Wie sehr Ecuador für seine Fußball-Nationalmannschaft brennt, erlebt der Besucher schon bei der Einreise am Flughafen in Quito. An den Tagen, an denen das Nationalteam bei der WM auftritt, empfängt die Grenzpolizei die Ankömmlinge am Flughafen nicht in Uniformen, sondern in den kanarienvogelgelben Mannschaftstrikots des Landes.Damit ist es fast ein bisschen schwierig, die Ordnungshüter von denen zu unterscheiden, deren Ordnung sie hüten sollen, denn fast alle tragen an den Spieltagen Gelb. Auffallen, das tun nur wir, die Gringos, die kein Trikot von „La Tricolor“ angezogen haben, wie die Nationalmannschaft von Ecuador mit Referenz an die drei Landesfarben genannt wird.F.A.Z.In vielen Ländern ist die WM eine willkommene Ablenkung von den Sorgen des Alltags, für die Zeit des Turniers verdrängt der Fußball den politischen Streit und die wirtschaftlichen Sorgen. Vielleicht gibt sich Ecuador diesem amnestischen Rausch besonders selbstvergessen hin, weil die Probleme in diesem Land besonders groß sind. Seit einigen Jahren halten die Drogenkartelle das Land in ihrem Würgegriff, die Wirtschaft liegt am Boden, und die Hafenstadt Guayaquil, in der der Fußball in Ecuador seinen Ursprung hat, zählt zu den gefährlichsten Orten der Welt.Gesenkte Bierpreise während der WMDer kollektive WM-Rausch im Land wird auch dadurch befördert, dass Präsident Manuel Noboa die Sonderverbrauchsteuer auf alle Getränke mit niedrigem Alkoholgehalt während der Dauer des Wettbewerbs gesenkt hat. Dadurch kostet Bier für diese Zeit etwa ein Fünftel weniger als sonst üblich. Sorgen davor, dass durch diese unkonventionelle Maßnahme die Produktivität leiden könnte, hat Noboa nicht. Er kalkuliert diese Folge sogar fest ein: Im Moment würden sich sowieso alle mehr auf Fußball als auf alles andere konzentrieren, sagte er, als er den Entschluss bekanntgab.Schon in der Vergangenheit wussten sich die ecuadorianischen Politiker diesen Fußball-Fokus ihrer Bevölkerung, der jedes andere Thema zu einer Nebensächlichkeit degradiert, zunutze zu machen. Unpopuläre Entscheidungen wurden mit Vorliebe gefällt, wenn ein großes Fußballturnier stattfand. Die Regierung kalkulierte damit, dass niemand demonstrieren würde, wenn La Tricolor spielt – und behielt recht.Der nationale Wahn muss wieder aufhörenAus diesem Grund gibt es Ecuadorianer, die die Fußball-Weltmeisterschaft verabscheuen und heute auf einen Sieg der Deutschen über ihr eigenes Heimatland hoffen – und zwar aus Heimatliebe. „Ich wünsche mir, dass wir ausscheiden, damit dieser nationale Wahn endlich aufhört und die Menschen wieder anfangen, sich für wichtigere Dinge zu interessieren“, sagt unser Freund Juan.Er kämpft gegen die Abholzung des Regenwaldes im ecuadorianischen Amazonasgebiet, und wenn er an Fußball denkt, hat er nicht Tore oder Punkte im Kopf, sondern eine Zahl, die sich allerdings auch in Fußball-Dimensionen bemisst: 2500 – so vielen Spielfeldern entspricht die Fläche, die zwischen 2017 und 2024 entlang des Napo-Flusses durch illegale Goldminen vernichtet wurden.Die Minen sind ein blutiges und schmutziges Geschäft, an dem nicht nur die Drogenbosse mitverdienen, sondern auch so mancher Politiker in der Region. Juan kennt auch den Trick, mit dem sich die korrupten Politiker an der Macht halten: Wenn Wahlen anstehen, spendieren sie den Dörfern großzügig Sportstätten, sodass sich überall dort, wo mehr als acht Häuser zusammenstehen, auch ein betonierter Bolzplatz findet.Wir schauen den drei Teenagern, die auf einem dieser Felder kicken, ein wenig zu und hoffen dabei ganz fest, dass wir die Nachfolger von Willian Pacho, Moises Caicédo und Piero Hincapié beim Kampf um den Ball beobachten und keine Jungen, der mangels Alternativen schon bald in einer illegalen Goldmine verschwinden.In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.