Die SNB geht eigene Wege. Sie wird sich der Zinswende der EZB kaum anschliessenDie Angst vor einer neuen Inflationswelle geht um. Nicht so bei der Schweizerischen Nationalbank. Für sie läuft es derzeit rund.16.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDas globale Währungsgefüge entwickelt sich derzeit zugunsten der SNB.Christian Beutler / KeystoneEs gab Zeiten, da folgte die Schweizerische Nationalbank (SNB) fast reflexartig dem zinspolitischen Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB). Was die EZB in Frankfurt beschloss, fand bald auch in der Schweiz seinen Niederschlag. Dies unter anderem deshalb, weil die SNB die traditionelle Zinsdifferenz zwischen Anlagen im Euro und Anlagen im Franken nicht zu stark schrumpfen lassen wollte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Zinsdifferenz spielt weiterhin eine wichtige Rolle. Doch das Muster des autonomen Nachvollzugs gilt schon lange nicht mehr. So hat die EZB vergangene Woche erstmals seit drei Jahren den Leitzins erhöht, und zwar auf 2,25 Prozent. Dass die SNB diesen Donnerstag bei ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung dasselbe tun wird, ist aber unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte sie den Leitzins bei 0 Prozent belassen.Nullzins bleibt wohl bis Ende JahrDer Grund: Die zwei entscheidenden Grössen – die Inflation und der Wechselkurs – signalisieren keinen Handlungsbedarf. Und das dürfte auf absehbare Zeit auch so bleiben. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass der Leitzins Ende Jahr noch immer bei null liegen wird. Es käme denn auch überraschend, wenn die SNB am Donnerstag einen Hinweis auf Zinskorrekturen in den kommenden Quartalen gäbe.Derzeit liegt die Inflation der Schweiz bei 0,6 Prozent. Das ist gegenüber dem Jahresbeginn, als 0,1 Prozent gemessen wurden, zwar ein deutlicher Anstieg und zeigt, dass der Iran-Krieg auch hierzulande seine Spuren hinterlassen hat. Doch anders als im Euro-Raum, wo die Teuerung mit 3,2 Prozent schon deutlich über das 2-Prozent-Ziel der EZB geklettert ist, liegt die Inflation der Schweiz noch klar im Zielband von 0 bis 2 Prozent.Der Inflationsauftrieb ist vor allem auf die gestiegenen Energiepreise zurückzuführen. So sind Erdölprodukte derzeit 18 Prozent teurer als vor einem Jahr. Klammert man die Energiegüter und die preislich ebenfalls stark schwankenden Lebensmittel aber aus, zeigt sich: Seit Anfang Jahr ist die Kerninflation – sie beträgt 0,3 Prozent – sogar leicht gesunken. Ein Preisauftrieb auf breiter Front ist also nicht zu beobachten.Unternehmen planen mehr PreiserhöhungenDennoch dürfte die SNB ihre Inflationsprognose nach oben korrigieren. So zeigt die jüngste Konjunkturumfrage des KOF-Instituts, dass die Schweizer Unternehmen deutlich häufiger als bisher Preiserhöhungen planen. Das gilt mit Ausnahme des Gastgewerbes für fast alle Sektoren. Die Gefahr von Zweitrundeneffekten ist daher real, auch wenn die Firmen bei der Lohnentwicklung kaum Veränderungen erwarten.Die SNB lässt sich jedoch nicht von kurzzeitigen Schwankungen der Preise lenken. Relevant ist die mittlere Frist, worunter ein Zeitraum von drei Jahren verstanden wird. Und mittelfristig, das hat der SNB-Präsident Martin Schlegel in den vergangenen Wochen wiederholt betont, hat sich der Inflationsdruck trotz Nahostkonflikt kaum verändert. Über die nächsten drei Jahre sieht die SNB die Inflation weiterhin im Zielband.Vor diesem Hintergrund erscheint eine Zinserhöhung zur Eindämmung des Inflationsdrucks unnötig. In weite Ferne gerückt ist auch eine Rückkehr zu Negativzinsen – ein Szenario, das die geldpolitische Debatte der Schweiz noch vor einem Jahr prägte. Denn der Ausbruch des Iran-Krieges und die gestiegenen Erdölpreise haben das Risiko einer deflationären Preisentwicklung fast zum Verschwinden gebracht.Werweissen um das Wörtchen «erhöht»Auch bei den Wechselkursen sieht es gut aus. Seit der Lagebeurteilung vor drei Monaten hat der Franken zum Euro leicht an Wert verloren und ist zum Dollar stabil geblieben. Ein starker Aufwertungsdruck, eine Hauptsorge vergangener Jahre, ist nicht feststellbar. Das ist insofern erstaunlich, als geopolitische Krisen wie der Nahostkonflikt oft zu Zuflüssen in den Franken und zu einer Währungsaufwertung führen.Die Magnetwirkung des Frankens als sicherer Hafen hat seit Beginn des Iran-Krieges jedoch nachgelassen. Offenbar haben sich die Investoren an den Konflikt gewöhnt, weshalb weniger Geld in den Franken fliesst. Das mindert den geldpolitischen Handlungsbedarf ebenso wie die Tatsache, dass die Schweizer Industrie laut jüngsten Konjunkturdaten relativ gut mit dem starken Franken zurechtzukommen scheint.Der Bedarf für Devisenmarktinterventionen nimmt damit ab. Es stellt sich daher die Frage, ob die SNB am Donnerstag weiterhin von einer «erhöhten» Bereitschaft für Interventionen sprechen wird. Oder ob sie diese Formulierung, die nach Ausbruch des Iran-Krieges erstmals verwendet wurde, streicht. Letzteres würde den Franken wohl stärken, was kaum im Interesse der SNB ist. Es spricht daher einiges für eine Beibehaltung der bisher verwendeten Kommunikation.Eine wohl nur kurze VerschnaufpauseInsgesamt befindet sich die SNB in einer komfortablen Situation: Zum einen kommt der kriegsbedingte Inflationsanstieg den Währungshütern insofern gelegen, als er die Teuerung von der Nulllinie zu lösen vermag. Zum anderen ist dieser Inflationsdruck – anders als im Euro-Raum oder in den Vereinigten Staaten – noch nicht gar so stark, dass man sich bereits Gedanken über eine baldige geldpolitische Straffung machen muss.Die Leitzinserhöhung der EZB erleichtert die Lage zusätzlich, da sie die Zinsdifferenz vergrössert. Anlagen im Euro werden attraktiver, wodurch der Aufwertungsdruck des Frankens nachlässt. Damit kann die SNB gut umgehen. Denn sollte der Franken zu stark nachgeben und die Inflation steigen, hat sie mehrere gute Optionen: entweder den Leitzins erhöhen oder Devisen, von denen sie in der Bilanz mehr als genug hat, verkaufen.Schwieriger wird es, wenn die EZB die Zinsen senkt. Dann verringert sich die Zinsdifferenz, und der Franken gewinnt an Attraktivität. Will die SNB solches verhindern, hat sie nur unliebsame Optionen: eine Rückkehr zu Negativzinsen oder eine weitere Aufblähung der Bilanz mit Devisenkäufen. Beides ist derzeit weniger dringlich als noch vor kurzem. Der SNB erlaubt dies eine Verschnaufpause – aber wohl nur eine kurze, gemessen an der hohen Frequenz ständig neuer Krisen.Passend zum Artikel
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