Mit der F-126 ist ein weiteres deutsches «Goldrand-Projekt» gescheitert. Die Marine setzt nun auf günstigere FregattenDie F-126 war als Kriegsschiff der Zukunft geplant. Doch vermeintlich perfekte Entwürfe sind heute für die Bundeswehr nicht entscheidend, zumal sie sich oft als teuer und unzuverlässig erwiesen haben. Gesucht werden möglichst schnell verfügbare Fähigkeiten.Armin Arbeiter, Berlin25.06.2026, 17.18 Uhr6 LeseminutenDie Fregatte 126 wird wohl ein Modellschiff bleiben.Visualisierung / PDAls der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius vor zwei Jahren die Kiellegung der ersten «Fregatte 126» (F-126) feierte, klang er optimistisch. Der Begriff der «Zeitenwende» bedeute, sagte der Sozialdemokrat, dass Deutschland ab sofort «in die Flotte der Zukunft investieren» müsse, «damit wir uns auch in Zukunft verteidigen können».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Dienstag zog Pistorius die Reissleine und beendete das teure Beschaffungsprojekt. 2,3 Milliarden Euro wird es wohl gekostet haben, ohne dass für die Marine etwas Greifbares herauskam. Sechs F-126 waren geplant, doch kein einziges Schiff wird die Werft verlassen. Nun soll die Marine stattdessen acht Fregatten des Typs «Meko (Mehrzweck-Kombination) A-200 DEU» erhalten.Das ist aus militärischer Sicht vertretbar.Dennoch hinterlässt der Vorgang einen schweren Schaden. Die Hauptgründe dafür liegen in einer Beschaffungspolitik, die viele Jahre lang für verspätete, überteuerte Waffensysteme sorgte: die sogenannte Goldrandlösung.Ein ineffizientes KonzeptViele Geräte und Waffensysteme sollten extra für die Bundeswehr angefertigt werden und unter anderem strengen Umweltstandards genügen. Die Liste an verschiedensten Beschaffungsvorhaben, deren Preise massiv stiegen und deren Fähigkeiten hinter den Erwartungen blieben, ist lang. Die F-126 wird sich in puncto Kosten dennoch weit oben in diese Liste einreihen.Vor neun Jahren noch als «Mehrzweckkampfschiff 180» bezeichnet, sorgte bereits die Suche nach dem geeigneten Hersteller für hitzige Debatten. 2018 schieden mit Thyssenkrupp Marine Systems und Naval Vessels Lürssen (NVL) zwei deutsche Schwergewichte aus dem Vergabeverfahren aus; als Gründe wurden unter anderem Probleme bei IT-Sicherheit und Kosten genannt.Im Rennen blieben German Naval Yards Kiel und der niederländische Schiffbauer Damen Schelde Naval Shipbuilding. Anfang 2020 erhielt Damen den Zuschlag. Doch das war noch nicht das Ende: German Naval Yards focht die Entscheidung an und zog den Nachprüfungsantrag erst im Mai 2020 zurück.Die F-126 war damit schon vor Vertragsbeginn ein politisch sensibles Projekt: verzögert, umstritten und begleitet von der Frage, ob Deutschland ausgerechnet beim wichtigsten künftigen Kampfschiff der Marine industrielle Schlüsselkompetenz ins Ausland verlagert. Damen sicherte zu, dass 80 Prozent der Wertschöpfung aus Deutschland kommen werde.Wie aus 8 Milliarden 18 Milliarden wurden2020 wurde der Vertrag unterzeichnet. Vier Jahre später folgte die Kiellegung des ersten Schiffs – als Symbol der Zeitenwende. 2028 sollte das erste von insgesamt sechs Schiffen ausgeliefert werden. Dann rächte sich die deutsche Goldrandlösung: Die F-126 sollte eben möglichst viel können, möglichst lange mit modernen Waffensystemen bestückbar sein. Um dann im realen Beschaffungsprozess an Komplexität und vor allem an der Zeit zu scheitern.Ausserdem wurde das Projekt immer teurer: Aus anfänglich acht Milliarden für sechs Schiffe wurden zehn Milliarden. Die erste Fregatte sollte zuletzt im Jahr 2032 zulaufen. Ähnlich hatte es sich bereits bei der F-125 verhalten, deren erste Einheit 2017 wegen Mängeln zurückgewiesen wurde, und bei der Korvette K-130, deren letztes Modell 2013 mit sechs Jahren Verspätung in Dienst gestellt wurde.Der Versuch, das Projekt jetzt durch einen Wechsel des Generalunternehmers zu retten, war deshalb nur begrenzt attraktiv. Zu Frühjahrsbeginn hatte das zumindest nach aussen anders ausgesehen: Das Rüstungsunternehmen Rheinmetall, das derzeit massiv expandiert, hatte die deutsche Werft NVL übernommen und angepeilt, im Sommer als Generalunternehmer für die F-126 unter Vertrag zu kommen.Rückgriff auf kleinere FregattenEs wäre ein lukrativer Auftrag gewesen. Aus zunächst rund zehn Milliarden Euro für sechs Schiffe wurde nach Angaben des Verteidigungsministeriums ein Finanzbedarf von mehr als 18 Milliarden Euro. «Zu teuer, zu langwierig», entschied das Verteidigungsministerium, zumal mit den Meko-Fregatten eine Lösung gefunden ist. Im März beschloss man, vier dieser Schiffe als sogenannte Brückenlösung zu bestellen. Bis zur Fertigstellung der F-126 hätte die Marine diese Schiffe vorrangig genutzt. Auch danach hätten die Meko-Fregatten gute Dienste, etwa in der Ostsee, erweisen können.Nun setzt Berlin voll auf ein deutsches Exportschiff, das in zahlreichen Seestreitkräften im Einsatz ist, und das vom Hersteller ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) in Kiel produziert wird. Es wird in grossen Teilen «von der Stange» gekauft, muss also nicht erst langwierig geplant werden. Aus den ursprünglich vier Fregatten dieses Typs werden nun acht.Die Fregatte Meko A-200 ist als Ersatz für die inzwischen gescheiterte F-126 vorgesehen.TKMSDie Meko ist mit 122 Metern Länge kleiner als die F-126. Auch bei ihr werden deutsche Anforderungen integriert werden müssen. Aber sie beruht auf einem besser erprobten Design als die F-126, die letztlich wohl nie gebaut werden wird. Für die Marine ist besonders relevant, dass die Meko auf U-Boot-Jagd ausgerichtet werden kann. Sie ist kleiner und leiser, kann mit Sonar und entsprechender Sensorik ausgestattet werden und eignet sich für Einsatzräume wie Nordsee und Ostsee. Sie ersetzt nicht jede Fähigkeit der F-126, ist aber im Gegensatz zu ihr verfügbar. Ende 2029 soll das erste Modell zulaufen.Und Verfügbarkeit ist für eine Bundeswehr, die so rasch wie möglich «kriegstüchtig» sein will, unabdingbar. Die deutsche Regierung hat der Nato zugesagt, dass sie zur maritimen Aufrüstung des Bündnisses beitragen werde. Die russische Bedrohung im Nordatlantik, in Nord- und Ostsee, wird immer akuter. Unterseekabel, Pipelines, Häfen, Versorgungslinien und militärische Verlegungswege sind immer öfter von mutmasslich russischer Spionage und Sabotage betroffen. Zugleich verschiebt sich der Schwerpunkt der USA weiter in Richtung Indopazifik. Europa muss immer mehr selbst für seine maritime Sicherheit leisten.Zwei gescheiterte Projekte im JuniInsofern ist es nachvollziehbar, dass Pistorius die Notbremse gezogen und das Projekt beendet hat. Die Fortführung hätte weitere Milliarden gebunden, ohne das klar war, ob der Hersteller den Zeitplan hätte einhalten können. Die Marine hätte weiter auf ein Schiff gewartet, dessen Kosten und Risiken kaum noch zu vermitteln waren.Unglücklich ist der Zeitpunkt dennoch: Wenige Wochen zuvor war das deutsch-französisch-spanische Projekt FCAS gescheitert, zumindest der Bau eines neuen Kampfjets. Berlin hat für dieses Projekt bislang mindestens 465,9 Millionen Euro ausgegeben. Im Haushaltsentwurf 2026 waren zumindest weitere 1,2 Milliarden Euro eingeplant. Zusammen mit den 2,3 Milliarden für die F-126 also viel Geld für Grossprojekte, die in dieser Form nicht realisiert werden.Hinzu kommt, dass mit der sogenannten Digitalisierung Landbasierter Operationen (D-LBO) gerade eines der teuersten und heikelsten IT-Rüstungsprogramme der Bundeswehr sehr schleppend umgesetzt wird. D-LBO soll die landbasierten Kräfte der Bundeswehr digital vernetzen, damit Einheiten, Fahrzeuge und Führungsebenen Lagebilder, Befehle und Daten schneller, sicherer und einheitlicher austauschen können.Für D-LBO ist ein Gesamtvolumen von rund 11,5 Milliarden Euro veranschlagt. Der nun gebilligte Änderungsvertrag über rund 2,4 Milliarden Euro soll unter anderem knapp 32 000 zusätzliche Führungsfunkgeräte umfassen. Das Verteidigungsministerium betont, es handle sich dabei nicht um Mehrkosten des Programms, sondern um Ausstattung für neue Systeme und den Aufwuchs der Truppe. Bisher fällt das Projekt vor allem durch massive Pannen und Verzögerungen auf.Nicht nur eine Frage des GeldesDiese drei Grossprojekte haben gemein, dass sie aus der Zeit der «Goldrandlösung» stammen, als man sich noch länger andauernde Beschaffungsprojekte leisten konnte. Die Bundeswehr hat allerdings weiter mit den Folgen dieser Politik zu kämpfen. Zwar führt sie aussichtslose Beschaffungsprojekte nicht mehr fort. Wenn sie diese allerdings kassiert, erzeugt das unter vielen Bürgern den Eindruck, dass sie überhaupt nicht zur Beschaffung fähig sei.Inzwischen gelten andere Regeln. Seit der Deutsche Bundestag für Verteidigungszwecke die Schuldenbremse ausgesetzt hat, stehen faktisch unbegrenzte Mittel zur Verfügung. Das ist nachvollziehbar, denn der Investitionsstau in der Bundeswehr ist nach wie vor massiv, während die Bedrohungslage zunimmt.Offen ist allerdings, ob es der Bundeswehr gelingt, daran auch ihre Beschaffungspraxis anzupassen. Immer mehr Geld in überteuerte und ineffiziente Projekte zu stecken, nur um sie später doch beenden zu müssen, trägt nicht dazu bei, dass Truppe wie Bevölkerung ihr Geld in ihre Sicherheit investiert wissen.Damit steigt auch der Anspruch an das Verteidigungsministerium. Die Bevölkerung muss darauf vertrauen können, dass Milliarden nicht jahrelang in Projekten gebunden werden, die am Ende abgebrochen oder nur mit massiven Nachträgen gerettet werden können.Passend zum Artikel
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