Der ehemalige Nationalbankchef Hans Meyer ist gestorben. Unter ihm fand die Schweiz zum Wachstum zurückEr war kein Mann der vielen Worte. Einmal jedoch überraschte der ehemalige SNB-Präsident die ganze Schweiz – und löste damit ein jahrelanges Hickhack aus.27.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenHans Meyer stand von 1996 bis 2000 an der Spitze der SNB und richtete während dieser Zeit die Geldpolitik konzeptionell neu aus.Edi Engeler / KeystoneAls Hans Meyer im Mai 1996 Notenbankchef wurde, wusste er sehr genau, worauf er sich einliess. Der damals 60-Jährige hatte zu diesem Zeitpunkt schon 31 Jahre bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gearbeitet. In diesen Jahren lernte er die Bank bis in ihre feinsten Verästelungen kennen und hielt zeitweise auch als Generalsekretär die Fäden zusammen. Wohl kein anderer Nationalbankchef vor ihm war beim Stellenantritt besser mit dem Haus vertraut als er.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wahl trotz Widerstand von Otto StichDoch trotz aller Erfahrung: Die Wahl des promovierten Ökonomen war umstritten. Vorausgegangen war der Ernennung ein parteipolitisches Kräftemessen. So wollte der damalige Finanzminister Otto Stich den früheren SNB-Chefökonomen Kurt Schiltknecht – wie Stich ein Mitglied der Sozialdemokratischen Partei – ins Präsidium der SNB hieven. Doch die Vorstellung, die Währungshüterin erstmals einem SP-Vertreter anzuvertrauen, stiess im Bundesrat auf Widerstand.Das Rennen um die Nachfolge des abtretenden Markus Lusser machte daher Meyer, der den Freisinnigen nahestand und mit dem früheren SNB-Präsidenten Fritz Leutwiler einen gewichtigen Fürsprecher hatte. Meyer trat kein einfaches Erbe an. Denn unter Lusser sah sich die SNB mit heftiger Kritik konfrontiert. Der Vorwurf: Die Nationalbank habe 1994 und 1995 aufgrund einer zu optimistischen Beurteilung der Konjunkturentwicklung viel zu restriktiv agiert. Daher sei die SNB verantwortlich für den Verlust zahlreicher Arbeitsstellen vor allem in der Exportindustrie, die schon damals unter einem starken Franken gelitten habe.Dass man namentlich 1994 eine zu restriktive Geldpolitik betrieb, gesteht heute auch die SNB ein. Die Kritik bekam nicht nur Lusser zu spüren, sondern auch Meyer, der in der fraglichen Zeit bereits im Direktorium sass und zu den Bremsern zählte. Kurz vor Meyers Übernahme des Präsidiums riss die SNB das Ruder jedoch herum. Sie versorgte die Märkte grosszügiger mit Geld. Die Folge: Die Wirtschaft normalisierte sich, Wachstum und Beschäftigung setzten zur Erholung an. Die Schweiz fand einen Weg aus den «verlorenen» 1990er Jahren.Neuorientierung der GeldpolitikDie viereinhalb Jahre, die Meyer an der SNB-Spitze stand, waren eine geldpolitisch gute Zeit: Es herrschte Preisstabilität, die Zinsen lagen niedrig, der Frankenkurs machte wenig Probleme. Doch die Irrtümer von 1994 und 1995 zeigten, dass das geldpolitische Konzept fehleranfällig war. Unter Meyer orientierte sich die SNB daher neu und distanzierte sich von der alten monetaristischen Idee, stabile Preise primär über die Steuerung der Geldmenge zu erreichen. Sie ging stattdessen dazu über, einen kurzfristigen Geldmarktzins zu kontrollieren – ein Konzept, das heute noch Gültigkeit hat.Dass der Richtungswechsel in Meyers Amtszeit stattfand, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. So galt er bei Amtsantritt vielen Kritikern als Steinzeit-Monetarist. Der Aargauer bewies mit dem neuen Konzept jedoch das Gegenteil. Zu einem Medienliebling wurde er deswegen nicht. Das hatte auch mit seinem leicht spröden Naturell zu tun. Frei jeder Eitelkeit verstand er sich als Staatsdiener, der sachlich, gradlinig und ohne erkennbare Emotionen die Geldpolitik rapportierte, am liebsten abseits des Scheinwerferlichts. Nichts lag dem Oberst im Generalstab ferner als die Selbstinszenierung.Die Öffentlichkeit erinnert sich an Hans Meyer vor allem aufgrund der von ihm lancierten Debatte um die «überschüssigen» Goldreserven der SNB.Jürg Müller / KeystoneMit diesen Eigenschaften verkörperte er idealtypisch den Technokraten. Der 1,91 Meter grosse Hüne war zwar von imposanter Gestalt. Nie stand aber die Person, sondern stets die Institution im Zentrum. Dazu passte, dass das dreiköpfige Direktorium unter seiner Führung wieder stärker zu einem Kollegium zusammenwuchs, als dies unter Markus Lusser, dem vergleichsweise dominanten Vorgänger, der Fall gewesen war. Meyers Kollegen im Gremium, Jean-Pierre Roth und Bruno Gehrig, genossen viel Spielraum.Schiffbruch mit SolidaritätsstiftungUmso grösser war die Überraschung, als der introvertierte Meyer im Frühjahr 1997 in Eigenregie die Idee einer Solidaritätsstiftung lancierte. Meyer kam während eines einsamen Spaziergangs zu dem Schluss, dass die SNB einen Grossteil ihrer Goldbestände nicht länger benötigte. Er schlug daher vor, diese «überschüssigen» Goldreserven für die Finanzierung einer Stiftung des Bundes zu nutzen. Dies vor dem Hintergrund der damals vor allem im Ausland laut gewordenen Kritik an der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und am Umgang mit nachrichtenlosen Vermögen.Der Bundesrat, der dem Druck des Auslands irgendetwas entgegensetzen musste, nahm den Vorschlag dankbar auf. In der Öffentlichkeit fielen die Reaktionen jedoch durchzogen aus. Nicht nur in der SNB fühlte sich mancher überrumpelt. Auch in der Politik sprachen einige von einem Hüftschuss. Die Folge war ein jahrelanges Hickhack. Die SVP lancierte eine Initiative, welche die überschüssigen Goldreserven für die AHV nutzen wollte. Das Parlament reagierte mit einem Gegenvorschlag, bei dem alle ein bisschen profitieren sollten: AHV, Stiftung, Kantone.An der Urne wurden 2002 beide Vorlagen abgelehnt. Der Plan Meyers, mit dem SNB-Gold etwas Grosses für die Schweiz zu hinterlassen, war gescheitert. Gleichwohl hatte die SNB bereits vor der Abstimmung damit begonnen, rund die Hälfte ihres damals 2590 Tonnen schweren Goldbestandes abzustossen. Weil der Goldpreis in den nachfolgenden Jahren steil anstieg, brachte das der SNB den – noch heute zu hörenden – Vorwurf ein, das Volksvermögen verramscht zu haben. Derzeit lagern noch 1040 Tonnen Gold bei der Nationalbank.«Dienen und abtreten»Wer Meyer aber nur mit der Solidaritätsstiftung und den Goldverkäufen assoziiert, wird seinem Wirken nicht gerecht. Der Ende 2000 altershalber zurückgetretene Aargauer steht für eine der geldpolitisch stabilsten Phasen der Schweiz. Dass er nach dem Rücktritt davon absah, lukrative Mandate zu sammeln oder sich mit öffentlichen Ratschlägen an seine Nachfolger in Szene zu setzen, sprach für seine Integrität. «Servir et disparaître» lautete sein Leitspruch. Und im Unterschied zu vielen anderen hielt er sich konsequent daran. – Wie erst jetzt bekanntwurde, ist Hans Meyer am 17. Juni im Alter von 90 Jahren verstorben.Passend zum Artikel