Eine Zeile sehe wie eine Linie aus. Und die könne vieles sein; ein Faden etwa, der verbindet, oder eine Grenze, schreibt die belarussische Schriftstellerin Volha Hapeyeva. Eine Grenze bedeute aber nicht nur Teilung und Trennung, eine Grenze sei auch ein Ort der Verbindung: wie bei einer Kleidernaht oder einer chirurgischen Naht. „Die Zeilen eines Gedichts können gleich Seidenfäden die Ränder unserer Wunden zusammenhalten, sie können uns zusammenhalten.“ Als Erinnerung blieben die Narben, die Gedichte.Man stößt in Hapeyevas „Wörterbuch einer Nomadin“ auf zahlreiche erhellende poetisch-philosophische Überlegungen dieser Art. 1982 in Minsk geboren, zählt die Schriftstellerin zu den bekanntesten Gegenwartsautoren ihres Landes, vor allem dank ihrer Lyrik. Die Gedichte der promovierten Linguistin wurden in mehr als fünfzehn Sprachen übersetzt, sie selbst schreibt seit 2020 auch auf Deutsch – bei ihrem „Wörterbuch“ handelt es sich um keine Übersetzung. Den Nebel fest im BlickHapeyeva ist in der Tat eine Nomadin, die zwischen Deutschland und Österreich lebt, davor von Ort zu Ort zog und etwa auf Kreta und in Japan haltgemacht hat. In ihre Heimat Belarus, die seit den Protesten im Sommer 2020 unter verstärkten politischen Repressionen durch das Lukaschenko-Regime leidet, kann sie nicht zurück. Sie mache keine Pläne mehr, lebe nur noch für das Heute. Ein richtiges Zuhause, das habe sie nicht mehr, schreibt Hapeyeva. Doch hatte sie je eines?Volha Hapeyeva: „Wörterbuch einer Nomadin“DroschlIn zwölf Kapiteln, angelegt als miteinander verbundene Kurzessays, reflektiert die Autorin Fragen von Sprache und Zugehörigkeit. Jedes Kapitel eröffnet mit einer Überblicksseite, auf der die im Folgenden verhandelten Begriffe in Form einer Wortwolke versammelt sind – im ersten sind das unter anderen „Mythos“, „Belarus“, „intellektuelles Gepäck“, „Nebel“, „tuman“ (belarussisch für Nebel) und „kasumi“ (japanisch für Frühlingsnebel). Die Ausdrücke für kondensierte Wassertröpfchen rufen in den jeweiligen Sprachen unterschiedliche Assoziationen hervor und verweisen auf feine Bedeutungsnuancen. So habe das Japanische eigene Bezeichnungen für Nebel je nach Jahreszeit, weiß Hapeyeva, die diese Sprache erlernt hat – „kasumi“ und „oboro“ für Frühling, „kiri“ für Herbst und Winter.Wenn sie an Belarus denke, kämen ihr als Erstes die Begriffe „Nebel“ und „Sumpf“ in den Sinn – Letzterer wie beim belarussischen Romanklassiker „Menschen im Sumpf“ von Iwan Melesh aus dem Jahr 1962. Außenstehenden, die Belarus nicht kennen, erscheine dieses Land der Sumpfmenschen allein seines Namens wegen oftmals als Teil Russlands. Für Hapeyeva selbst ist hingegen selbstverständlich, dass Belarus ein Teil Europas ist, gehört sie doch zu jener Generation, die nach dem Zerfall der Sowjetunion die Wiedergeburt der belarussischen Kultur miterlebte, Kultur, die in der UdSSR unterdrückt und vom Russischen verdrängt worden war. So wie es nun abermals unter Lukaschenko geschieht.Ihre Begeisterung für die kleinen DingeHapeyevas synkretistisches „Wörterbuch“ sprüht vor Begeisterung für die kleinen alltäglichen Dinge und die sprachlichen Formen, die wir zu ihrer Beschreibung wählen. Mal nimmt sie auf die stoische Philosophie Senecas Bezug, dem die Verbannung auf Korsika nichts anhaben konnte, weil er sich als Mensch überall auf der Welt zu Hause fühlte, mal auf Simone Weils Gewaltverständnis als Verdinglichung oder auch auf Haikus japanischer Dichter, die mit ihrer knappen Wortkunst den Moment einzufangen bestrebt sind.Virtuos verknüpft Hapeyeva dabei linguistische Analysen mit einer hochsensiblen Sprache. Als Forscherin an der Universität habe sie „Wörter wie Käfer unter dem Mikroskop“ angesehen, in ihrer Doktorarbeit die Äußerung von Wünschen in der belarussischen und englischen Sprache miteinander verglichen. Lesen begreift sie als Übergang zwischen verschiedenen Zuständen; von demjenigen einer Initiation als Nicht-Leserin – Hapeyeva gebraucht bewusst weibliche und nonbinäre Formen – zu dem einer Leserin und schließlich zum Zustand einer Abgeschlossenen-Leserin. Bei Lyrik, einer konzentrierten Form der Sprache, erfolgten diese Übergänge nicht seicht wie eine langsame Zugfahrt, sondern als Lichtsprung, als Blitz. Vielleicht, so mutmaßt die Autorin, gebe es deshalb mehr Leserinnen von Romanen als von Gedichten.Einzig die abstrakt-politischen Exkurse können nicht immer überzeugen – so etwa die Behauptung, dass das Patriarchat binäre Gegensätze wie denjenigen von Natur und Kultur für seine Hierarchie nutze, „um einigen Gruppen Macht und Prestige zu verleihen und andere davon fernzuhalten“. Hapeyeva zeichnet wiederholt den angeblich seinem Wesen nach gewaltvollen Staat als zentralen Verursacher von Leid. Gerade im Kontrast zu ihrer nuancierten Auseinandersetzung mit der Sprache hätte man sich hier eine vergleichbare analytische Sorgfalt gewünscht. Auch gibt es kleine editorische Nachlässigkeiten, etwa bei den Erläuterungen zu Adam und Eva – im biblischen Original „adam“ und „khava“ –, die die hebräischen Lettern in verkehrter Reihenfolge abdrucken.Doch als Ganzes stellt das „Wörterbuch einer Nomadin“ einen inspirierenden Schatz von raffinierten Reflexionen zur Sprache dar, verfasst von einer Autorin, die sich durch die Arbeit mit dieser permanent im Zustand der „Liminalität“ befindet – „immer auf dem Weg, immer dazwischen, immer liminal“. Auf diesem Weg kann man Volha Hapeyeva durch zwölf Kapitel begleiten und zahlreiche Impulse aus der Lektüre mitnehmen. Denn der Nebel, den sie mit der Bewegung gen Osten zunehmen sieht, verschleiert nicht nur. Er regt auch die Phantasie an. Volha Hapeyeva: „Wörterbuch einer Nomadin“. Literaturverlag Droschl, Graz 2026. 200 S., geb., 24,– €.
Rezension von Volha Hapeyevas „Wörterbuch einer Nomadin“
Belarussin ohne Rückkehroption, aber mit einer Zuflucht in der Literatur: Volha Hapeyeva ergründet im „Wörterbuch einer Nomadin“ das Phänomen der Sprache.







