Von der Kaskade an gravierenden Fehlern und Missständen beim Milliardenprojekt Stuttgart 21 zeigt sich nicht nur die neue Bahnchefin Evelyn Palla „erschüttert“, sondern auch die Landespolitik. Und zwar ausnahmsweise ganz unabhängig davon, ob es sich um Befürworter des neuen Tiefbahnhofs handelt oder um (einstige) Gegner.Manche Wortmeldungen klingen in ihrer Verzweiflung fast schon rührend. Der grüne Ministerpräsident Cem Özdemir, der noch nie als S21-Fan in Erscheinung getreten ist, sagte, er wolle nicht, „dass man über uns lacht“. Und der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper von der CDU, grundsätzlich ein großer Fan des Projekts, sagte, er wolle nicht, dass der Name seiner Stadt „mit einem nicht enden wollenden Jahrhundertprojekt in Verbindung gebracht wird“.Auf den frei werdenden Gleisflächen wollte Stuttgart ein neues Wohnviertel schaffen. Inzwischen fehlt das Geld dafürDiese Sorgen kann man den Politikern wohl nehmen. Bundesweit gilt Stuttgart 21 schon längst nicht mehr als besonders zukunftsweisendes Verkehrsprojekt, sondern als Lachnummer. Als Beispiel dafür, wie man ein Großprojekt auf keinen Fall aufsetzen und umsetzen sollte.Immerhin: Die neue Bahnchefin Evelyn Palla scheint ihr Versprechen einzulösen, Probleme schonungslos offenzulegen. Anders als ihre Vorgänger im Amt begnügt sie sich nicht damit, alle Missstände auf äußere Umstände zu schieben, auf geänderte Vorschriften, langwierige Gerichtsverfahren oder steigende Baukosten. Stattdessen benennt sie sehr klar die gravierenden Fehler auf Seiten der S21-Projektverantwortlichen. Dieser Stil ist neu und verdient Anerkennung. Gelöst ist damit allerdings noch kein einziges Problem.Vielmehr drohen sogar neue. Denn mit der auf 2031 verschobenen Inbetriebnahme des neuen Tiefbahnhofs und der Stilllegung des alten Kopfbahnhofs ein Jahr darauf, gewinnt die Bahn zwar Zeit. Jede Verzögerung birgt allerdings Risiken, wie die Historie des Projekts zeigt. Die aktuellen Probleme mit der Notstromversorgung etwa gäbe es nicht, wäre Stuttgart 21 wie ursprünglich geplant 2019 in Betrieb gegangen. Die verschärften Vorschriften gelten erst seit 2021.Die Verzögerung droht auch den Plan der Stadt Stuttgart auszubremsen, auf den mit der Stilllegung des oberirdischen Kopfbahnhofs frei werdenden Gleisflächen ein neues Wohnquartier zu schaffen, für 10 000 Menschen. Nicht nur, weil der Rahmenplan für dieses Quartier bis zu einem Baubeginn Patina ansetzen dürfte – er stammt aus dem Jahr 2020. Aktuell ist nicht einmal klar, wie Stuttgart die auf 1,2 bis 1,6 Milliarden Euro bezifferte Erschließung des Areals stemmen will. Die Autostadt, Standort von Mercedes und Porsche, hat mit einem massiven Rückgang der Gewerbesteuern zu kämpfen und schließt gerade Schwimmbäder.Die Zukunft Stuttgarts, sie wirkte schon mal verheißungsvoller.Diese Kolumne erscheint auch im Newsletter „Im Südwesten“, der die Berichterstattung der SZ zu Baden-Württemberg bündelt. Gleich kostenlos anmelden.