Der AfD-Landeschef in Sachsen-Anhalt soll den Hitlergruss gezeigt haben. Konsequenzen muss er kaum befürchtenMartin Reichardt behauptet, seine Geste mit dem linken Arm sei ein «humoresker Ritterschlag» gewesen. In AfD-Kreisen kursiert eine Vermutung, wer hinter der Weitergabe des Bildes an die Medien stecken könnte.25.06.2026, 15.08 Uhr3 LeseminutenHitlergruss oder «Ritterschlag»? Der sachsen-anhaltische AfD-Landeschef Martin Reichardt steht im Zentrum der Kritik.Sean Gallup / GettyDie AfD in Sachsen-Anhalt kann optimistisch auf die Landtagswahl im Herbst blicken. In Umfragen ist sie verlässlich erstplatziert und könnte möglicherweise die absolute Mehrheit erlangen. Dann würde die Rechtsaussenpartei erstmals in Deutschland einen Ministerpräsidenten stellen. Nun werden jedoch Vorwürfe gegen den sachsen-anhaltischen AfD-Landeschef Martin Reichardt laut, der auch der Bundestagsfraktion der Partei angehört. Er soll im Juni 2020 den Hitlergruss gezeigt haben, heisst es im Podcast «Inside AfD» des Politikmagazins «Politico».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf einem Foto, das die Szene zeigen soll, sieht man Reichardt vor einem knienden Mann, der ein Blatt Papier hochhält. Bei dem Dokument soll es sich um einen AfD-Mitgliedsantrag handeln, bei der knienden Person um den als «Anti-Drosten» bekannt gewordenen Corona-Massnahmen-Gegner Markus Motschmann, bei dem Ort um einen Hof im sachsen-anhaltischen Börde. Reichardt steht vor Motschmann und macht mit dem linken Arm eine Geste, die wie ein Hitlergruss anmutet. Neben Reichardt steht Hans-Thomas Tillschneider, stellvertretender AfD-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt, und lacht.«Alles, nur kein Hitlergruss»Gegenüber «Politico» gaben die Beteiligten an, das Foto sei authentisch, die Szene habe so stattgefunden. Dass Motschmann Reichardt mit «Mein Führer» angesprochen habe, wie Zeugen berichteten, bestritten sie jedoch. Auch sei die Geste kein Hitlergruss gewesen, sagte Reichardt. Er sprach von einem «humoresken Ritterschlag» im Kontext eines AfD-Mitgliedsantrages von Motschmann. Dieser hingegen stritt zwar nicht ab, dass es sich um einen Hitlergruss gehandelt habe, nannte die Geste aber einen «Joke», also einen Witz. Der Nationalsozialismus interessiere ihn «überhaupt nicht, mich interessiert Deutschland 2026», so Motschmann.Der zum Zeitpunkt des Fotos im sachsen-anhaltischen Haldensleben tätige Chefarzt hatte 2020 und 2021 die Aufnahme als Parteimitglied beantragt, was aber durch den damaligen Bundesvorstand um den Vorsitzenden Jörg Meuthen verhindert worden war. Dennoch konnte Motschmann 2021 als parteiloser Landtagskandidat für die AfD antreten, war aber erfolglos. Die Auseinandersetzungen um seine Mitgliedschaft standen unter dem Stern eines Richtungsstreits, in dem Meuthen die moderate Strömung vertrat und die sachsen-anhaltische AfD um Tillschneider und Reichardt den völkisch-rechtsnationalen «Flügel». Meuthen trat schliesslich 2022 resigniert aus der AfD aus.Der amtierende sachsen-anhaltische Ministerpräsident Sven Schulze, der bei der Wahl im September als Spitzenkandidat der CDU auftritt, kommentierte: «Ein Hitlergruss ist ein Bekenntnis, kein Ausrutscher. Wer so etwas zeigt, hat in einem Parlament nichts verloren.» Auch die Spitzenkandidaten der Grünen und der Linken zeigten sich entsetzt.Der AfD-Landesverband in Sachsen-Anhalt jedoch stellte sich am Mittwoch hinter Reichardt und sprach in einer Stellungnahme von einem «krampfhaften Versuch, eine Schmutzkampagne zu starten». Reichardts Geste sei «alles, nur kein Hitlergruss» gewesen. In der Bundespartei äusserte man sich vorsichtiger. Stephan Brandner, ihr stellvertretender Vorsitzender, sprach von einer «ungünstigen Fotosituation». Die Bundestagsfraktion dulde das Zeigen von Hitlergrüssen nicht. Für ein Fraktionsmitglied, das einen Hitlergruss zeige, würde es «eng», so Brandner.Vorwürfe perlen an der AfD abGleichzeitig kursiert in der AfD die Vermutung, hinter der Weitergabe der Geschichte und des Fotos stecke der sachsen-anhaltische Bundestagsabgeordnete Jan Wenzel Schmidt. Auf Nachfrage der NZZ bestritt er den Vorwurf. Schmidt steht seit geraumer Zeit mit seinem Landesverband im Clinch. Ihm droht der Parteiausschluss.Erst Mitte des Monats hatte das AfD-Bundesschiedsgericht seinen vorläufigen Parteiausschluss und den Entzug seiner Mitgliedsrechte bestätigt. Ihm werden parteischädigendes Verhalten und Vetternwirtschaft vorgeworfen. Auch er wirft der AfD-Führung in Sachsen-Anhalt Vetternwirtschaft vor und hatte diese Vorwürfe im Februar ausführlich dem Portal «Nius» geschildert.Doch selbst die von Schmidt kritisierten, gut dokumentierten Praktiken der sachsen-anhaltischen AfD, Verwandte bei Parteifreunden zu beschäftigen, perlten an der Partei ab. Die Umfragewerte stiegen sogar noch. Deswegen spricht derzeit nichts dafür, dass der Streit um den vermeintlichen Hitlergruss der AfD im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt nennenswert schaden wird.Auch juristische Folgen muss Reichardt nicht befürchten. Denn obschon es gemäss einem Urteil des Oberlandesgerichts Hamm justiziabel sein kann, einen Hitlergruss mit dem linken Arm zu zeigen, wäre der Vorfall mittlerweile verjährt.Passend zum Artikel