Caracas erwacht am Donnerstag in gespenstischer Ruhe. Der Morgenverkehr bleibt aus. Die Regierung hatte am Abend zuvor alle öffentlichen Aktivitäten suspendiert und den Notstand ausgerufen. Auf den Straßen sind Menschen zu sehen, die dennoch ihren Weg zur Arbeit suchen. Andere sitzen auf Matratzen vor ihren beschädigten Häusern, nachdem sie die Nacht aus Angst vor Nachbeben im Freien verbracht haben. Sie kamen mit dem Schrecken davon.Im Stadtbezirk San Bernardino können das nicht alle von sich behaupten. Am Straßenrand sitzt Lusiana Azuaje und blickt auf ein Trümmerfeld. Hier stand das fünfstöckige Mehrfamilienhaus, in dem ihr Cousin wohnte. „Ich habe seit dem Beben nichts mehr von ihm gehört“, sagt sie. Er sei vermutlich mit einer Freundin zu Hause gewesen, als das Gebäude einstürzte.Am Rand stehen Menschen und warten auf ein WunderSeit Mittwochabend laufen die Rettungsarbeiten. Rund 60 Hilfskräfte von Zivilschutz, Feuerwehr und Sicherheitskräften sind hier an den Bergungsarbeiten beteiligt, arbeiten sich durch die Trümmer des eingestürzten Hauses vor. Eine Lastwagenkolonne wartet auf der Straße, um den Schutt abzutransportieren. Am Rand stehen Menschen und warten auf ein Wunder.Einer der Zivilschützer bestätigt, dass bis zum Morgen drei Personen lebend aus den Trümmern geborgen werden konnten. Eine ältere Frau war bereits tot. Es wird ein schwerer Tag, sagt der Zivilschützer. Offenbar habe im Haus ein Fest mit 50 Personen stattgefunden, als das Erdbeben das Land erschütterte. „Wir müssen vorsichtig sein.“Zerstörung im Bundesstaat La Guaira besonders großUnd dennoch hat Caracas dem Erdbeben weitgehend getrotzt. Die Schäden sind massiv, doch nur vereinzelt kam es zum Einsturz von Gebäuden. Einige Stadtteile waren in der Nacht ohne Strom und Mobilfunknetz. Doch von der ganz großen Katastrophe ist Caracas verschont geblieben.In Catia La Mar: Anwohner blicken auf ein stark zerstörtes Gebäude.AFPGanz anders ist die Situation im benachbarten Bundesstaat La Guaira, wo sich der internationale Flughafen von Caracas sowie der wichtigste Hafen des Landes befinden. Bilder und Videos, die sich in den sozialen Netzwerken verbreiten, lassen ein großes Ausmaß der Zerstörung erahnen. Viele Leute berichten, dass es ihnen nicht möglich sei, Verwandte und Bekannte in der Region zu kontaktieren. Laut dem Zivilschutz ist die Gegend derzeit kaum zugänglich, da die wichtigste Verkehrsachse blockiert sei.Auch die Krankenhäuser in La Guaira sind nicht mehr funktionsfähig. Erste Verletzte aus der Region trafen schon in der Nacht auf Donnerstag in Caracas ein. Vor einem privaten Krankenhaus im Stadtbezirk San Bernardino hält eine Ambulanz, die Rettungskräfte laden einen schwer verletzten Mann aus. Auch er stammt aus La Guaira, wie ein Mitarbeiter bestätigt. „Wir sind an unserer Kapazitätsgrenze angelangt und können keine weiteren Patienten annehmen“, sagt er. Das Krankenhaus hat rund 50 Betten.Vor dem Eingang steht Eduardo Lara, der ebenfalls aus dem benachbarten Bundesstaat stammt. Seine Frau und seine Tochter, beide leicht verletzt, werden drinnen gerade versorgt. Sein Haus sei eingestürzt, die Nachbarhäuser ebenfalls, berichtet er. „Nur wenige Häuser sind stehengeblieben.“ Immer wieder kommen Leute vorbei und fragen nach ihren Angehörigen, die sie vermissen. In den sozialen Netzwerken haben sich Gruppen und Plattformen gebildet, auf denen Venezolaner ihre Angehörigen suchen.