Die Revolution des ecuadorianischen Fußballs begann, ohne dass jemand von ihr Notiz nahm. Im Jahr 2007 stieg der Unternehmer Michel Deller mit einigen Geschäftspartnern bei einem Klub ein, der nach seinem Gründer, einem Schuhmacher, benannt war. Independiente José Terán. Deller und seine Mannen machten das, was Investoren häufig machen. Sie drehten alles auf links.Rot, seit fünfzig Jahren Trikotfarbe des Klubs, wurde durch Schwarz und Dunkelblau ersetzt, der Name in Independiente del Valle umgeändert. Aufgeregt hat sich kaum jemand, Deller war vorausschauend genug, sich einen Drittligaverein in einem Vorort von Quito zu suchen, der keine großen Fanlager besaß wie die Klubs der Hauptstadt. Ein großer Vorteil. In Sangolqui konnte er seine Ideen verfolgen, ohne mit Widerstand rechnen zu müssen.Wem die Geschichte – reicher Businessmann legt sich einen Fußballverein zu – bekannt vorkommt, wer sich an Hoffenheim oder das Red-Bull-Konsortium erinnert fühlt, der liegt nicht falsch. Dellers Vorgehen weist einige Parallelen zu jenem von Dietmar Hopp oder Dietrich Mateschitz auf. Mit dem Unterschied, dass Erstgenannter gleich im nationalen Auftrag dachte. Weltmeister Ecuador, lautet Dellers Vision.Bei diesen Titelkämpfen wird er sich kaum noch erfüllen. Ecuador droht vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen Deutschland (22.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) das Aus, der Ertrag dieser Weltmeisterschaft ist bisher eine ziemliche Enttäuschung.Noch kein einziger Torerfolg für EcuadorTrotz teilweise ansprechender Leistungen reichte es für die Mannschaft des argentinischen Trainers Sebastián Beccacece bisher nur zu einem Punkt. Noch schlimmer ist nur, dass Ecuador zu den wenigen Teams gehört, die noch immer auf ihr erstes Tor warten. Gegen die Elfenbeinküste verlor man durch einen späten Gegentreffer. Danach gelang es nicht, Curacao zu bezwingen (0:0). Jenes Team, das zuvor 1:7 gegen Deutschland verloren hatte.Nun also alles auf Sieg gegen die Mannschaft von Julian Nagelsmann. „Unmöglich ist es nicht, im Fußball ist nichts unmöglich“, sagte Hernán Galíndez. Aber wie er dabei schaute, wie er die Backen aufblies, ließ beträchtliche Zweifel an seinen Worten erkennen.Die Entwicklung stagniertEin Ausscheiden nach der Vorrunde, so wie bei der vergangenen WM, würde als gewaltiger Rückschlag gelten. In Qatar wurde Ecuador vom scheidenden Trainer Gustavo Alfaro eine goldene Zukunft vorausgesagt, nun stagniert die Entwicklung. Eine niederschmetternde Erkenntnis beim Blick auf den Kader, der mehrere Hundert Millionen Euro auf dem Transfermarkt wert ist.Moisés Caicedo, Piero Hincapié und Willian Pacho haben über zweihundert Millionen an Ablöse generiert oder sind momentan mehr als diese Summe auf dem Transfermarkt wert. Caicedo, Hincapié und Pacho spielen bei Chelsea, Arsenal und Paris Saint-Germain, viel exklusiver geht es kaum. Nie in der Geschichte hatte Ecuador derart prominente, qualitativ hochwertige Fußballspieler.Made by Independiente als GütesiegelDie Frage, wo so viel Talent herkommt, führt wieder zu Michel Deller und in den Speckgürtel von Quito. Die Hälfte des Kaders von Ecuador, dreizehn Spieler, wurde bei Independiente del Valle ausgebildet, Dellers Verein. So auch Caicedo, Hincapié und Pacho. In beständiger Regelmäßigkeit bringt Indepentiente Spieler aus Ecuador auf den Weltmarkt. Vor Kurzem gab Borussia Dortmund die Verpflichtung von Justin Lerma bekannt. Auch er ist jung an Jahren (18), auch er ausgebildet bei Independiente. Genau wie die Quintero-Zwillinge Edwin und Holger, die als zwei der größten Talente Südamerikas gelten. Die Dienste der 16-Jährigen sicherte sich im Winter Arsenal.Die Kaderschmiede von Ecuador: Independiente del ValleAFPMade in Ecuador, made by Independiente ist zum Gütesiegel geworden, so wie es Deller und seine Gruppe wollten. Einer von ihnen, Franklin Tello, der heutige Präsident des Klubs, sagte vor einigen Jahren: „Wir müssen ganz unten, an der Basis erstarken. Dort liegt unsere Zukunft.“ Ähnlich wie Dietmar Hopp in Hoffenheim investierten die Unternehmer viel Geld in den Bau eines Nachwuchsleistungszentrums nach europäischen Standards.Das Centro del Alto Rendiemiento gilt unter seinesgleichen als Vorzeigeobjekt Südamerikas. Trainiert wird nach europäischen Methoden und Vorgaben, die Ausstattung ist modern, es gibt Kunstrasenplätze, Krafträume, Datenanalysten, Scouts, Köche und Psychologen. Und hervorragend ausgebildete Trainer, die nach klaren Leitlinien arbeiten. Ein zentraler Punkt ist, dass die individuelle Entwicklung über allem steht, auch vor dem mannschaftlichen Erfolg. Ein Leitspruch lautet: „Uns nützt niemand, der heute eine Meisterschaft gewinnt, sondern der, der morgen zur Elite aufsteigen könnte.“Endgültigen Auftrieb erhielt die Talentschmiede, als vor elf Jahren die Aspire Academy aus Qatar einstieg. Seitdem fließen noch mehr Geld und noch mehr Know-how. Jedes Jahr verlassen etliche Spieler Independiente für hohe Ablösesummen Richtung Europa.Klubs, die so gezielt auf den Nachwuchs setzen, gibt es in Südamerika nicht viele. Dabei würde das naheliegen. Der Reichtum an Talenten ist in jedem Land auf dem Kontinent gewaltig, Sport und Fußball im Besonderen gelten noch immer als einzige Möglichkeit zu gesellschaftlichem Aufstieg. Aber es gibt kaum Orte, an denen die Förderung so gezielt verläuft wie bei Independiente del Valle.Gerade erst wurde ein neues Leistungszentrum gebaut, in dem rund 200 Jungen und Mädchen wohnen und unterrichtet werden können. Im Internat finden sie meist bessere Verhältnisse vor als zu Hause, vor allem in Fragen der Ernährung. Das Geld für das neue Zentrum in Santo Domingo stammte aus dem Transfer von Moisés Caicedo zu Chelsea, rund 140 Millionen Euro überwiesen die Londoner an Brighton & Hove.Independiente hatte sich wie bei allen Transfers einen prozentualen Anteil am Weiterverkauf gesichert. Geld, durch das Ecuador in Zukunft bald wirklich eine Rolle im Weltfußball spielen könnte. Auch wenn es derzeit noch nicht danach aussieht.