Caracas (dpa) - Zwei schwere Erdbeben innerhalb von nur 39 Sekunden haben in Venezuela mindestens 164 Menschen das Leben gekostet. Außerdem gebe es knapp tausend Verletzte, teilte die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez am frühen Morgen in der Hauptstadt Caracas mit. Am schwersten war der Bundesstaat La Guaira an der Karibikküste getroffen, wo auch der internationale Flughafen und der wichtigste Seehafen des Landes liegen.Allein in der Region stürzten am Mittwochabend nach Angaben der Behörden Dutzende Gebäude ein, zahlreiche Menschen wurden verschüttet. Die Regierung rief den Notstand aus. Deutschland, die USA und andere Länder boten Hilfe an oder verkündeten die Entsendung von Rettungsteams.Retter arbeiten mit bloßen HändenDie Hilfe aus dem Ausland ist auch dringend notwendig, da das Land offenbar nicht im Geringsten auf eine Tragödie dieser Größenordnung vorbereitet war. „Viele Rettungskräfte des Zivilschutzes haben uns gesagt, dass sie mit den Händen, ja mit den Nägeln arbeiten. Nach und nach treffen Ausrüstungen und Werkzeuge ein, aber das ist nicht ausreichend“, berichtete aus Caracas die Korrespondentin des spanischen TV-Senders RTVE, Carolina Alcalde. Die Einsatzkräfte hätten die ganze Nacht gearbeitet und seien völlig erschöpft.Nach Tagesanbruch gingen die Rettungsarbeiten trotz der Ermüdung aber unvermindert weiter. Auf TV-Bildern war zu sehen, wie Helfer auf den Trümmerbergen ohne jede Sicherheitsausrüstung und oft nur mit den Händen oder mit Schaufeln einzelne Steine und Gegenstände beiseite räumten, um Verschüttete zu finden. „Nachts habe ich gehört, wie viele in den Trümmern um Hilfe schrien“, erzählte der junge Luis Reyes in RTVE. Eine unter Schock stehende Frau rief in die Kameras: „Es war wie in einem Horrorfilm.“Es bebte an einem FeiertagDie Beben, die laut der US-Erdbebenwarte USGS eine Stärke von 7,2 und 7,5 hatten, ereigneten sich gegen 18.00 Uhr Ortszeit an einem Feiertag. Viele Menschen waren daher zu Hause oder verbrachten die Zeit im Freien. Am 24. Juni erinnert Venezuela an die Schlacht von Carabobo gegen die spanische Kolonialmacht im Jahre 1821. „Es sind intensive Rettungsarbeiten zugange, um die Leben zu retten, die Gott uns retten lässt“, sagte die Präsidentin.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Rodríguez sprach von einer Tragödie und einem Erdbeben „noch nie dagewesenen Ausmaßes“ in dem südamerikanischen Land. Vergleichbare Erdstöße hatte es zuletzt im Jahr 1900 gegeben. Dutzende Nachbeben lösten unterdessen auf den Straßen immer wieder Panik aus. Die Erdstöße waren auch in den Nachbarländern Brasilien und Kolumbien zu spüren, nennenswerte Auswirkungen wurden dort zunächst aber nicht gemeldet.Deutlicher Anstieg der Opferzahlen befürchtetEine Modellrechnung der US-Erdbebenwarte legte nahe, dass die Opferzahl noch weiter steigt. Offizielle Zahlen zu Vermissten gab es zunächst nicht. Aber auf Internetseiten, die nach den Beben eingerichtet wurden sowie in sozialen Medien kursierten Listen mit den Namen von Menschen, die von ihren Familien gesucht werden. Demnach galten am Tag nach der Katastrophe rund 12.000 Menschen als vermisst - verifizieren lassen sich diese Daten jedoch nicht.Es gibt mutmaßlich Tausende Vermisste. Pedro Mattey/AP/dpaNach den Beben fiel vielerorts die Strom- und Wasserversorgung aus, auch das Mobilfunknetz und das Internet funktionierten zeitweise nicht, wie Bewohner berichteten. Der Zugverkehr wurde eingestellt, der internationale Flughafen wurde wegen Schäden geschlossen. Auch die U-Bahn in Caracas stellte den Betrieb ein. Schulen blieben auch geschlossen.Das erdölreiche Land erlebt turbulente politische Zeiten. Im Januar hatte das US-Militär den Machthaber Nicolás Maduro gefangengenommen und in die USA gebracht. Rodríguez ist geschäftsführend im Amt.Ungewöhnlich: Zwei schwere Beben innerhalb einer MinuteZwischen beiden Erschütterungen lagen laut USGS nur 39 Sekunden. Das erste Beben ereignete sich am Mittwoch um 18.04 Uhr (Ortszeit; 0.04 Uhr MESZ Donnerstag), 24 Kilometer östlich von San Felipe im Nordwesten des Landes in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. Das zweite, stärkere Erbeben ereignete sich wenige Kilometer weiter nördlich in nur rund zehn Kilometern Tiefe. Wegen der geringen Tiefe dürften die Auswirkungen des zweiten Bebens größer sein.Allein in den relativ nahe gelegenen Städten Puerto Cabello und San Felipe leben nach USGS-Angaben zusammen etwas mehr als 400.000 Menschen. Auch dort war vom Einsturz von Gebäuden und erheblichen Schäden die Rede. Die automatische Modellrechnung der US-Erdbebenwarte basierend auf der Stärke des Bebens und der Nähe einiger Städte legte eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit von mehr als 1000 Todesopfern nahe. Die Millionenstadt Caracas, aus der nach den Beben die ersten Bilder und Berichte kamen, lag dabei nicht besonders nah am Epizentrum, sondern rund 200 Kilometer östlich davon. Dort und in mehreren Bundesstaaten im Norden kam es zu teils großen Schäden, wie Rodríguez sagte.Trump, Merz und andere sagen Hilfe zu: „Tief betroffen“US-Präsident Donald Trump sicherte schnelle Hilfe zu. Er habe alle Behörden angewiesen, sich darauf vorzubereiten, schnell zu helfen, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. „Wir werden für unsere neuen und großartigen Freunde da sein“, schrieb er - wohl mit Blick auf die Übergangsregierung in Caracas. Außenminister Marco Rubio erklärte, die Regierung bringe sofort Such- und Rettungsmannschaften sowie humanitäre und medizinische Hilfe auf den Weg.Auch andere Länder sagten sofort Hilfe zu, darunter auch die Bundesregierung. „Die Nachrichten vom fürchterlichen Erdbeben in Venezuela machen tief betroffen. Deutschland steht an der Seite Venezuelas und wird helfen“, schrieb Bundeskanzler Friedrich Merz auf X.„Hatte noch nie so viel Angst!“Im Netz verbreiteten sich Videos von beschädigten Gebäuden und weiteren Schäden, darunter am internationalen Flughafen. Von der dpa verifizierte Aufnahmen zeigen die Erschütterungen sowie herabstürzende Decken- und Gebäudeteile, während Menschen aus den Terminalgebäuden flüchten.Das Ausmaß der Tragödie ist noch nicht bekannt. Ariana Cubillos/AP/dpaBewohner von Caracas berichteten von schweren Schäden und schilderten ihre Eindrücke. „Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Angst gehabt, es war fürchterlich“, berichtete eine 57-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. „Bei uns in der Nähe sind zwei Hochhäuser eingestürzt, am Nachbargebäude fehlen Wände“, ergänzte sie. Ihr Hochhaus sei aber weitgehend verschont geblieben. In ihrer Wohnung seien Möbel umgestürzt und Bilder von den Wänden gefallen.Von heftigen Erschütterungen erzählte auch ein Bewohner aus der Nähe der Stadt Maracay, die rund 100 Kilometer vom Epizentrum entfernt ist. „Ich saß im Auto und der Wagen hat sich hin und her bewegt als handele es sich um ein Blatt Papier“, sagte er der dpa.Aus La Guaira erzählte der betroffene Anwohner José Rolón in RTVE: „Sehr viele Häuser sind vollständig eingestürzt. Mein eigenes Haus ist unbewohnbar.“ Es gebe auf den Straßen viele weinende Menschen, und auch andere, die versuchten, Häuser zu plündern. Man sehe auch Leichen auf den Straßen. „Es gibt keinerlei Informationen. Wir sind hier alle unserem Schicksal überlassen. Es ist, als würde der Staat nicht existieren“, beklagte er sich.Innenminister warnt vor gefährlichen NachbebenInnenminister Diosdado Cabello sprach im staatlichen Fernsehen von einer „äußerst alarmierenden Situation“ und rief die Menschen dazu auf, an sicheren Orten zu bleiben. Nach schweren Erdbeben seien Nachbeben zu erwarten, die bereits beschädigte Gebäude zum Einsturz bringen könnten. Um Explosionen zu verhindern, hätten die Behörden angeordnet, die Gaszufuhr zu unterbrechen.Die venezolanische Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin María Corina Machado, die sich derzeit nicht in Venezuela aufhält, schrieb auf der Plattform X: „Mein Herz, meine unendliche Umarmung und meine Gebete gelten in diesen Stunden der Not jeder venezolanischen Familie. Mögen Stärke, Ruhe und Solidarität in dieser schwierigen Zeit unter uns herrschen.“© dpa-infocom, dpa:260625-930-278337/12