüten der eigenen Truppen, weil es „uns Eidtgnossen Unlob und mergklich Nachred geberen“ werde.Nicht zuletzt sorgte die Rivalität zwischen Eidgenossen und Landsknechten dafür, dass der Krieg mit – selbst gemessen an den robusten Maßstäben der Zeit – außerordentlicher Brutalität geführt wurde. Das verstärkte die Entfremdung zum einen zwischen den Nachbarn am Rhein, zum anderen wurde das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Eidgenossenschaft und zwischen den Reichsbewohnern, die nicht zu ihr gehörten, gestärkt. Nach der schweren Niederlage des Schwäbischen Bundes bei Dornach am 22. Juli 1499 hatte dieser genug und zog sich zurück. Da außerdem ein Vorstoß Ludwigs XII. von Frankreich auf Mailand die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich zog, nahmen die Kontrahenten Verhandlungen auf. Das weitere besorgten Diplomaten und Bestechungsgelder des bedrohten Herzogs von Mailand, Ludovico Sforza, dem es darum ging, im großen Stil Söldner werben zu können, was Frieden im Norden voraussetzte.Im Frieden von Basel gestand der Kaiser den Eidgenossen zu, von allen Veränderungen durch die Reichsreform ausgenommen zu sein. Dafür zogen sich diese aus allen besetzten Gebieten zurück und akzeptierten den Rhein als Nordgrenze. Als einzigen Gewinn erhielten sie das Landgericht im Thurgau, das bislang zu Konstanz gehört hatte. Lesen Sie auchDa Maximilian den Krieg nicht als Kaiser, sondern in seiner Rolle als habsburgischer Landesherr geführt hatte, blieben die völkerrechtlichen Bindungen der Eidgenossen an das Heilige Römische Reich intakt, wenngleich sie im Inneren ihre Autonomie ausbauten. Erst im Westfälischen Frieden, der 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete, schieden die Schweizer aus dem Reichsverband aus.Ihre Expansion nach Süden endete nur 16 Jahre später vor Marignano unweit von Mailand, als sie gegen Franz I. von Frankreich eine schwere Niederlage hinnehmen mussten. 1525 zogen sie bei Pavia gegen die Landsknechte Karls V. den Kürzeren. Denn mit den Mitteln, mit denen die Großmächte ihre Heere auszurüsten begannen, konnten die Eidgenossen nicht mehr mithalten. Als Söldner in Diensten vieler Herren waren sie jedoch noch über Jahrhunderte hinweg gefragt und gefürchtet.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.