Literatur aus dem Engadin: Wird nun das ganze Dorf verkauft?Die Auswirkungen des Tourismus und der Immobilienboom beschäftigen auch die Literatur. Flurina Badels Debütroman «Nebelflüchtige» verbindet Poesie mit Zeitdiagnose.07.06.2026, 05.30 Uhr3 Leseminuten«Ich nahm eine soziale Entfremdung wahr.» Flurina Badel kehrte nach sechzehn Jahren anderswo wieder ins Unterengadin zurück.Mayk WendtDas Rätoromanische umfasst eine so kleine Sprachregion, dass jeder rätoromanische Roman ein Ereignis ist. Das Debüt von Flurina Badel hat aber nicht nur Seltenheitswert, sondern auch Poesie und Aktualität. «Nebelflüchtige» erzählt vom Ausverkauf eines Dorfes. Davon, dass alte Engadinerhäuser als Zweitwohnsitz an Wohlhabende aus dem Unterland verkauft werden und Wohnungen für die Einheimischen knapp werden. Davon, dass beim Frühlingsumzug Chalandamarz mehr Touristen unterwegs sind als glockenschwingende Kinder. Davon, dass sich viele Menschen in den Kokon ihrer eigenen Sicht auf die Welt zurückziehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Für mich ist ‹Nebelflüchtige› ein Zeitdokument», sagt die Autorin im Gespräch. Flurina Badel ist im Unterengadin aufgewachsen und ging für die Ausbildung weg – wie viele andere. Als sie sechzehn Jahre später nach Guarda zurückkehrte, hatte sich die Stimmung im Tal verändert. «Ich nahm eine soziale Entfremdung wahr, die ich aus meiner Kindheit nicht kannte.» Darüber begann sie zu schreiben, zuerst auf Deutsch, denn sie studierte Sprachkunst in Wien. Doch sie kam nicht weiter. Sie ertappte sich dabei, dass sie sich innerlich an jene Menschen wandte, die sie von früher kannte. Und diese sprechen Romanisch.Also schrieb Badel ihren Roman mit dem Originaltitel «Tschiera» – «Nebel» – auf Vallader, ein Idiom, das nur etwa 7000 Menschen sprechen und in dem es kaum Romane gibt. «Ich wollte keine Schulbuchsprache, sondern das Vallader literarisch erneuern», sagt sie über das 2025 erschienene Buch. Die Dialoge zum Beispiel schreibt sie teilweise in deutscher Syntax, wie man sie im Alltag heute spricht. Und obschon das Deutsche weniger musikalisch ist als das Rätoromanische, freut man sich über die klangliche Qualität von Ruth Ganterts Übersetzung und über handfeste Alltagskomik, etwa wenn Luis durch Legoteile seiner Kinder «slalomt» oder die Leute im Dorf aneinandergeraten.«Nebelflüchtige» ist ein Dorfroman, in dem auch das Politische mitschwingt. Luis führt den Dorfladen und setzt sich, reichlich stur, für das Dorfleben ein. «Mir scheint, es gibt hier nur noch Platz für Millionäre», sagt er am 1. August. Doch sein Protest gegen den Verkauf von Immobilien kommt nicht überall gut an.Eines der schönen Häuser, das gerade verkauft wird, gehörte der Mutter von Aita, der zweiten Hauptfigur. Ihre Brüder wollten es rasch loswerden, doch für Aita geht es zu schnell. Der Tod der Mutter und der Verkauf des Elternhauses ziehen ihr den Boden unter den Füssen weg. Sie verliert sich in einem nebligen Zustand der Trauer.Es ist das Gefühl des Verlusts, das beide verbindet. Während sich Aita «wie ein Schneehuhn» verkriecht, reagiert Luis mit Wut auf die Veränderungen seines Zuhauses. Die Autorin spitzt die Reaktion ihrer Figuren zu und macht so gesellschaftliche Themen wie Wohneigentum und Verlustangst emotional spürbar.Bei aller Kritik an gegenwärtigen Entwicklungen wehrt sich Flurina Badel gegen die Romantisierung des Ursprünglichen: «Ein grundsätzlich besseres Früher gibt es nicht», sagt sie. Vielleicht werden am Schluss ja Luis’ Frau und Kinder recht behalten: Als die Pandemie ausbricht, hängen sie ein Leintuch auf. «Alles wird gut», haben sie darauf geschrieben.★★★★✩ Flurina Badel: Nebelflüchtige. Übersetzt von Ruth Gantert. Rotpunkt 2026, 220 Seiten.Passend zum Artikel
«Ein besseres Früher gibt es nicht»: Flurina Badel über den Ausverkauf eines Dorfs
Rätoromanische Literatur aus dem Engadin: Flurina Badels Roman über den Ausverkauf eines Dorfes







