Ecuador gehört zu den jüngeren WM-Teilnehmern; das südamerikanische Land, das vom Äquator geteilt wird, war 2002 erstmals dabei. Doch das heißt nicht, dass die Menschen dort nicht träumen würden, mitunter auf hochtrabende Weise. Niemand ist dabei so vermessen wie Michel Deller, der einst Architektur studierte, mittlerweile schwerreicher Franchisenehmer multinationaler Restaurantketten sowie von Einkaufszentren ist – und sich vor allem Besitzer und Präsident auf Lebenszeit des Fußballvereins Independiente del Valle nennen darf. „Er will Ecuador zum Weltmeistertitel führen, und er meint das vollkommen ernst“, sagt der spanische Fußballtrainer Miguel Ángel Ramirez, 41, der Independiente del Valle 2019 zur Copa Sudamericana führte, zum ersten internationalen Titel der kaum mehr als 50-jährigen Vereinsgeschichte.Ramírez hat Ecuador zwar längst wieder verlassen – zuletzt war er in Schweden bei Malmö FF –, aber er ist emotional eng mit der Mannschaft verbunden, die nun am Dienstag (Ortszeit) im Sechzehntelfinale der WM im Aztekenstadion auf Mexiko trifft. Das verwundert nicht. Wenn Ramírez auf dem Handy die Aufstellung der Ecuadorianer aufruft und mit dem virtuellen Stift die Spieler einkreist, die unter ihm gespielt haben, bleiben verlässlich nur zwei, drei Akteure übrig, die ohne ihn groß wurden. Torwart Hernán Galíndez, 39, Mittelstürmer Enner Valencia, 36, und der in Hamburg geborene offensive Mittelfeldspieler John Yeboah, 26.Die Abwehr aber, zusammen mit Mittelfeldspieler Moisés Caicedo, 24, vom FC Chelsea das Prunkstück der Ecuadorianer, wurde von Ramírez geformt. Allen voran mit zwei alten Bekannten aus der Bundesliga: dem ehemaligen Frankfurter Willian Pacho (Paris Saint-Germain) und dem früheren Leverkusener Piero Hincapié (FC Arsenal), die sich Ende Mai noch im Champions-League-Finale von Budapest gegenüberstanden, das PSG mit Pacho gewann. „Für mich markiert auch das den Einschnitt, den Independiente del Valle in der Geschichte des Fußballs in Ecuador markiert. Er unterteilt sie in ein Vorher und Nachher“, sagt Ramírez.Ursprünglich war gar nicht vorgesehen, dass Ramírez – der übrigens als Kind die Deutsche Schule in Las Palmas de Gran Canaria besuchte, aber „viel von der Sprache vergessen“ haben will – die erste Mannschaft bei Independiente übernimmt. Er war jahrelang in Katar an der Aspire-Akademie tätig gewesen, als ihn 2018 der Ruf von Roberto Olabe, dem heutigen Sportdirektor des Premier-League-Klubs Aston Villa, erreichte. Auch Olabe war von 2012 bis 2016 in Katar tätig gewesen, hatte Strukturen für die Nachwuchsförderung aufbauen wollen, Verbindungen zu Klubs in aller Welt hergestellt, unter anderem zu Independiente del Valle.Olabe wurde 2017 Sport-Chefstratege bei Independiente und vertraute Ramírez flugs die Koordination der Nachwuchsarbeit an. Und diese umfasste nicht nur die Anwendung der Trainingsmethoden, sondern auch und besonders die Weiterbildung des Trainerstabs. „Training, Trainingsvorbereitung, Mannschaftsführung, solche Dinge“, erklärt Ramírez. Das Resultat? Die Gruppe, die am bislang besten WM-Abschneiden der ecuadorianischen Geschichte kratzt – Einzug ins Achtelfinale, WM 2006 – besteht zur Hälfte aus Spielern von Independiente del Valle. „Ich weiß nicht, ob wir auf die talentierteste Generation des ecuadorianischen Fußballs schauen. Aber daran, dass es die am besten vorbereitete Generation ist, daran besteht für mich kein Zweifel“, sagt Ramírez.Independiente del Valle investierte massiv in seine InfrastrukturWas er in Sangolquí vorfand, einer 100 000-Einwohner-Stadt vor den Toren Quitos, war in doppelter Hinsicht faszinierend. Einerseits „eine Fülle an physischem und technischem Talent“, andererseits „die Notwendigkeit, diesem Talent Ordnung und Entwicklung zu geben, das Anforderungsniveau anzuheben“. Das Fernziel war dabei durchaus, die Spieler für den Verkauf ins Ausland vorzubereiten. Um die Investitionen zu refinanzieren. Und um die Mär zu beerdigen, dass ecuadorianische Fußballer nicht imstande seien, sich auf andere Ligen und andere Fußballkulturen einzulassen, schon gar nicht auf europäische.Um dies zu erreichen, investierte Independiente del Valle massiv in die Infrastruktur, und das beschränkte sich nicht nur auf das gigantische Trainingszentrum. Die Schule sei modernisiert worden, sei auf dem aktuellsten technischen Stand und habe das Niveau, das allenfalls private Institute in der Hauptstadt Quito haben, erzählt Ramírez. Zudem seien Psychologen, Lehrer und eben Trainer eingestellt worden. Von der U12 an aufwärts seien alle Coaches hauptamtlich tätig, und das hält er für bemerkenswert: „Ich glaube nicht, dass es weltweit viele Klubs gibt, die einen solchen Mitarbeiterstab unterhalten. Real Madrid und FC Barcelona meines Wissens jedenfalls nicht“, sagt er. Und dann gab es auch noch ein Netz an Scouts, die insbesondere in Esmeraldas, Guayaquil und Valle del Chota fündig werden, nicht nur, aber auch unter den Nachfahren der afroamerikanischen Bevölkerung.Ramírez sah sich einer Generation an Fußballern gegenüber, die beste physische Voraussetzungen mitbrachten: „einen famosen Biotyp, eine herausragende Muskelkraft, die sie sich nicht erst im Gym aneignen mussten“. Aber sie seien fortdauernden Anstrengungen tendenziell eher abgeneigt gewesen: „Es kostete viele Spieler große Überwindung, Anstrengungen zu wiederholen oder aufrechtzuerhalten, wenn der Ball fern war“, erklärt der Trainer. „Sie blieben dann stehen.“ Und so sei es eine der großen Aufgaben gewesen, Gewohnheiten zu entwickeln. Auch bei Heranwachsenden, die als Supertalente durchgingen. Zum Beispiel beim späteren Leverkusener und heutigen Arsenal-Profi Hincapié, 24.Dort landete im Sommer 2023 auch Willian Pacho, 24. Nach einem anderthalbjährigen Intermezzo beim belgischen Erstligisten Royal Antwerpen ging Pacho zur Eintracht nach Frankfurt. Dort fiel er den Scouts von Paris Saint-Germain stärker ins Auge als dem Kicker: Das deutsche Fachmagazin hatte Pacho in der berühmten Saison-Rangliste nicht mal unter den besten 20 Innenverteidigern der Saison 2023/24 eingeordnet. PSG zahlte angeblich 40 Millionen Euro – und damit nicht nur mehr als das Doppelte dessen, was Eintracht an Antwerpen gezahlt hatte. Sondern auch einen Preis über Marktwert.Bevor sie weiterzogen, setzten sich Willian Pacho, Frankfurt, und Priero Hincapié, Leverkusen, erst einmal in der Bundesliga durch. RHR-Foto/Imago„Als ich ankam, war Piero in der U16. Er war ein sehr schneller Linksverteidiger mit guter Ballbehandlung, gutem Spielverständnis, gutem Zweikampfverhalten, gutem Kopfballspiel.“ Aber: Hincapié sei fehleranfällig gewesen, weil er seinen Gegnern dermaßen überlegen war, „dass er es nie nötig hatte, ans Limit zu gehen, und immer wusste, dass er Fehler ausbügeln würde“. Die Medizin, die Ramírez ihm verabreichte, bestand darin, ihn in höhere Mannschaften zu ziehen, um ihn gegen Ältere spielen zu lassen, ihm Videos aus dem Training und aus den Spielen zu zeigen. Hincapié lernte, und er lernte rasch und gut, „weil er wach, smart, gewitzt und witzig ist“, erzählt Ramírez.Dass er Innenverteidiger sein wollte, sah er ihm nach; sauer sei er nur einmal geworden: als Hincapié, kaum, dass er in der ersten Mannschaft debütiert hatte, zu Ramírez kam und ihm mitteilte, ein Angebot vom argentinischen Erstligisten Talleres de Córdoba annehmen zu wollen, um seiner Familie ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Ausweislich seiner GPS-Daten, die bessere Leistungswerte auswarfen als bei nahezu allen anderen, älteren Spielern, war Hincapié „physisch eine Bestie“, sagt Ramírez. Die Furcht, Hincapiés Wechsel könnte zu früh kommen („bleib noch ein Jahr, du hast noch viel zu lernen“, will Ramírez zu Hincapié gesagt haben), verflog mit der Zeit. Hincapié schaffte den Sprung nach Europa, in die Bundesliga.Oft genügte es Pacho, die Beine um seinen Gegenspieler zu schlängelnWenn sich Ramírez an den jungen Pacho erinnert, sieht er einen anderen Spieler vor sich als Hincapié. „Er war ein sehr hochgewachsener Typ, mit riesig langen Beinen, der sich gegen Stürmer mit der Hüfte durchsetzte, dem es oftmals genügte, die Beine um seinen Gegenspieler zu schlängeln, um den Ball wegzuspitzeln“, sagte Ramírez.Pacho hatte andererseits koordinativen Nachholbedarf: „Sprünge zum Ball fielen ihm schwer, weil sein Körper zu schnell für sein Hirn gewachsen war, um die Bewegungen in Ordnung zu bringen.“ Er habe auch ein exzessives Verantwortungsgefühl gehabt. „Er neigte zum ‚overthinking‘, weil er eher an die zweite oder dritte Aktion oder den möglichen Fehler dachte statt an die unmittelbar anstehende Aufgabe.“ Bei PSG sei er freilich „mit dem kompletten Werkzeugkasten“ angekommen, er gilt längst als einer der besten Innenverteidiger der Gegenwart. Und: Er vergisst nicht. Als er sich für das Champions-League-Finale qualifiziert hatte, reservierte er eine Eintrittskarte für Ramírez.