Hat er oder hat er nicht? Nach Recherchen von „Politico“ und „Welt“ soll AfD-Politiker Martin Reichardt vor sechs Jahren den Hitlergruß gezeigt haben. Reichardt bestreitet das. Die Partei erklärte, der Landeschef habe einen „Ritterschlag“ zeigen wollen.Die Vorwürfe treffen keinen abseitigen Provokateur, sondern eine Schlüsselfigur. Reichardt führt die AfD in Sachsen-Anhalt, wo im Herbst gewählt wird, und will nächste Woche wieder in den Bundesvorstand gewählt werden.„Die Frage ist, ob so etwas strategisch platziert wurde oder nicht“, analysiert Politikwissenschaftler Benjamin Höhne im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Klar ist: AfD-Vertreter senden Signale ins ganz rechte Lager und distanzieren sich bei Kritik wieder.“ In rechtsextremen Kreisen sei klar, wie so etwas zu verorten ist: „Für die AfD ist wichtig, rechts von sich keinen Raum zu lassen. Die Nähe zu Rechtsextremisten kann nicht überraschen“, sagt Höhne.Reichardt stand bereits Anfang des Jahres im Zuge der sogenannten Vetternaffäre in der Kritik. So sollen laut „Mitteldeutscher Zeitung“ zum Zeitpunkt der Recherchen die Ehefrau und Tochter des Abgeordneten Jan Wenzel Schmidt in Reichardts Büro gearbeitet haben. Beim Landtagsabgeordneten Lothar Waehler hingegen eine Tochter Reichardts, zusammen mit der Ehefrau Schmidts.Die AfD Sachsen-Anhalt berief sich gegenüber Anfragen auf Persönlichkeitsrechte und wies die Vorwürfe zurück.Würde ein Hitlergruß zu Martin Reichardt passen? Im aktuellen Verfassungsschutzbericht für Sachsen-Anhalt heißt es, Funktions- und Mandatsträger der Landespartei, an deren Spitze Reichardt steht, unterhielten Verbindungen „in das gesamte rechtsextremistische Spektrum“.Laut Recherchen der „Zeit“ aus dem Jahr 2018 soll Reichardt eine Mitarbeiterin aus dem rechtsextremen Milieu eingestellt haben.Reichardt selbst war lange Bundeswehroffizier, hat in dieser Zeit beim Militär Pädagogik studiert und sitzt seit 2017 im Bundestag. Der 56-Jährige gilt als einer der wichtigsten Vertreter des offiziell aufgelösten rechten Flügels rund um den Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke.„Gerade die AfD-Landesverbände in Ostdeutschland haben die Radikalisierung der Partei vorangetrieben“, sagte Höhne.Inhaltlich beschäftigt sich Martin Reichardt primär mit Bildungspolitik, ist bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Noch vor einem Monat erklärte er bei einem Pressefrühstück der Fraktion: „Deutschland steckt in einer tiefgreifenden Bildungskrise.“Reichardt, an diesem Tag in kariertem Anzug samt brauner Weste, die Haare stramm nach hinten gekämmt, kritisierte Lehrpläne und plädierte für das Recht auf Heimunterricht, weil es Eltern gebe, die „mit Recht“ das Vertrauen in das deutsche Bildungssystem verloren hätten.Es ist davon auszugehen, dass Reichardt maßgeblichen Einfluss auf das Wahlprogramm seiner Partei für die Landtagswahl im September hatte, insbesondere im Bereich der Bildung.So heißt es da, die AfD setze auf die Vermittlung der „Erfolgsgeschichte dieses Staates“. Das 19. Jahrhundert als „wichtigste Zeit für die deutsche Nationswerdung“ komme derzeit zu kurz, so heißt es. Im Bereich der Kulturpolitik schreibt die Partei, Vergangenheitsbewältigung sei „die Verewigung eines Schuldkomplexes“. Die AfD Sachsen-Anhalt wolle „diese Identitätsstörung durch eine neue, patriotische Kulturpolitik heilen“. „Sonderklassen“ für Flüchtlingskinder Kinder sollen zu „Patriotismus“ erzogen werden, indem etwa an jedem Schultag die Nationalflagge gehisst und bei Feiern die Nationalhymne gesungen werden soll.Kinder aus Flüchtlingsfamilien sollen nach dem Willen des Landesverbands in „Sonderklassen“ beschult werden. Dabei gelte es, „unsere Kinder von den vielfältigen Belastungen freizuhalten, die sich beim gemeinsamen Unterricht mit Kindern aus völlig fremden Kulturen ergeben“, heißt es im Wahlprogramm. AfD-Spitzenkandidat für Sachsen-Anhalt Ulrich Siegmund (r.), mit dem Landesvorsitzenden Martin Reichardt. © dpa/Hendrik Schmidt In Sachen Hitlergruß wehren sich nun zahlreiche AfD-Vertreter vor allem online, sprechen von „Fake News“ und einer „Schmutzkampagne“. Wie so häufig bei derartigen Vorfällen werden Bilder von Politikern anderer Parteien gepostet, die, in einem ungünstigen Moment fotografiert, ebenfalls wirken, als zeigten sie die verbotene Geste.Was bleibt? „Ich gehe davon aus, dass der Vorgang der Partei kaum schadet, ebenso wenig wie die Vetternaffäre“, sagt Höhne. „Freilich besteht die Gefahr, dass gemäßigte Wähler verprellt werden. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass sich das bei Wahlen niederschlägt.“