Die preisgekrönte Autorin schreibt über den Reiz des Aufbruchs und Fortgehens. Es sei eine Übung, mit Widersprüchen umzugehen.Paul Jandl20.05.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Alles soll einmalig anders sein und zugleich höchst vertraut»: Schriftstellerin Hoppe.Kerstin Kokoska / ImagoBald geht das Getümmel wieder los. Verstopfte Autobahnen, die Züge so voll wie die Flughäfen. Der Mensch reist in die Ferne und kommt sich dabei näher, als ihm recht sein kann. Vor fast siebzig Jahren hat Hans Magnus Enzensberger seine grosse Theorie des Tourismus entwickelt und darin die Freiheitsidee des Hinausfahrens in die Welt als grossen Selbstbetrug entlarvt. Wenn die deutsche Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe jetzt einen grossen Essay über das Reisen schreibt, der einfach nur «Reisen» heisst, dann gilt auch hier: sich nur nichts vormachen. Wer glaubt, in unberührte Gegenden vorzudringen, wird die leeren Cola-Dosen seiner gleichermassen verblendeten Vorgänger finden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hoppes Buch ist die bewegte Autobiografie eines Stubenhockers, eines Menschen, den man schon in der Kindheit «förmlich zum Spielen tragen musste». Die Abenteuer der anderen waren ihm recht. Die Reisen des Pinocchio, von Gulliver, von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Die erdachten Welten eines Jules Verne. «Ich liebte die Vorstellung einer Leistung, die ich nicht selbst erbringen musste. Ich wollte nicht handeln, sondern Zuschauer sein, ich wollte den anderen beim Fliegen zusehen, während ich selbst am Boden blieb. Wie man sieht, war ich förmlich zum Schreiben geboren.»Die fertige FotografieGeboren wurde Felicitas Hoppe im deutschen Hameln. Hinein in finanzielle Verhältnisse, die so etwas wie Ferien gar nicht zugelassen hätten. Für die Eltern waren der Krieg und die Vertreibung aus Schlesien die prägenden Reiseerfahrungen. Neben dem Ökonomischen war vielleicht das Ankommen ein Thema, aber nicht das Fortgehen. «Reisen war Krieg. Tabu. Wohl dem, der ein Dach über dem Kopf hat.» Dass es bei der Schriftstellerin Hoppe dann natürlich doch zu Aufbrüchen kam, steht auf einem anderen Blatt. Und auf den Seiten eines Essays, der seinen Auftrag auf grossartige Weise doppelt erfüllt: als Logbuch echter Reisen und als Gedankenreise.Als Germanistikstudentin lebt Felicitas Hoppe einige Zeit in einem Holzfällerhaus in Eugene, Oregon. Rundum dehnt sich Amerika als weite Landschaft und befahrbare Infrastruktur. Autos müssen von einem Ort an den anderen verbracht werden, ein Jobangebot, das gerne gemeinsam mit ein paar Freunden angenommen wird. Ist es noch Arbeit oder schon Tourismus? Auf der Rücksitzbank der Vehikel hat die Schriftstellerin ihren Beobachterposten. «Die Reise als Sport: kurze, brutale, sorglose Schnitte durch ein riesiges Land. Das pure Durchqueren, das ständige Zählen von Meilen auf einer unbekannten geografischen Fläche.»Wer durchs Land fährt, lebt in einer Konkurrenz zwischen Aufmerksamkeit und Zerstreuung. Nicht im Augenblick, sondern erst später wird sich ein Gesamtbild ergeben. Nicht ohne Grund zitiert Hoppe Max Frisch, der gemeint hat, eine Reise sei nur Belichtung, die fertige Fotografie entstehe erst in der Erinnerung.Nachbilder von tatsächlich Erlebtem finden sich in Felicitas Hoppes 2018 erschienenem Roman «Prawda», der ein amerikanisches Roadmovie ist, und vor allem in «Pigafetta», ihrem Romandebüt. Es handelt von einer denkwürdigen Reise um die Welt, die in Hamburg beginnt und dort auch endet. 1997 bezahlt Hoppe die stattliche Summe von 20 000 D-Mark, um für vier Monate auf einem Containerschiff über die Ozeane zu gleiten. Die Landaufenthalte sind kurz, die Tage werden lang auf dem «Contship Lavagna». Ein amerikanischer Pfirsichzüchter, ein französischer Klempner und ein klaustrophobischer britischer Geograf sind Mitpassagiere. Es ist vielleicht die Reise schlechthin. Ein Abenteuer der Zwecke und nicht Lust.Das Schiff bewegt sich mit dem Tempo eines Fahrradfahrers, und wo der massentouristische Kreuzfahrer an üppige Buffets gewöhnt ist, gibt es Gerichte mit Rezepten aus der «Brigitte». Der Koch namens Elvis kann vielleicht gar nicht kochen, lautet Hoppes Vermutung. Dass er sich ein Schiff als Arbeitsort ausgesucht hat, ist paradox. Er leidet nämlich an schwerer Seekrankheit. Auch paradox: Felicitas Hoppe bekommt später ein Angebot, mit Lesungen aus ihrem Roman «Pigafetta» ein Kreuzfahrtschiff zu begleiten. Sie lehnt ab.Frei und gefangen zugleichReisen, so kann man dem feinnervigen und überaus klugen Essay der deutschen Schriftstellerin entnehmen, ist eine Übung, mit Widersprüchen umzugehen. Vor allem mit einem: «Alles soll einmalig anders sein und zugleich höchst vertraut.» Den Camper, der sich unter Hunderten Campern den eigenen Vorgarten baut, bedenkt Hoppe mit zartem Spott. Am Campingplatz «reichen Freiheit und Gefangenschaft einander freundlich die Hand». Auf Spott in eigener Sache wird nicht verzichtet. Unterwegs greift die Autorin wie unter Zwang zum industriellen Nippes der Souvenirläden und möbliert sich ihr Berliner Heim mit diesem falschen Gold der Erinnerung.Das ist alles wunderbar beschrieben. Felicitas Hoppe ist eine grosse Reisende. Auch wenn ihre Tatkraft weniger schweren Koffern gilt als leichtem Gepäck: der Phantasie über unerforschte Gebiete nachzudenken. «Der einzige Fleck auf der Karte, nach dem wir bis heute suchen, sind wir ja selbst. Und auf der Suche nach sich selbst bleibe man lieber zu Hause.»Felicitas Hoppe: Reisen. Verlag Hanser Berlin 2026. 128 S., Fr. 30.90.Passend zum Artikel