Fünf Jahre später, drei Milliarden Euro teurer: Das Bahnprojekt Stuttgart 21 sprengt inzwischen alle Dimensionen, Planungszeiten und Kostenprognosen. Die Deutsche Bahn hat am Freitag einen ausführlichen Bericht vorgelegt, den Konzernchefin Evelyn Palla mit deutlichen Worten kommentierte: „Um es klipp und klar zu sagen: Ich bin erschüttert über die Ergebnisse der Konzernrevision.“Der Bericht identifiziert nach Angaben der DB gravierende Defizite in Planung, Steuerung und Risikomanagement. Aus heutiger Sicht sei eine Inbetriebnahme in diesem Jahr realistisch betrachtet nicht erreichbar gewesen. „Das bisherige Prozessmanagement hat nicht ausgereicht, um ein Großprojekt dieser Komplexität sicher zu steuern“, so das Resümee. In der Vergangenheit war es über Jahre immer wieder zu gravierenden Verzögerungen und Kostensteigerungen gekommen.„Kaum zu erklären“, findet ÖzdemirDie Bahnchefin präsentierte die neuen Erkenntnisse den politischen Verantwortungsträgern, in erster Linie Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU). „Ich glaube, alle miteinander stehen wir davor, dass es kaum zu erklären ist, dass wir mittlerweile die neunte Verschiebung um weitere fünf Jahre haben“, sagte Özdemir. Palla dankte er für ihre Offenheit: „Es geht nur mit maximaler Transparenz.“ Nopper sagte, der neue Zeitplan scheine „realistisch und nachvollziehbar“.Die DB will jetzt organisatorisch, personell und in der weiteren Projektführung „harte Konsequenzen“ ziehen. Schon bekannt war, dass der neue Stuttgarter Tiefbahnhof erst fünf Jahre später als geplant in Betrieb genommen werden kann. Nun sieht ein aktualisierter S21-Plan vor, das Eisenbahn-Megaprojekt in fünf Stufen an den Start gehen zu lassen, und zwar zwischen 2027 und 2033.Gesamtkosten jetzt 14,5 Milliarden EuroWichtigster Punkt ist der Stuttgarter Hauptbahnhof, der wie bereits berichtet im Dezember 2031 eröffnet werden soll. Der Pfaffensteigtunnel, der die sogenannte Gäubahn über den Flughafen an die Infrastruktur von Stuttgart 21 anschließt, soll im Dezember 2033 fertig sein. Mit ihm verkürzt sich die Reisezeit zwischen der baden-württembergischen Landeshauptstadt und Zürich um rund 15 Minuten.Die um Jahre längere Baudauer schlägt sich in abermals wesentlich höheren Kosten für Stuttgart 21 nieder. Für das Gesamtprojekt veranschlagt die Bahn jetzt eine Summe von 14,5 Milliarden Euro, das sind drei Milliarden Euro mehr als bisher erwartet. Der Großteil der Mehrkosten entstehe aus den zusätzlichen Arbeiten, die für die Inbetriebnahme noch notwendig seien, hieß es. Damit hat sich der Kostenrahmen im Vergleich zu den Prognosen der 2010er-Jahre mehr als verfünffacht.Auf Normänderungen zu spät reagiertVier wesentliche Gründe führt der Revisionsbericht für die S21-Verzögerungen an. Die Digitalisierung des Bahnknotens habe sich als deutlich anspruchsvoller erwiesen, als vor einigen Jahren absehbar gewesen sei. Planungsprozesse hätten nicht den erforderlichen Reifegrad erreicht. Das Technikgebäude aus dem Jahr 2013 sei nicht mehr passend für den heutigen Bedarf. Dazu sei auf eine Normänderung für die Stromversorgung zu spät reagiert worden, was eine vollständige Neuplanung erfordere.Trotz der grundsätzlichen Zeitverschiebung um fünf Jahre verspricht die Deutsche Bahn Verbesserungen für Zugpassagiere in Stuttgart schon in eineinhalb Jahren. Von Ende 2027 an profitierten täglich Zehntausende Menschen von kürzeren Wegen durch den Bonatzbau, das historische Hauptgebäude des Hauptbahnhofs, und über das Dach des Durchgangsbahnhofs. 2028 eröffnen den Angaben zufolge die Läden und Serviceeinrichtungen im Bonatzbau, und das Bahnhofsumfeld werde „schrittweise attraktiver“.Pallas Fazit: „Erwartungen nicht erfüllt“Als nächsten großen Schritt führt die Bahn für Dezember 2030 die Inbetriebnahme des Fernbahnhofs am Flughafen an. Im Dezember 2031 wird dann plangemäß der neue Stuttgarter Hauptbahnhof eröffnet, der als Durchgangsbahnhof den alten Kopfbahnhof ablöst – für den Fernverkehr und große Teile des Regionalverkehrs. Nur für wenige Regionalzüge wird der alte Bahnhof bis Mitte 2032 weiterbetrieben. Und im Juli 2032 nimmt den Planungen zufolge die digitalisierte und verlängerte S-Bahn-Stammstrecke den Betrieb auf.„Wir haben die Erwartungen an frühere Termine nicht erfüllt, das bedaure ich sehr“, sagte Bahnchefin Palla. Das neue S21-Management habe nun einen Plan erarbeitet, der sich von unrealistischen Prämissen verabschiedet habe. „Ehrlichkeit und Realismus sind im Projekt eingezogen. Nur so können wir verloren gegangenes Vertrauen wieder zurückgewinnen.“ Die kommenden Jahre bis zur Inbetriebnahme der wesentlichen Bestandteile von S21 würden sich für die Menschen in Stuttgart nicht so anfühlen wie die letzten Jahre, versprach die DB-Managerin.Trotz allem bekräftigte der Staatskonzern, dass die Ziele für das Gesamtprojekt unverändert geblieben seien: „Stuttgart 21 wird den Bahnknoten Stuttgart leistungsfähiger machen, Reisenden bessere Verbindungen bieten und die Schiene in Baden-Württemberg stärken.“ Jetzt habe man den Anspruch, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und die verabredeten Termine künftig belastbar einzuhalten.Stuttgart 21 geht auf Überlegungen und Ideen aus den 1990er-Jahren zurück und ist ein kombiniertes Bahn- und Stadtentwicklungsprojekt. Es ersetzt den Stuttgarter Kopfbahnhof durch einen unterirdischen Durchgangsbahnhof und ordnet den gesamten Bahnknoten neu, verbunden mit frei werdenden Entwicklungsflächen in der Landeshauptstadt. An diesem Projekt gebaut wird inzwischen seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten.
Bahn-Chefin Palla über Stuttgart 21: „Ich bin erschüttert über die Ergebnisse“
Ein Planungsfiasko? Ein neuer Bericht der Deutschen Bahn stellt dem Projekt Stuttgart 21 ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. Jetzt soll alles besser werden, verspricht Bahnchefin Palla. Und viel teurer.












