Zehn Wochen vor der Landtagswahl am 6. September ist in Sachsen-Anhalt eine Debatte über einen möglichen Hitlergruß des dortigen AfD-Landesvorsitzenden Martin Reichardt entbrannt. Anlass ist ein Foto, auf dem der Bundestagsabgeordnete Reichardt mit ausgestrecktem linken Arm zu sehen ist.Das Foto, dessen Authentizität von der sachsen-anhaltischen AfD nicht bestritten wird und über das zuerst „Politico“ berichtete, stammt vom 7. Juni 2020. Es zeigt Reichardt, stehend und mit straff erhobenem linken Arm, während der Arzt und Corona-Verschwörungstheoretiker Markus Motschmann ihm kniend ein weißes Papier überreicht. Der AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider steht erheitert daneben.Wegen des Fotos wird Reichardt aus anderen Parteien zum Rücktritt aufgefordert. Der CDU-Landesvorsitzende und Ministerpräsident Sven Schulze forderte seinen AfD-Herausforderer Ulrich Siegmund zum Einschreiten auf. „Ein Hitlergruß ist ein Bekenntnis, kein Ausrutscher“, äußerte Schulze. „Tillschneider und Reichardt müssen als untragbar ausgeschlossen werden. Alles andere ist nicht nur Billigung, es ist Zustimmung und Nazibekenntnis.“ Auch die Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz forderte Reichardt zum Rücktritt auf: „Ein Hitlergruß ist kein Ausrutscher und kein schlechter Scherz.“Hintergrund bildet wieder das Zerwürfnis in der „Pokerrunde“Reichardt und die AfD bestreiten, dass es sich um einen Hitlergruß gehandelt habe. Es habe sich vielmehr um einen angedeuteten „Ritterschlag“ für Motschmann gehandelt, der in dieser Szene seinen AfD-Mitgliedsantrag an Reichardt übergeben habe.Politico beruft sich in seiner Berichterstattung auf zwei Zeugen, laut denen Motschmann das Papier mit den Worten „Mein Führer“ übergeben habe, was dieser bestreitet. Laut den Zeugen habe es sich erkennbar um einen Hitlergruß gehandelt, berichtet Politico. Der Hitlergruß wurde im Nationalsozialismus allerdings meist mit dem rechten Arm dargeboten, und nicht mit dem linken Arm wie auf dem Foto. Auch eine Demutsgeste wie ein Kniefall passt nicht zum symbolischen Repertoire des Nationalsozialismus, der straffe Körperhaltungen glorifizierte.Nach Darlegung der AfD ist das Foto 2020 während einer Grillfeier auf dem Grundstück des AfD-Politikers Jan Wenzel Schmidt entstanden. Schmidt, Reichardt und Tillschneider gehörten zum damaligen Zeitpunkt der sogenannten Pokerrunde an, einem kleinen Kreis, der die sachsen-anhaltische AfD jahrelang weitgehend unter seiner Kontrolle hatte. Ende 2024 kam es jedoch zu einem Zerwürfnis zwischen Schmidt und anderen Mitgliedern der „Pokerrunde“. Schmidt wurde in der Folge aus der AfD-Bundestagsfraktion ausgeschlossen, gegen ihn läuft zudem ein Parteiausschlussverfahren. Im Zuge der Auseinandersetzung gelangen in den vergangenen Monaten immer wieder Parteiinterna an die Öffentlichkeit, so etwa die zahlreichen Fälle von Vetternwirtschaft in der sachsen-anhaltischen AfD.Strafrechtlich hat Reichardt wohl nichts zu befürchtenStrafrechtlich hat der 56 Jahre alte Martin Reichardt, der in einigen Tagen auf einem Parteitag als AfD-Landesvorsitzender bestätigt werden soll, wegen seiner auf dem Foto festgehaltenen Geste nichts zu befürchten. Das Bundesverfassungsgericht hat 1995 zwar entschieden, dass auch ein Hitlergruß mit dem linken Arm durch die Strafgerichte „unbedenklich als Verwendung eines nationalsozialistischen Kennzeichens“ gewertet werden kann. Der Hitlergruß sei in der Regel mit dem rechten Arm gezeigt worden, unter besonderen Umständen, etwa bei körperlicher Behinderung, sei er aber auch mit dem linken Arm ausgeführt worden, schrieben die Karlsruher Richter damals.Im Falle des nun öffentlich gewordenen Fotos liegt die Verjährungsfrist allerdings bei fünf Jahren, die Tat wäre also bereits verjährt. Zudem spielte sich die Szene nach übereinstimmenden Angaben während einer Grillfeier auf einem Privatgrundstück ab. Strafbar ist jedoch nur der Hitlergruß in einer politischen Versammlung oder in der Öffentlichkeit, also vor Personen, mit denen man nicht persönlich verbunden ist.